Ist Joseph Beuys 2021 der, der er ist?

Jungfrau 1961

Hundert Jahre Beuys! Was soll denn das? War er mit der Geburt schon Joseph Beuys oder wurde er erst im Laufe seines Lebens zu der Person, die wir mit ihm verbinden? Wann wurde er der, der er ist?

Oder stellt sich die Frage so: Was/wer ist Joseph Beuys geworden?

Jubiläen dienen der Überlegung: Was ist zu bewahren, zu erneuern, zu ehren?

Lesen wir Zeitungsartikel, die zu diesem Jubiläum erschienen sind, hören oder sehen wir Berichte,  besuchen  Ausstellungen – ich sah die im 21er Haus in Wien –  so zeigt die Fülle der Aufmerksamkeiten, der Stein ist immer noch am Rollen. 

Nur, welcher Stein?  

Einer aus Pappmaché, der Stein der Weisen, der Stein des Sisyphus, der rollt und rollt, wie die unaufhaltsame Flut an Nachrichten? 

Den Stein der Weisen wollen wir am allerwenigsten finden, können wir doch nur alles falsch machen, haben wir ihn gefunden.  Aber vielleicht ist das ja einer der Umwege „auf der Suche nach dem Dümmsten“, um der Beuys’ Maxime ein Stück näher zu kommen.

Wir sind mit all dem Gezappel, das zur Zeit um Beuys stattfindet, schon ein großes Stück weiter gekommen, denn oberflächlicher und dünner kann Beuys nicht mehr vermittelt werden, als zu diesem Jubiläum!

Sogar die Anthroposophische Gesellschaft widmet Beuys ein Symposion, an dem alle Pharisäer teilnehmen werden, um sich gegenseitig ihre Positionen zu bestätigen!

Ob dort der Inhalt der Botschaft von Joseph Beuys erneuert werden kann, ist fraglich, hängt diese Vereinigung doch mehr an Steiners Worten, statt dessen Impulse in die Gegenwart zu tragen.

Den Zustand, in dem sich die  „Soziale Skulptur“ der Gegenwart befindet, wird bei den sogenannten Ringvorlesungen (1) deutlich, die unter der Leitung Prof. Timo Skrandies an der Heinrich Heine Universität anlässlich des Beuysjahres online stattfinden. An ihnen wird sichtbar, wie akademische Institutionen im Käfig ihrer Disziplin gefangen bleiben. 

Beuys kann nicht mit den üblichen kunstgeschichtlichen Methoden erfasst werden. Auch wenn Beuys-Worte immer und immer wieder heruntergebetet werden, sie kommen innerhalb sozialer Gebilde, die gegenüber wärmeplastischer Gestaltung resistent sind, nicht zum Klingen (2).

Beuys war auch schon zu Lebzeiten umstritten, wir – seine Freunde, Mitarbeiter, Schüler, die ihm Nahestehenden – hatten schon vor seinem Tod erlebt, welche Front aus Hass, Missgunst, Neid und unbeschreiblicher Besserwisserei sich gegen seine Person, seinen frühen kometenartigen Aufstieg, seinen Einfluss, sein Werk und  seine Ideen aufgebaut hatte.

Die Jungfrau 1961 

Nehmen wir seine Skulptur aus dem Jahre 1961, die er Jungfrau nannte, deren getrennte Körperglieder unförmig herumliegen und schwer bewegt werden können – wie ein Bild, an dem wir das Gedenken an Beuys messen können. Da liegt Maß und Masse, woran wir uns orientieren können.

Die übergroße Marionette, deren Glieder aus grob behauenen Balken, einem unförmigen Kluibenschädel, einem Körper, der tailliert ausgeführt wurde, ist mit dicken Seilen verbunden. Wie ein archaisch weiblicher Vorfahre des Gulliver, wie Gilgamesch als Frau, deren Körper die Welt, ja das ganze Weltall darstellt, deren Augenbrauen die Wälder bilden, die unsere Erde bedecken.

Wir kriechen wie Liliputaner auf ihr herum und wissen nie genau, ob wir uns gerade in den Nasenhaaren des Universums verfangen haben, während wir vermeintlich im Freizeitpark unserer Konsumwelt herumirren, uns gerade einem PCR-Test unterziehen oder von Schamhaaren träumen.

Stellen wir den kulturgeschichtlichen Bezug zur Beuysschen „Jungfrau“ her, kommen wir unversehens zu Raffaels Sixtinische Madonna.

Innerhalb der katholischen Theologie ist die Mutter Gottes ein Bild der Erde und der Kirche als Voraussetzung für Christi Geburt. Sie steht in der Linie der Erdmütter, auf die sich Joseph Beuys mit der Skulptur der Jungfrau bezieht.  

Der Vergleich, der kulturgeschichtlich berechtigt erscheint, zeigt in der Art der Darstellung, der Ausführungen und der Materialität in völlig verschiedene Richtungen. Die künstlerische Formgestalt könnte nicht gegensätzlicher  sein.   

Raffael, Sixtinische Madonna

Die Beuys-Madonna hat eine Archaik, die sogar für das  Zeitalter, auf das die Skulptur verweist, primitiv wirkt. Hier unförmig behauene Klötze, dort höchste Artistik in Zeichnung und Malerei, mit den Mitteln der Komposition und Bühnen-Inszenierung am Höhepunkt der Renaissance.  

Die Differenz zwischen den beiden Jungfrauen deutet jene Fallhöhe an, aus der all diejenigen stürzen, die meinen, in Form von akademischen Gebrauchsanweisungen Joseph Beuys erklären zu können. 

Abgesehen davon, dass ein Primitivsmus dieser Art mindestens so gekonnt sein muss, wie die Artistik eines Raffael, verweist der Rohzustand der Beuysschen Madonna auf jenen Zustand der Sozialen Skulptur, wie sie uns gegenwärtig erscheint, wenn wir auf unsre Erde blicken, auf deren Zustand und unseren Umgang mit ihr. 

Der Umgang mit der Erde erscheint primitiv, überfordert und hilflos.

Es kentert ein gigantischer Öltanker in der Nordsee und wird erst nach Tagen unter größtem Aufwand mit Schleppern in den nächsten Hafen gezogen. 

Ist das nicht so, als würden wir der Jungfrau von Beuys das Tanzen beibringen wollen?

Das abgelegte Werk

„Jungfau“ abgelegt

Die zwei Zustände der „Jungfrau“ weisen uns auf etwas hin, das Beuys schon zu Lebzeiten bewusst geworden war, sich aber wesentlich auf die Rezeption seiner Arbeiten nach seinem Tod bezieht:

Wie soll mit einer Kunst umgegangen werden, die sich als  Ereignis an einem Ort, zu einer bestimmten Zeit realisiert? Ist der Zeitraum und die Örtlichkeit vorbei und nur mehr als geistige Einheit existent, bleiben nur noch Bilder, Erzählungen und Relikte.

Beuys reagierte darauf mit den „abgelegten Werkstücken“, die er in Museen und Ausstellungen, wie in einem Lager,  unprätentiös nebeneinander aufreihte und ablegte.

Sieht man, wie Kuratoren diese Methode nachahmen – wie z.B. in Wien die Honigpumpe am Arbeitsplatz – so tun sie, als ob sie ablegen würden, stellen aber aus. 

Die Inszenierung des „Hirschdenkmals“ war 1982 auf der Zeitgeist-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau mit dem Titel Hirschdenkmäler (± Wurst–Lehm–Werkstatt) ausgestellt.

Die verkleinerte Nachstellung, aktuell im Glaskubus beim Belvedere in Wien (3), verzichtete auf das zentrale Element, die über den Hirschlosungen schwebende halbierte Blutwurst. Über dieses Symbol, der halben Wurst, wird die Inszenierung aber erst verständlich, wie Beuys selbst zur  Ausstellung in Berlin wiederholt betonte. Und lachend die Frage stellte: „Wo ist die ganze Wurst geblieben?“ 

Eine Frage, die an die Kuratoren in Wien weiterzureichen wäre!

