Sprachverwirrung unter Corona -babylonisches Ausmaße?

Masaccio „Vertreibung aus dem Paradies“ Fresko 142

Die Vertreibung aus dem Paradies erzählt, wie die Menschen nicht mehr mit Tieren, Pflanzen sprechen konnten, wie die Schöpfung sich ihnen verschloss. 

Der Mensch war zu etwas anderes als Natur geworden. In Zukunft müssen die Menschen sich darüber verständigen, was Natur ist und was sie selbst sind.

Babylon und die Götterdämmerung berichten davon, wie Worte und Sätze, die bisher auf Sachen, Zustände und Ereignisse zutrafen, plötzlich nicht mehr griffen und sich damit die gesamte Welt veränderte. 

So warten wir alle – gerade unter Corona – auf Pfingsten!   

Pieter Brueghel d.Ä. „Der Turmbau zu Babel“ 1563

           

Noch nie wurde die Aussage von Niklas Luhmann – Kommunikation und das Soziale seien nahezu identisch – so deutlich beobachtbar wie im letzten Jahr.

Die Masken standen schon seit Anfang Corona als Fanal am sozialen Himmel und vermittelt en (1): „Haltet endlich den Mund, hört zu, seht genau hin!“

Seit einem Jahr wurden viele bewährte Formen sprachlichen Zugriffes auf die Welt außer Kraft gesetzt. Auch alle Kritik, die bisher funktioniert hat, funktionieren jetzt nicht mehr.(2)

Es sind minimale Beobachtungen, die wir – ohne recherchieren zu müssen – im Alltag vorfinden. 

„Sind das Verschiebungen, wie sie im Bedeutungswandel der Sprache üblicherweise geschehen oder handelt es sich dabei um seismographische Ausschläge, die gewaltige  Verschiebungen der Sozialen Tektonik anzeigen“, frage ich mich.

In den ersten Wochen und Monaten der Pandemie hörten wir oft die Klage, wieso es kein anderes Thema mehr gebe. Ist Ihnen aufgefallen, dass diese Argumentation fast ganz verschwunden ist?

Wer aufmerksam zuhörte, konnte beobachten, dass Bezeichnungen wie Pandemie, Infektion, Impfung, Krankheit, Tod, Überleben, Wahrscheinlichkeit, Statistik, Option, der Andere, die Anderen, die Welt usw. im Laufe dieses Jahres einen ganz anderen Sinn bekamen. 

In welche Richtung der Wandel geht, ist noch nicht klar, aber eine Verschiebung (3) kann deutlich wahrgenommen werden.

Wir verwendeten dieselben Wörter weiter, bemerkten aber schmerzlich, dass sich die Semantik geändert hatte. Die bisherig selbstverständlichen Bezüge haben sich in einer Weise verschoben, dass es uns bis heute schwer fällt, ihnen neue Sachbereiche zuzuweisen.

Beginnen wir mit dem Begriff Pandemie. Erinnern Sie sich noch, wie vor einem Jahr die Weltgesundheitsbehörde die Definition änderte und mit einem Male regional auftretende Infektionen zur Pandemie erklärt wurden, woraufhin weltweit ein Lockdown nach dem anderen ausgerufen wurde (4). 

Meine Vermutung ist, jeder von uns, der mitdenkt, stellt sich gelegentlich im Stillen die Frage: Handelt es sich wirklich um eine Pandemie oder machen wir uns da was vor? 

Die Gefährlichkeit des Virus wird niemand bestreiten, aber muss Lockdown auf Lockdown folgen oder würden gar ausgesetzte oder weniger Maßnahmen die Situation überhaupt nicht ändern? Diese Frage muss erlaubt sein!

Obwohl die Fakten weltweit dagegensprechen erwehrt sich so manch einer nicht des Gefühls, im falschen Film zu sitzen.

Mit dem Begriff Infektion war gemeinhin die Vorstellung verbunden, dass ein Infizierter auch krank sei. Die Diagnose „an-Krebs-erkrankt“ wurde so verstanden, dass man tatsächlich erkrankt war. Inzwischen ist jemand mit einem negativen Coronatest noch lange nicht sicher , ob er nicht trotzdem infiziert ist. Interessant ist dabei die Verschiebung von positiv zu negativ, sowie die verzerrende Trennung von Krankheit und Infektion. (5)

Impfung hatte einem bisher weitgehend vor einer bestimmten Krankheit geschützt. Es herrschte die Auffassung (6): Ist jemand geimpft, steckt er niemanden an.

Wird man gegen Corona geimpft, kann man sich nicht sicher sein, ob man die Krankheit nicht trotzdem bekommt oder weiterhin ansteckend ist.

Die Sicherheiten, die durch die Impfung versprochen wurden, sind nicht mehr gewährleistet und trotzdem setzen wir auf sie als die sicherste Möglichkeit zur Eindämmung der Infektionen.

Diese Verschiebung ist auf sich ändernde wissenschaftliche Methoden in der Diagnose, wie in der Herstellung  der Impfstoffe zurückzuführen. 

Die Bedeutungsverschiebungen in der Kommunikation ist notwendig, weil wir differenziertere Begriffe brauchen, um das mikrobiologische Phänomen „Corona“ erfassen zu können. Das differenzierte biologische Wissen mit vielen offenen Optionen – die Symptomatik wird bei Corona nachgereicht – vermittelt aber den Eindruck, aus diesem Kreislauf nie mehr herauszukommen.

Werden im Wissenschaftsbereich viele Optionen offen gehalten, so verfügt dieser über Strukturen und Hierarchien, diese Komplexität im Falle notwendiger Entscheidungen zu reduzieren. Das System, offener Optionen ( der Wissenschaft) auf Politik, Medien und auf die öffentliche Diskussion zu übertragen, erzeugt Verwirrung, da hier Strukturen fehlen, die Eindeutigkeit (7) ermöglichen.

Der Wechsel von einer auf Symptomatik bauenden Medizin zu einer molekularbiologisch bestimmten Medizin, der nicht hinter gesicherten Mauern der Labors und Forschungsstätten geschieht, sondern im Labor Menschheit experimentell vollzogen wird, macht allen schwer zu schaffen.

Der Einzelne ist völlig überfordert, wenn er den Beipackzettel seines Medikamentes liest. Unter Corona sind wir alle in dieser Situation, ob von der Krankheit betroffen oder nicht, der permanent nachgerüstete „Beipackzettel“ wird uns von morgens bis abends „vorgelesen“.

Während bisher ein Krankheit im Alltag etwas Individuelles war – man hatte Schnupfen – oder die Grippe hatte einen 14 Tage lahmgelegt, irgendwann hatte man gehört, dass Menschen daran sterben, aber betroffen hat es, wenn, nur mich und die mir nahestehenden Freunde oder Bekannten, nie eine ganze Nation oder die ganze Welt. 

Noch nie war ich für deren Krankheitsverläufe verantwortlich