Beuys ein Gigant

Wir haben es bei Beuys nicht nur mit einem der größten Künstler des 20ten Jahrhunderts zu tun, sondern mit einem Klotz, der mit Immanuel Kant oder mit dem Soziologen Niklas Luhmann zu vergleichen ist, die mit ihren Werken eine andere, eine völlig neue Sicht auf die Welt eröffnet haben. 

Diese Vergleiche weisen auf einen semantischen Umbruch hin, dem die Größenordnung jener tektonischen Verschiebung gleichkommt, die zur Faltung der Alpen führte.

So ein Vergleich wird nicht gezogen, um Ehrfurcht zu erzeugen. Er wird genannt, um abzuschrecken. Ja, Sie haben richtig gehört, um abzuschrecken! So wie die Sphinxen am Weg zum Tempel stehen, um den Besucher in Angst und Schrecken zu versetzen, da ihm etwas begegnen wird, auf das er nicht vorbereitet ist.

Am Ende der „Kritik der Praktischen Vernunft“ berichtet Kant von einem Erlebnis, mit dem er die Erhabenheit seines Unterfangens im Bild zu fassen sucht.

Er blickt in den Nachthimmel und sieht dort die unermessliche Zahl der Sterne, die Äonen und Räume des Kosmos und vergleicht dessen Größe, Vielfalt und Tiefe mit den unvorstellbaren Möglichkeiten im Sozialen (4).

Was Kant sah und von dem er uns so ehrfurchtsvoll berichtet, ist genau das, was Joseph Beuys „die Soziale Plastik“ nennt.

Beuys hatte ähnlich wie Immanuel Kant erkannt, dass das Soziale in Vielfalt, Umfang und Tiefe der Natur des Kosmos gleichkommt.

Bei Beuys ist die Analogie  –  hier Natur und dort Mensch – aufgehoben. Er weist mit der „Wärmeplastik“ auf die Einheit beider hin, eine Einheit, die gegenwärtig nur über das Soziale hergestellt werden kann.

Dass so etwas nur ein Künstler sagen kann, ist vielleicht verständlich. Damit transformierte Beuys aber das bürgerlichen Rollenbildes des Künstlers radikal.

Beuys sagte: „Ich bin erst wieder Künstler, wenn jeder Mensch ein Künstler ist.“ d.h. die Kunst ist erst Kunst, wenn Natur und Wissenschaft/Kunst im Sozialen plastisch gestaltet werden. 

Was längst der Fall ist, obwohl wir es nicht realisieren.

Beuys betonte als notwendige Konsequenz 

die Bedeutung der Demokratie und deren Potential.

Corona hat genau das aufgezeigt. Jedes bis ins Kleinste untersuchte biochemische Detail verweist auf nichts anderes als auf das Soziale. Wie schon zur Zeit der Diskussion um die Atomkraft macht das Virus die Grenzen der Naturwissenschaften deutlich und weist darauf hin, dass  wir die Grenzen und Möglichkeiten des Energiehaushaltes der Erde bestimmen. 

Die Natur, wie sie sich in der Atomspaltung und als Virus zeigt, verweist auf das Soziale, d.h., dass wir als Menschheit uns darüber verständigen müssen. Sars-CoV-2 hat die gesamte Weltgesellschaft durcheinander gewirbelt, es zeigt uns, dass nur die Soziale Plastik dem Virus seinen entsprechenden Platz zuweisen kann. 

Die Biochemiker haben es uns überlassen, wie wir mit den vermeintlich Toten, Genesenen, Impfschäden oder Immunisierungen umgehen. 

Niklas Luhmann – Joseph Beuys

Niklas Luhmann, der zeitverschoben zu Joseph Beuys wirkte, hatte – beginnend mit dem Habermas-Luhmannstreit – einen ganz anderen Blickwinkel auf das soziale Ganze ermöglicht. Er legte uns einen Blick auf das Soziale nahe, der vorerst vom Menschen absieht. Sein Anliegen war es, soziale Vorgänge unabhängig von Menschen zu beobachten, um so dem Phänomen des Sozialen näher zu kommen.

Er hat den Menschen in der Systemtheorie ausgeklammert, da er erkannte, wie die gesamte alteuropäische Denktradition mit ausgesprochenen und unausgesprochenen Menschenbildern arbeitet, die den Blick auf das Soziale bewertend verzerren.

Aus denselben Gründen erarbeitete Joseph Beuys  ein Menschenbild, in dem sich Kosmos, Natur und das Soziale zusammen denken lassen.(5)

Kant, Luhmann und Beuys ging es um den Blick auf das soziale Ganze. Sie erkannten, dass die Zukunft von Natur und Menschheit vom Sozialen abhängt.

GL

(1) Die Assoziation der Vorlesungsreihe mit den Ringgesprächen von Beuys erlebe ich als eine Anmaßung. T.Skrandies gibt im Metzler Verlag mit B: Paust das „Joseph Beuys-Handbuch“ heraus. Der Titel weist darauf hin, dass die Autoren nichts, rein gar nichts von Beuys gelernt haben, am allerwenigsten Respekt! Beuys ist keine Gebrauchsanweisung. 

(2) Die Ringgespräche sind Teil des rheinländischen Großprojektes „Beuys 2021“ mit unzähligen Veranstaltungen: 

https://beuys2021.de/de/programm?field_event_city_target_id=4

Bisher gab es den Vortrag von Dr. Bettina Paust der hat brav alles aneinandergereihte. Dr. Alexandra Vinzenz wollte Wagners Gesamtkunstwerk einbeziehen, aber dann…? 

(3) „Joseph Beuys – Denken. Handeln. Vermitteln“ Belvedere 21.

4. März 2021 – 13. Juni 2021, Kurator Harald Krejci

(4) Im üblichen Sprachgebrauch wird das Soziale mit dem Karitativen gleichgesetzt. Hier wird sozial im Sinne der Soziologie gebraucht. Als Einheit der menschlichen Handlungen, Operationen, Kommunikationen, die als Organismus, System oder wie bei Beuys, als Plastik bezeichnet wird.

(5) Auf das Menschenbild, die Wärmeplastik und auf weitere Themen zu Beuys, werde ich in einem der nächsten Beiträge hier eingehen.

Corona in den 60er Jahren – was wäre gewesen, wenn?

Viren sind keine Tulpen!

Die Frage müsste lauten: Wäre Corona in den 60er Jahren überhaupt vorstellbar gewesen? Hätte es damals so geheißen?

Wäre es wie heute in Erscheinung getreten? Auf welche gesellschaftlichen Verhältnisse wäre das Virus getroffen?

 Propyläen: Mein Text ist – wie alle meine Texte – als Selbstvergewisserung gedacht. Ich versuche mir Geschichten über das Phänomen CORONA zu erzählen.  Einen Anspruch auf Faktizität habe ich nicht. Im Fall einer Simulation werden Fakten durch Phantasie und Einfallsreichtum in Fiktion verwandelt.

Der Name der Krankheit und seine Diagnose

Im epidemiologischen Steckbrief es RKI ( Robert Koch Institut) – Stand vom 19.4.2021 – ist zu lesen:

„Die Infektion mit dem SARS-CoV-2 präsentiert sich mit einem breiten aber unspezifischen Symptomspektrum, sodass die virologische Diagnostik die tragende Säule im Rahmen der Erkennung der Infektion, des Meldewesens und der Steuerung von Maßnahmen ist.“ 

Das ist ein zentraler Satz, weist er doch darauf hin, dass in der Gegenwart nur über eine virologische Diagnose die Krankheit feststellbar ist, während eine symptomatologische Diagnose unmöglich erscheint. 

SARS-CoV-2 ist das Coronavirus, das Anfang 2020 als Auslöser der COVID-19 Erkrankung identifiziert wurde.

Wohlgemerkt gibt es hier zwei Namen für dasselbe: 

Mit SARS-CoV-2 wird das Virus bezeichnet, mit COVID-19 die Erkrankung (1), die in ihren Symptomen so variabel ist, dass die Krankheit darüber nicht diagnostizierbar ist.

Anfang der 60-er Jahre wäre eine virologische Diagnose nicht möglich gewesen. 

Erst seit 1959 begann sich die Biochemie verstärkt auf die RNA (Ribonukleinsäure) zu konzentrieren, deren Kenntnis eine Voraussetzung dafür ist, dass 2020 für die Erkrankung COVID-19 der Erreger  SARS-CoV-2 erkannt werden konnte.

So gesehen wäre in den 60er Jahren die Diagnose der Krankheit über den Erreger wissenschaftlich unmöglich gewesen. Der Erreger von SARS wurde erst ab 2003 als  „SARS-Coronavirus“ (SARS-CoV-1) bezeichnet.

Andererseits war die Erforschung der mRNA (Messenger-RNA genannt), die Voraussetzung dafür, um den Impfstoff zu entwickeln – der ursprünglich für die Krebstherapie vorgesehen war.

Auch gab es in den 60er Jahren noch keinen PCR-Test. Die Grundlage dafür wurde erst 1983 durch Kary Mullis gelegt, der dafür den Nobelpreis für Chemie erhalten hatte.

In den 60er Jahren hätte somit die Aussage eines wissenschaftlichen Institutes wie des RKIs lauten müssen: Die Diagnose dieser Erkrankung (die sicher Grippe genannt worden wäre)  kann nur symptomatisch erfolgen.

Da in der Gegenwart – aufgrund des  enormen wissenschaftlichen Fortschritts – der Erreger zuerst bestimmt werden kann, müssen wir das „unspezifische Symptomspektrum“ (RKI) nachreichen und das in einem weltweit stattfindenden Szenarium, an dem die gesamte Weltbevölkerung beteiligt ist.

Dass dies zu einer babylonischen Sprachverwirrung führen muss (1), ist unumgänglich.

Die WHO gab es schon, aber diese hätte den weltweit wirksamen Charakter des Virus nicht so schnell erkannt, wie 2019/20 und es hätte nicht so schnell eine Pandemie ausgerufen werden können.

Die 60-er Jahre 

das soziale Umfeld, 

auf das die Infektion getroffen wäre

Die Vorform der heutigen EU, die EWG( Europäische Wirtschaftsgemeinschaft), bildete zusammen mit der EURATON (Europäischen Atomgemeinschaft) und die EGKS ( Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl)  den europäischen Wirtschaftsraum. 

Auch hat es noch keine gemeinsame Währung mit europäischer Zentralbank gegeben. Die gigantischen Summen, die aktuell durch die Europäische Zentralbank zur Verfügung gestellt wurde, standen den Nationalstaaten nicht zur Verfügung. Auch die Finanzierung der Forschung durch die EU an den Impfstoffen wäre nicht möglich gewesen. 

Auch die nationalen Institutionen, die heute die Kurzarbeit ermöglichen, fehlten als strukturelle Voraussetzung.

In den 60er Jahren hätten Staaten wie Italien, Spanien, Griechenland weder das Überbrückungsgeld für die Betriebe, noch für die Kurzarbeit aufbringen können.

Hätte man auf das verhasste, aber bewährte Modell der Verstaatlichung, des Arbeitsdienstes und der Essensmarken zurückgegriffen?

Hätte man die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln Mitte der sechziger Jahre sicherstellen können?

Vom freien Warenverkehr war noch nicht die Rede. Zögerlich ging man an den Abbau der nationalen Zollschranken. Infrastruktur und Logistik der Versorgung waren auf einem völlig anderen Stand. 

Der Einzelhandel bestimmte das Ortsbild, die Lieferung von der Produktion direkt zum Supermarkt  gab es noch nicht.  Die Lieferketten zwischen Produktion und Käufer waren länger. Zwischenlager und Großhandelszentren bestimmten das Bild des Handels.

Hätte überhaupt Mitte der 60er Jahre ein Lockdown ausgerufen werden können? 

Die damaligen Politiker hätten wahrscheinlich gewusst, dass die Bevölkerung nicht versorgt werden könnte. Erst durch digital organisierte Lieferketten und national geöffnete Handelsgrenzen ist eine Lockdown, wie wir ihn erleben, möglich.

Einkaufswägen vollgefüllt mit Fertigpizzen und anderen vorgefertigten und eingefrorenen Speisen, exotischen Gemüsen, Obst und Maracuia-Säften, hätten wir in den 60er Jahren nicht beobachtet. 

Hätten wir 1965  uns Essen liefern lassen? Damals gab es noch Hausfrauen, die jeden Mittag kochten. Weniger Frauen waren damals in den Arbeitsmarkt eingebunden, das Hausfrau-Sein war die Regel.

Hätten die Menschen nur mehr über den Quelle-Katalog bestellt und ihre Bücher bei Readers Digest geordert? Hätte die Post einen Sonderdienst eingerichtet, um der Menge der Versandbestellungen nachzukommen? 

Die privaten Paketdienste wurden erst viel später ausgebaut, um die Angebote von Amazon & Co. in rauen Mengen frei Haus liefern zu können.

Die Nachmittagsbetreuung der Kinder wäre wahrscheinlich kein Problem gewesen. 

Hätten Schulen überhaupt geschlossen werden können?

Es gab  noch keinen PC im Haus, um Onlineunterricht zu ermöglichen. Die Vervielfältigung von Unterrichtsunterlagen war eine Seltenheit. Vielleicht wären ja die Aufgaben telefonisch über Halb- oder Viertelanschluss weitergegeben worden oder per Rundfunk und Rundbrief?

Ravioli, Dosenbohnen, Würste, Sardinen und Roastbeef in Dosen wären zu Hause gestapelt worden. Die Mutter hätte vermehrt Kraut eingestampft, gekochte Eier eingelegt und Grammelschmalz ausgelassen.

Obst und Gemüse der Jahreszeit wären aus dem eigenen Garten oder vom Bauern geholt, eingekocht,  eingesalzen und fermentiert worden.

Auf die Kakis aus Israel – ein ganz besonderes Ereignis am Wochen-Markt – hätten wir verzichten müssen. 

Der einzige Sender mit POP-Musik, der Saarländische Rundfunk wäre heißgelaufen. Die Bücher von Karl May und die Comics von Donald Duck und Prinz Eisenherz würden zerfleddert getauscht worden sein. Den Kindern, die auf den Straßen spielten, wäre nicht aufgefallen, dass plötzlich kein Verkehr mehr ist, denn es gab damals wenig davon.

Ein halbes Jahr Schulausfall wäre in der damaligen Bildungslandschaft gar nicht aufgefallen, die Kinder lernten mehr auf der Straße, von Freunden und Verwandten als in der Schule, so zumindest meine Erinnerung.

Inwiefern es wegen Lieferschwierigkeiten zu einer Ölknappheit gekommen wäre, weniger für Autos als für die Industrie, wären auch zu bedenken.

Hätte sich das Geschehen auch auf den Vietnamkrieg ausgewirkt?

Flugverkehr und internationale Reisen waren noch bescheiden, meine Schwester reiste drei Wochen per Schiff von Rotterdam nach New York. Damals hätte sich das Virus viel langsamer verbreitet.

Die mediale Berichterstattung war bestimmt vom Ost-West-Konflikt. Daten und Informationen zur Infektion wären –  falls zu uns vorgedrungen  –  als Propaganda und Feindeshandlung ausgelegt worden, als Folge der Kulturrevolution in China oder wären der schlechten Versorgungslage in der Sowjetunion zugeschrieben worden.  

Wo wären ohne die soziale Medien die Querdenker? Bei den nationalistischen Bumsern aus Südtirol? 

Wäre die naive Technikgläubigkeit, die in den 60-ern die friedliche Nutzung der Atomkraft und Großprojekte wie  wie Autobahnen und gigantische Wasserkraftwerke bestimmte, durch ein pandemisches Ereignis irritiert worden?

Wäre der buntstrahlende Aufbauoptimismus der 60er Jahre mit ihrem Lilienporzellan der Marke Daisy, der Aussicht auf eine neue Waschmaschine, Kühlschrank,  VW Käfer und den  lang ersehnten Italienurlaub, nicht mächtiger gewesen, als die Angst vor einer Pandemie?

Lilienporzellan Marke Daisy

Die Kriegsängste vor Bomben, Feuersbrunst und Tod  wurden in den 60er Jahren bestens verdrängt, und man blickte einem strahlenden Konsumzeitalter entgegen.

Corona in den 60ern….? 

Ja, als ein schrillbuntes Eisgetränk mit Schlagobers und Strohhalm?

CORONA hätte uns in den 60ern wahrscheinlich wenig beeindruckt:

Wir hatten Elvis!

Elvis Presley

Blick vom Oberdeck aus

Je weiter ich dieses Denkspiel treibe, umso mehr drängt sich mir der Eindruck auf, in den 60er Jahren – egal mit oder ohne dem Namen Corona – hätte es diese Infektion nicht gegeben oder wir hätten sie damals ganz anders wahrgenommen. 

Die Vergegenwärtigung der historischen Differenz wirft die irritierende Frage

 auf:

Markieren Viren soziale Veränderungen?

Der Fortschritt der Molekularbiologie, die Digitalisierung, die Errichtung übernationaler Institutionen, die Einführung des Euro sowie die Veränderungen in der Produktion, in der Logistik, im Konsumverhalten seit den 60er Jahren wirft die Frage auf: 

Wären wir damals für Corona gerüstet gewesen?

So stellt sich die absurde Frage: Haben wir 2020/21 Covid-19 nur, weil wir darauf vorbereitet sind?

Ist das zu eurozentrisch gedacht, trifft Corona doch auch Nationen, deren soziale Entwicklung hinter dem Stand Mitteleuropas in den 60er Jahren zurücksteht?

Zwei Ansichten

1.Die Auffassung, wir haben Corona, weil wir es so sehen, vertreten Fachleute wie Dr. Wolfgang Wodarg und Professor Sucharit Bhakdi. 

Die Pandemie,d.h. das weltweite Wirken des Virus ist aber nicht auf zu viele Tests, ungenaue Statistiken und falsche Zahlen zurückzuführen. Nicht darauf, dass wir das Virus falsch abbilden! 

Es weist auf ein Virus hin, das nicht zu unterschätzen ist, wenn auch nicht ganz klar ist, wieviel dabei Annahme ist. Wir können uns diese Annahmen jetzt scheinbar sozial leisten und unterziehen damit unsere Sozialsysteme einem Stresstest. Wieviel der Wirklichkeit der Natur des Virus zuzurechnen ist, bleibt offen.

2. SARS-CoV-2 ist ein Virus in der Reihe der Coronaviren, die sich permanent verändern und über Fledermäuse oder andere Tiere auf den Menschen übertragen wurde. Als solches ist es erstmalig 2020 in China festgestellt worden und von  SARS-CoV-2 kann angenommen werden, dass es vorher so nicht existiert hat. 

Was heißt das?

Dass Corona Teil des Anthropozän ist?

Meine etwas dilettantische prosaische Dystopie macht deutlich, SARS-CoV-2 hätte es in den 60er Jahren nicht geben können, dieses Virus ist ein Phänomen unserer Zeit.

Wie kann es so etwas geben, sehen wir von göttlicher Einflussnahme ab?  Was nichts anderes wäre, als diese Herausforderung an Gott zurückzugeben.

Kann ein Grundbaustein des Lebens – so werden die Viren bezeichnet – mit dem zu tun haben, was wir über die digitale Technik entwickelt haben, in der internationalen globalisierten Welt an Verbindungen geschaffen haben, wie wir die Umwelt belastet haben, was wir als Menschen geworden sind? 

Unvorstellbar – so oder so ähnlich könnte das Phänomen beschrieben werden.

Wenn Sie bis hierher gelesen haben und mich jetzt nicht für ganz „meschugge“ halten, weiß ich auch nicht, was ich von Ihnen halten soll. Denn ich behaupte, es ist „meschugge“, was anderes fällt mir im Moment dazu nicht ein! 

GL  

(1) Die im letzten Artikel zu „babylonischen Sprachverwirrung“ angesprochen semantische Verschiebung nimmt hier ihren Ausgang.

Sprachverwirrung unter Corona -babylonisches Ausmaße?

Masaccio „Vertreibung aus dem Paradies“ Fresko 142

Die Vertreibung aus dem Paradies erzählt, wie die Menschen nicht mehr mit Tieren, Pflanzen sprechen konnten, wie die Schöpfung sich ihnen verschloss. 

Der Mensch war zu etwas anderes als Natur geworden. In Zukunft müssen die Menschen sich darüber verständigen, was Natur ist und was sie selbst sind.

Babylon und die Götterdämmerung berichten davon, wie Worte und Sätze, die bisher auf Sachen, Zustände und Ereignisse zutrafen, plötzlich nicht mehr griffen und sich damit die gesamte Welt veränderte. 

So warten wir alle – gerade unter Corona – auf Pfingsten!   

Pieter Brueghel d.Ä. „Der Turmbau zu Babel“ 1563

           

Noch nie wurde die Aussage von Niklas Luhmann – Kommunikation und das Soziale seien nahezu identisch – so deutlich beobachtbar wie im letzten Jahr.

Die Masken standen schon seit Anfang Corona als Fanal am sozialen Himmel und vermittelt en (1): „Haltet endlich den Mund, hört zu, seht genau hin!“

Seit einem Jahr wurden viele bewährte Formen sprachlichen Zugriffes auf die Welt außer Kraft gesetzt. Auch alle Kritik, die bisher funktioniert hat, funktionieren jetzt nicht mehr.(2)

Es sind minimale Beobachtungen, die wir – ohne recherchieren zu müssen – im Alltag vorfinden. 

„Sind das Verschiebungen, wie sie im Bedeutungswandel der Sprache üblicherweise geschehen oder handelt es sich dabei um seismographische Ausschläge, die gewaltige  Verschiebungen der Sozialen Tektonik anzeigen“, frage ich mich.

In den ersten Wochen und Monaten der Pandemie hörten wir oft die Klage, wieso es kein anderes Thema mehr gebe. Ist Ihnen aufgefallen, dass diese Argumentation fast ganz verschwunden ist?

Wer aufmerksam zuhörte, konnte beobachten, dass Bezeichnungen wie Pandemie, Infektion, Impfung, Krankheit, Tod, Überleben, Wahrscheinlichkeit, Statistik, Option, der Andere, die Anderen, die Welt usw. im Laufe dieses Jahres einen ganz anderen Sinn bekamen. 

In welche Richtung der Wandel geht, ist noch nicht klar, aber eine Verschiebung (3) kann deutlich wahrgenommen werden.

Wir verwendeten dieselben Wörter weiter, bemerkten aber schmerzlich, dass sich die Semantik geändert hatte. Die bisherig selbstverständlichen Bezüge haben sich in einer Weise verschoben, dass es uns bis heute schwer fällt, ihnen neue Sachbereiche zuzuweisen.

Beginnen wir mit dem Begriff Pandemie. Erinnern Sie sich noch, wie vor einem Jahr die Weltgesundheitsbehörde die Definition änderte und mit einem Male regional auftretende Infektionen zur Pandemie erklärt wurden, woraufhin weltweit ein Lockdown nach dem anderen ausgerufen wurde (4). 

Meine Vermutung ist, jeder von uns, der mitdenkt, stellt sich gelegentlich im Stillen die Frage: Handelt es sich wirklich um eine Pandemie oder machen wir uns da was vor? 

Die Gefährlichkeit des Virus wird niemand bestreiten, aber muss Lockdown auf Lockdown folgen oder würden gar ausgesetzte oder weniger Maßnahmen die Situation überhaupt nicht ändern? Diese Frage muss erlaubt sein!

Obwohl die Fakten weltweit dagegensprechen erwehrt sich so manch einer nicht des Gefühls, im falschen Film zu sitzen.

Mit dem Begriff Infektion war gemeinhin die Vorstellung verbunden, dass ein Infizierter auch krank sei. Die Diagnose „an-Krebs-erkrankt“ wurde so verstanden, dass man tatsächlich erkrankt war. Inzwischen ist jemand mit einem negativen Coronatest noch lange nicht sicher , ob er nicht trotzdem infiziert ist. Interessant ist dabei die Verschiebung von positiv zu negativ, sowie die verzerrende Trennung von Krankheit und Infektion. (5)

Impfung hatte einem bisher weitgehend vor einer bestimmten Krankheit geschützt. Es herrschte die Auffassung (6): Ist jemand geimpft, steckt er niemanden an.

Wird man gegen Corona geimpft, kann man sich nicht sicher sein, ob man die Krankheit nicht trotzdem bekommt oder weiterhin ansteckend ist.

Die Sicherheiten, die durch die Impfung versprochen wurden, sind nicht mehr gewährleistet und trotzdem setzen wir auf sie als die sicherste Möglichkeit zur Eindämmung der Infektionen.

Diese Verschiebung ist auf sich ändernde wissenschaftliche Methoden in der Diagnose, wie in der Herstellung  der Impfstoffe zurückzuführen. 

Die Bedeutungsverschiebungen in der Kommunikation ist notwendig, weil wir differenziertere Begriffe brauchen, um das mikrobiologische Phänomen „Corona“ erfassen zu können. Das differenzierte biologische Wissen mit vielen offenen Optionen – die Symptomatik wird bei Corona nachgereicht – vermittelt aber den Eindruck, aus diesem Kreislauf nie mehr herauszukommen.

Werden im Wissenschaftsbereich viele Optionen offen gehalten, so verfügt dieser über Strukturen und Hierarchien, diese Komplexität im Falle notwendiger Entscheidungen zu reduzieren. Das System, offener Optionen ( der Wissenschaft) auf Politik, Medien und auf die öffentliche Diskussion zu übertragen, erzeugt Verwirrung, da hier Strukturen fehlen, die Eindeutigkeit (7) ermöglichen.

Der Wechsel von einer auf Symptomatik bauenden Medizin zu einer molekularbiologisch bestimmten Medizin, der nicht hinter gesicherten Mauern der Labors und Forschungsstätten geschieht, sondern im Labor Menschheit experimentell vollzogen wird, macht allen schwer zu schaffen.

Der Einzelne ist völlig überfordert, wenn er den Beipackzettel seines Medikamentes liest. Unter Corona sind wir alle in dieser Situation, ob von der Krankheit betroffen oder nicht, der permanent nachgerüstete „Beipackzettel“ wird uns von morgens bis abends „vorgelesen“.

Während bisher ein Krankheit im Alltag etwas Individuelles war – man hatte Schnupfen – oder die Grippe hatte einen 14 Tage lahmgelegt, irgendwann hatte man gehört, dass Menschen daran sterben, aber betroffen hat es, wenn, nur mich und die mir nahestehenden Freunde oder Bekannten, nie eine ganze Nation oder die ganze Welt. 

Noch nie war ich für deren Krankheitsverläufe verantwortlich!

Ob einem der Tod eines Menschen betraf oder anrührte, war Umständen zuzuordnen, die nur teilweise beeinflussbar waren, für die wir nicht zuständig waren – so die bisherige Auffassung. 

Unter Corona hat sich das Verständnis grundlegend gewandelt. Es hat den Anschein, als wäre jeder für alle verantwortlich und wir müssten alles über diese Krankheit wissen, die zu einem schmerzlichen Tod für alle führen kann.

Tag für Tag wird uns verdeutlicht, dass diese Krankheit nicht mich alleine trifft, sondern potentiell alle treffen kann! 

Aber ist das so? 

Jedes Mitglied der Gesellschaft hat diese Krankheit zu bekämpfen, ja mitzuhelfen diese auszurotten, so wird uns vermittelt. 

So hat sich der Begriff der Solidarität – bisher ein Begriff im Arbeiterkampf – zu einem Begriff sozialer Hygiene-Ethik verwandelt. 

Bisher war nur im äußersten Grenzfall der Arzt, die Medizin, die Gesellschaft Schuld am Tod eines Menschen. Unter Corona muss jede millionste Möglichkeit in Erwägung gezogen werden, um eine Ansteckung zu verhindern, auch wenn dies zu den absurdesten Lösungen führt (8).

So wollte man zB. die Reduzierung von Unfalltoten mit Hilfe des Tempolimits erreichen und dies geschah als institutionalisierte Regelung, von den Menschen unbemerkt und ohne moralischen Impetus. Unter Corona werden solche funktionalen Verfahren durch restriktive Anordnungen ersetzt und werden moralisch belegt.

Seit einem Jahr ist unser Verhältnis zum Tod ein völlig anderes geworden. Der Tod ist nicht mehr Schicksal des Einzelnen oder ein Faktor in allgemeinen Statistiken, sondern jeder individuelle Coronatote gefährdet die gesamte Gesellschaft!

Würden ohne Maßnahmen oder durch andere Maßnahmen die Todeszahlen wirklich so steigen, wie uns die Hochrechnungen vormachen? Das fragen sich viele – leise oder laut.

Liegen den Hochrechnungen doch nur wenige Parameter zugrunde! Weder die sozialen noch gesundheitlichen Folgeschäden, die durch die Maßnahmen entstehen, sind eingerechnet, auch kennt man nicht jene Faktoren, die dazu führten, dass Menschen nicht angesteckt wurden.

Unzählige Faktoren fließen nicht in unsere Hochrechnungen ein, welche die Grundlagen für unsere Handlungsentscheidungen bilden. 

Die abwehrenden Wirkungen unserer Immunsysteme und die Faktoren für Gesundheit werden nicht erfasst.

Der Tod ist unter Corona nicht mehr ein individueller Tod, sondern ein Ereignis, das uns alle gefährdet, nicht nur das System der Politik, sondern das soziale System als Ganzes

Dabei ist egal, ob die Gefährdung des Ganzen faktisch nachweisbar ist. Alleine die Möglichkeit, es könnte geschehen, ist unter Corona gleichzusetzen mit der Tatsache, dass es geschieht.

Wieso es zu dieser Gleichsetzung von Wirklichkeit und Möglichkeit unter Corona kam, weiß ich nicht, aber faktisch ist jetzt Wirklichkeit und Möglichkeit identisch geworden. 

Welche Konsequenzen hat diese Einsicht? 

Hieronymus Bosch, „der Heuwagen“ um 1450 – 1516.

Sehen wir auf die Wirkung der Pest im Mittelalter, so war die Verallgemeinerung des Todes ein wohltuendes Mittel, die Schichtung im Sozialen für einen Moment auszusetzen. 

Im imaginären Moment eines Jüngsten Gerichtes werden alle gleich sein, ob Kaiser, König, Edelmann, Bischof, Papst, Ritter oder Mönch. Vom Tod werden sie alle genarrt sein, wie die Szene auf dem Heuwagen von Hieronymus Bosch uns anschaulich vermittelt. 

Was sagt uns dieser Vergleich? 

Wieso brauchen wir heute den Tod als Bedrohung des Kollektivs, der Gemeinschaften, der Nationen, des Staates und der überstaatlichen Organisationen, ja der Welt? 

Was läuft so schief, dass wir es nur durch die Gefährdung des Ganzen aufzeigen können, von der keiner genau sagen kann, ob sie real oder fiktiv ist?

Eines macht uns der Vergleich mit dem Mittelalter deutlich: Auch wenn die Situation heute eine völlig andere ist: Wir schätzen dieses Virus und seine Mutanten als weltgefährdend ein. 

Damit werden die unscheinbarsten Alltagsbeobachtungen zu seismografischen Ausschlägen, die von den tektonischen Erschütterungen des sozialen Ganzen zeugen.

 Methodischer Einschub 

Der methodische Schritt, den Niklas Luhmann unternahm, bestand darin, dass er von einer handlungs- und verantwortungsgeleiteten Soziologie a’ la Max Weber abrückte und auf eine höhere Abstraktionsebene wechselte, in dem er von Operationen, Anschlüssen, Strukturen und Systemen ausging. Damit  ermöglichte er, dem “Sündenfall“, der Schuldzuweisung an Personen und Gruppen auszuweichen, dem heute die Kritiker ausgesetzt sind.  

Kommunikation und Fakten

Vielleicht kommen wir der Frage näher, wenn wir beobachten, wie wir über Fakten, Statistiken, Einschätzungen kommunizieren.

Die öffentliche Auseinandersetzung um Werte der Wissenschaften wird unter Fachleuten und Laien weitgehend mit naturwissenschaftlichen Argumenten geführt.

Ergänzt werden diese durch rechtliche Argumente und Fragen zur sozialen Gerechtigkeit und Verhältnismäßigkeit.

In all diesen Diskussionen fehlt aber eine ganz wesentliche Wahrnehmung, dass es sich bei all den Kontroversen zuallererst um eine Frage der Kommunikation handelt und weniger um Fakten.

Zur Kommunikation gehört wesentlich die Relativität von Fakten in der Diskussion anzuerkennen.

Wir kommunizieren über vorläufige naturwissenschaftliche Erkenntnisse,  aber tun so, als wären dies gesicherte Grundlagen für gesellschaftliches Handeln.

Die Natur (der Virus) ist uns aber letztlich weniger zugänglich als unsere Verständigung darüber. Wir verständigen uns  darüber, was dieses Virus ist und welche Wirkung es entfaltet, wissen aber wenig oder nichts über dessen soziale Wechselwirkungen.

Die Illusion, die uns die Mikrobiologen, die Immunologen usw. vermitteln, alles über das Virus zu wissen, ist lächerlich, wissen wir doch, dass dieses Wissen in drei Jahren, ja vielleicht sogar morgen museumsreif ist. Wir können und müssen auch den Umfang unseres Nichtwissens anerkennen und darüber kommunizieren lernen. 

Gerade der Begriff des Immunsystems vermittelt eine Vorstellung, von dem, was wirkt, aber nicht zugänglich ist. 

Mit dem Immunsystem wird etwas bezeichnet, von dem wir wissen, wie wir es stärken können, warum mache erkranken und andere nicht, bleibt weiterhin offen.

Ein weiteres Beispiel: Inzidenzwert: Für das Soziale ist entscheidend, worauf sich der Inzidenzwert faktisch bezieht. Für soziales Handeln benötigen wir Richtwerte, um das Soziale steuern zu können. Ob der Inzidenzwert geeignet ist, ist nicht nur eine Frage der Infektiologie, sondern auch eine Frage der Kommunikation über die Wahl dieses Bezugspunktes. 

Ganz brutal gesagt: Für das Soziale ist nicht entscheidend, ob die durch Insidenzwerte bestimmten Maßnahmen die Infektionszahlen und Todeszahlen senken oder nicht. Für das Soziale ist viel entscheidender, ob über einen Insidenzwert soziale Prozesse adäquat gesteuert werden können, ob Soziales zerstört wird oder gedeihen kann. 

Für das soziale Ganze sind medizinische Hygienemaßnahmen wie Isolierung nur ein Teil der Lösung, weitere Aspekte müssten berücksichtigt werden.

Ich möchte auf das Beispiel der Seniorenheime hinweisen, in denen betagte Menschen in Isolation sterben mussten, um die Bedeutung dieser Aussage zu unterstreichen.

Nicht ganz so, aber so ähnlich, verhält es sich mit Statistiken, Messwerten und anderen wissenschaftlichen Fakten. Sobald diese aus ihrem Bereich ins Soziale übertragen werden, kommen Belange hinzu, von denen die Spezialisten der Naturwissenschaften (9)  kein Wissen haben.

Oder anders gesagt: Die Eindämmung einer Pandemie geht über die hygienischen Maßnahmen zur Bewältigung einer Infektion weit hinaus. 

Wir haben es mit einer 

Krise des SOZIALEN 

und einer 

Krise der KOMMUNIKATION 

zu tun! 

GL

(1) siehe #luhmannsschwarzehefte nachgereicht wordpress

(2) An Gunnar Kaiser und dessen beredt leiernden Sprache kann abgelesen werden, wie bisher bewährte Kritik ins Leere läuft und nur mehr als ein Textrauschen wahrgenommen wird.

(3) die Verschiebung der Bedeutung von Begriffen fand nicht nur im Gesundheitswesen statt, sondern ebenso in der Politik, im Recht, in der Familie, in Wissenschaft und Bildung, in allen Bereichen des Sozialen. Die Verschiebungen dort aufzuspüren würde Interessantes freilegen

(4) Im nächsten Artikel in #luhmannsschwarzenheften wird simuliert, was gewesen wäre, wenn Covid Sars-19 in den 60er Jahren aufgetreten wäre…..ein erhellendes Konstrukt.

(5) Vor Corona wurden Diagnosen symptomatisch gestellt, unter Corona wurden microbiologische Kenntnisse herangezogen, das führte zu dieser Bedeutungsverschiebung. Einerseits werden Partikel des Virus gefunden (PCR Test), etwas anderes ist, ob man infizierte wird. Der Podcast von Drosten ist auf diesen Bedeutungswandel zurückzuführen, erkannte er doch schnell, dass bei einer Verschiebung in die mikrobiologische Diagnostik Aufklärung unbedingt nötig ist. 

(6) Das allgemeine Verständnis von Krankheit und Infektion entsprach natürlich nicht dem Stand der Wissenschaft, aber der Laie kam damit gut zurecht, während die detaillierten Viren-Fachkenntnisse zur Zeit jeden Bürger völlig überfordern.  

(7) Im letzten Beitrag, luhmansschwarzehefte wies ich auf das Verhältnis von Politik und Bürger hin, das seit längerem von tiefem Misstrauen durchsetzt ist, was auf ein Fehlen direkte demokratischer Strukturen hinweist.

(8)Die Beispiele hier stehen für unzählige: Ich stehe mit Maske im überfüllten Bus eng gedrängt, darf aber nicht in ein Geschäft, da sich schon zwei Personen im 40 m2 Laden aufhalten….  Die Lokale sind geschlossen, wo Abstand und Hygiene kontrolliert werden könnten, stattdessen treffen die Menschen sich privat und der Gesetzgeber möchte Grundgesetzänderungen durchsetzen (BRD) damit die Polizei in Privaträume eindringen darf…

(9)Medizin ist keine reine Naturwissenschaft, als Handlungswissenschaft war sie unter Corona völlig überfordert. 

Corona-Offenbarung

Der aktuelle Leviathan: 

Begegnete man Bekannten, war es auf der Straße üblich, den Hut zu ziehen. Diese Geste bezeugte Respekt und der Hutträger gab sich zu erkennen, denn Hüte verändern die Physiognomie und das Gegenüber könnte einem verwechseln. 

Sehe ich jemanden, den ich zu kennen meine, im Bus, Zug oder sonst, wo Masken geboten sind, hebe ich auch kurz die Maske, um mich zu erkennen zu geben! 

Viele solcher, im einzelnen lächerliche Beobachtungen und deren Interpretation summiert, was ergeben sie? 

Eine Summe sozialer Verhaltensweisen, die uns verändert, an die wir uns gewöhnt haben und die wir ablegen, sobald Corona wieder vorbei ist?

Die Frage ist, haben sich im Sozialen Verhaltensweisen verändert, die wir wieder ablegen können oder hat sich ein grundlegender Strukturwandel vollzogen? 

Um diese Frage abwägen zu können, müssen wir zuerst einigen Denkmüll beiseite räumen. 

Corona ist die Umweltkatastrophe 

Die Auffassung, Corona wäre irgendwann, wenn die Impfung und die anderen Maßnahmen Wirkung zeigen vorbei, und wir würden dann wieder zum normalen Leben zurückkehren, täuscht! 

Ich denke, solche Täuschungen sind lebenswichtig, aber sind sie auch realistisch?

Es gibt nämlich nicht Corona, das wir bewältigen könnten und dort die Erderwärmung, die Co2-Verschmutzung, die  Energieknappheit, die wir anschließend zu bewältigen haben. 

Das Coronavirus ist eine der Wirkungen der von Menschen gemachten Umweltveränderung, die sich nicht nur an den schmelzenden Polkappen, an den verschmutzten Meeren und der Luft zeigen, sondern sich gerade in der microbiologischen Sphäre zeigt, bewirkt durch die  Veränderung des Wärmehaushalts unserer Erde.(1) 

Installationsraum „Unschlitt/Tallow (Wärmeskulptur auf Zeit hin angelegt)“ von Joseph Beuys.© Foto: dpa

Nicht nur in der Systemtheorie wird das Biologische als Umwelt des Sozialen benannt, sondern auch für die Humanbiologie stellt die restliche Natur deren Umwelt dar, deren Veränderungen sich auf die Befindlichkeit dieser Biologie auswirken.

 Brennglaseffekt 

Mit einem weiteren Bild, das die Diskussion bestimmt, muss aufgeräumt werden, mit dem sogenannten  Brennglaseffekt, der besagt, unter Corona würden bereits vorhandene Probleme wie durch eine Vergrößerungslinse deutlicher hervorgehoben. 

Der Brennglaseffekt gehört zu all jenen Erklärungsmustern, die jetzt aus dem Bauchladen der Ideologien gezaubert werden, um die Gegenwart so zu erklären, wie bisher soziale Probleme erklärt wurden. 

Die Metapher besserer Sichtbarkeit vermittelt, es sei alles wie immer, unter Corona sähen wir die Probleme nur  deutlicher, die bekannten sozialen Phänomene würden in Corona verstärkt auftreten, Klassengegensätze würden deutlicher, Arme und Menschen mit Emigrationshintergrund, Frauen,  Alleinerziehende usw. seien unter Corona benachteiligt.

All das stimmt, nur erfassen wir damit wirklich die sich gerade verändernde Situation? 

Ich ahne, und viele Hinweise sprechen dafür, dass wir es mit einer Veränderung im Sozialen zu tun haben, die tiefgehend ist, die wir aber nur an Verformungen und Defiziten festmachen können.

Wie sollen wir sehen, was wir werden wollen, wenn das Wollen sich seinerseits nur in Visionen, in Bildern zu erkennen gibt? 

Tote bewirtschaften

Eines hat Corona deutlich gezeigt: 

Alle bisherigen Erklärungen der Welt funktionieren nicht mehr.

Nichts wird unter Corona so deutlich, wie die Tatsache, dass alle bisherigen Denkmuster und dazugehörigen Handlungsanweisungen (2) nicht mehr ausreichen, um denkend und handelnd der jetzigen Situation gerecht zu werden. 

Seitdem das Primat der Wirtschaft vom Primat der „Gesundheit“, in dem es nie um Gesundheit, sondern nur um Infektionszahlen geht, abgelöst wurde, ist die gesamte soziale Tektonik verschoben und Anschlussstellen zwischen den sozialen Systemen und Strukturen abgetrennt worden. Was bisher durch Wirtschaftlichkeit bestimmt war,  muss jetzt den Todeszahlen und Intensivbettenzahlen untergeordnet werden.

Obwohl, genau genommen Statistiken nicht anderes sind, als gewandelte Argumente des Ökonomischen: unter Corona werden auch Tote bewirtschaftet!

Der strenge Fokus, wir müssten Corona unter allen Umständen mit rational vernünftigen Mitteln zurückdrängen, hat alle Verhältnismäßigkeit eingebüßt.

Eine Ausgewogenheit kann nur erreicht werden, wenn der Kampf um den Primat wieder aufgenommen wird und andere Lebensbereiche ihre Interessen ebenso massiv einbringen. 

Die üblicherweise hier einsetzende moralische Frage (muss der Staat jedes Leben schützen), lenkt, wie die Frage nach Wahrheit, mehr von der sozialen Problematik ab, als dass sie Lösungen verspricht. 

Die Sau rauslassen

Das folgende ist eine Offenbarung

Wenn ich die Ursache der Hilflosigkeiten, denen wir zur Zeit ausgesetzt sind, mit einem „Versagen der Demokratie“ bezeichne, muss ich anfügen, dass ich damit nicht jene Demokratie meine, die wir bisher als solche kennengelernt haben. (3) 

Unter Demokratie verstehe ich einen Aspekt der Demokratie, den wir bisher zu wenig wahrgenommen haben. Dadurch, dass wir demokratische Defizite zu spüren bekommen, erkennen wir aber, wo und wie auf diese reagiert werden könnte.

An den erkennbaren Defizite erahnen wir eine zukünftige Demokratie.

Wir sehen einen langen Strang an Defiziten, auf deren anderen Seite eine Hoffnung aufleuchtet (4). Daran können wir einfallsreich anschließen, um Demokratie auf einer höheren Ebene zu erneuern.

Es hängt einem zum Halse raus..

Zur Bilanz der Defizite gehört die verklebte Allianz öffentlicher Medien mit Parteien und Funktionären, sowie das Fehlen von direkt-demokratischen Strukturen.

Es bleibt einerlei, ob wir eine Talkshow von Anne Will, Markus Lanz, Barbara Stöckl oder Servus-TV im Hangar-7 in Salzburg einblenden,  sogar in den Sternstunden der Philosophie im SRF-Kultur ist zu bemerken, wie alle am Tropf des Staates – des Leviathan – hängen. 

Von der Auswahl der Kandidaten bis zur Technik der Fragestellung und der Themenwahl bekommen wir nichts anderes zu hören und zu sehen, als das Einüben in langweilige staatspolitische Fragerituale, in Konformität! (5)

In den Talkshows werden Kabinette nachgestellt mit den dazugehörigen fachlichen Beratern, die dem Zuseher vermitteln, er würde am politischen Geschehen und dessen Entscheidungen als Pseudo-Souverain teilnehmen.

Fragen, die über das Pragmatische hinausgehen, größere Zusammenhänge herstellen, Visionen des Zukünftigen in Krisenzeiten andeuten, gibt es kaum, in diesem zerfasert kleingehackten Coronadeutsch der Medien.

Dieses emsige Bemühtsein, immer das Gute und Richtige zu wollen, hängt einem so was zum Hals raus…

Jede billige Operette und jedes Musical ist einfallsreicher inszeniert, als diese Demonstrationen medialer Rationalität und Staatstreue. 

Wenn Herr Lauterbach wenigstens singen würde…?

Engführung der Wissenschaft

Egal welchen Wissenschaftszweig wir beobachten, im besonderen die Naturwissenschaften ( Biologie,  Medizin, Statistiken),  sie benötigt eine  Engführung ihres  Beobachtungsausschnittes. Engführung, auch Spezialisierung genannt, ist heute die einzige Möglichkeit zur wissenschaftlichen Leistungssteigerung. Im Fall von Corona ist gerade dieser Vorteil das Handicap. 

Die InfektiologIn kennt sich mit Infektionen aus, weiß aber nichts, oder sehr wenig über das Immunsystem und dessen Wirkung, über das Zusammenspiel des Immunsystems mit Ernährung, Lebenshaltung und Umwelt. Zumindest ist das nicht das Feld, das sie erforscht hat.

Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf den Inzidenzwert 35, 120, 400 und mehr. Aber bitte, wer fragt nach den 90880 Menschen, die nicht angesteckt wurden, demselben Risiko ausgesetzt waren. Über welche Abwehrkräfte verfügen sie, welche Umständen führten dazu, dass sie nicht angesteckt wurden? 

Diese meist ausgeblendeten Fragen sind fachlich und sachlich mindestens genauso bedeutend, wie die Infektionszahlen selbst, werden aber bei der Krisenbewältigung weitgehend ausgeschlossen, gehören nicht in den Wunschkatalog mit der Aufschrift: „staatstragend“.

Was ich damit sagen will, die Faktenlage als Grundlage der Entscheidungen ist äußerst dünn, wir tun aber so, als wäre in dem engen Ausschnitt das Wesentliche enthalten.

Ausschnitthafte Kenntnisse bestimmen die Wissenschaft aber auch die Politik, Wirtschaft, Familie und andere Sozialen Systeme.

Diese Ausschnitte. zu einem höheren Ganzen zusammenzuführen wäre das Ideal der Demokratie. 

Widersprüche offen halten 

Da Demokratie kein Puzzle ist, das wir nur richtig aneinanderfügen müssen, ist ihr der Widerspruch eigen.  

Gesprächsformen zu haben, um Widersprüche so lange als möglich offen zu halten, ist ein entscheidendes Werkzeug der Demokratie. 

Widersprüche auszuhalten, hat die parlamentarische Parteien-Demokratie mit ihrer Wahlpropaganda und ihrer manipulativen Allianz von Politik und öffentlichen Medien sich selbst ausgetrieben. 

Die Talkshows sind nur ein Beispiel. Der gesamte  Bereich der öffentlichen Medien ist sich mit der Politik einig: 

Das  Volk ist zu dumm, die wesentlichen Fragen zu verstehen

Diese unausgesprochene volkspädagogische Prämisse von Politik und Medien bestimmt die Themenwahl und deren Behandlung, ihr Niveau, die Art der Emotionalität, die Zeitrhythmik, die Intensität und Länge der Aufmerksamkeiten, die manipulativ gesteuert werden. 

Die Medien bestimmen was Thema ist 

Wer, wie ich, die letzten großen Wahlen in der BRD und in Österreich auf die Frage des Geldes hin beobachtet hat, musste feststellen, dass das Thema des Geldwertes, welches in Fachkreisen alarmierende Dimensionen angenommen hatte, in Österreich unter dem Schlagwort „was bleibt im Börserl über“ abgehandelt wurde. Politik und Medien waren sich einig, dass das komplizierte und emotionale Thema Geld in der Wahlphase kein Thema sein darf, es so aufbereitet werden muss, dass es den Egoismen des Einzelnen entspricht.

Das Fehlende weist in die Zukunft

Das oben genannte Defizit weis darauf hin, dass Medienvertreter und Politiker in diesem Medien-Filz sich selbst längst von den wesentlichen Fragen abisoliert haben. Was sie uns antun, das tun sie auch sich selbst an. 

Mit ihren manipulativen Strategien berauben sie sich aller Mittel, die sie jetzt unter Corona dringend benötigen würden, um Fragen offen zu halten. Einfach gesagt, es fehlt ihnen jetzt an Techniken, um Offenheit zuzulassen (6). Sie verstehen sich nicht mehr als Scouts für Menschen, die ungewöhnliche Blicke auf Phänomene ermöglichen. Die ModeratorInnen bemerken nicht einmal mehr, das ihr spezialisierter Focus eine offene Auseinandersetzung verhindert.

Offenheit wäre zur Zeit der Lösungsansatz, damit ein freier kreative Geist walten und gestalten kann. 

Gepanzerte Demokratie 

Über Jahrzehnte haben sich Medienvertreter gegen offene Frage abgeschottet und jedem auf die Finger geklopft, der ganz naiv Fragen stellte.

Die eingeübte Taubheit und psychische Abpanzerung von Politik und Medien hat eine desperate Welt zur Folge, die sich vermeintlich in einem Machkampf befindet, in der  große Teil der Bevölkerung in Resignation, Ignoranz oder Desinteresse abgetaucht sind oder einen immer höheren Level an Sicherheit und Kontrolle – bis zur Garantie auf Leben – fordern.

Die medial aufgedrückte, in uns eingeschriebene Sprache – wo sehen wir sie deutlicher – als in dem Wunsch, sich Sprache und Bild einbrennen zu lassen? 

Solange wir in Demokratien leben, in denen Parteien und Lobbies Zugriff auf unzählige Leitungsposten in staatlichen und staatsnahen Institutionen haben, Wahlen nur  Scheinkämpfe um Stellen in Aufsichtsräten, in leitenden Positionen bei Ministerien, staatsnahen Institutionen, Banken und Betrieben sind, wird Politik nicht jene Kreativität entwickeln können, derer sie bedarf, um all jene Fragen offen zuhalten, die nicht sofort pragmatisch gelöst werden können! 

Direkte Demokratie & Expertise

Gerade unter Corona wäre die Idee der Direkten Demokratie neu zu denken. 

Direkt-demokratische Formen könnten jene unumgänglichen Expertisen erbringen, die die Politik gerade dringend nötig hätte. 

Wie das Beispiel der Volksabstimmung zu staatlichen Rundfunkgebühren (no billag) in der Schweiz zeigte, kann kein noch so kompetentes Gremium an Fachleuten eine so exzellente Expertisen über ein Thema  erarbeiten. 

Dazu kommt, dass mit der Mehrheitsentscheidung ein Großteil der Bevölkerung die notwendig Voraussetzung zur Realisierung des Gewollten mitbringt.

Demokratie ergänzt partielle Sachkenntnis 

 Die Frage, die uns Corona stellt hängt mit der Weiterentwicklung von Demokratie zusammen. Demokratie ermöglicht uns, die partiellen Sichtweisen der verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche zusammenzubringen, ohne jeweils die unterschiedlichen Standpunkte aufgeben zu müssen. 

Künstler, Dichter, Denker

haben über Jahrzehnte geübt, Fragen offen zu halten und sind dazu in einem hohen Maß befähigt.

Von Künstlern wie Christoph Schlingensief, Jonathan Meese, von Joseph Beuys, von Bazon Brock…

von DichterInnen wie Peter Handke, Christine Lavant und  Robert Musil … 

könnten Wissenschaftler, Medienmacher, Medienvertreter, Politfunktionäre und deren Tross an Beratern profitieren!

Lasst das Zungenreden wieder zu!

GL

(1) Die Idee der „sozialen Plastik“ von Joseph Beuys basiert auf der Idee des Wärmehaushaltes der Erde. Alle seine Skulpturen aus Fett, Talg und Gelatine weisen auf die plastische Kraft von Wärme hin!

(2) Kritik am Kapitalismus, Systemtheorie, Wirtschaftsliberalismus, Kollonialismuskkritik, Genderthematik…

(3) Die Gefährdung der Demokratie durch Grundrechtseinschränkungen, wie sie von Juristen zur Zeit beobachtet werden, ist hiermit nicht fokussiert, hier wird  ein Aspekt der Verschränkung von Gesetzgebung, Expertise und Durchsetzung der Gesetze angesprochen. 

(4)Friedrich Hölderlin Zitat aus dem Gedicht

„Patmos“: „Nah ist / und schwer zu fassen der Gott. / Wo aber Gefahr ist, wächst / das Rettende auch.“

(5)Die Gegner der offiziell verlautbarten Auffassungen wie Wodarg, Bhakti & Co. gehören auch in das Bild mit hinein. Die Dialektik lehrt uns, wie Position und Negation sich wechselseitig bedingen.

(6) Sie können an jeder Talkshow, an jedem medial vermittelten Gespräch mit Fachleuten beobachten, wie die ModeratorInnen sich mit ihrer Fragetechnik behindern und damit nur  gewünschte Antworten erhalten.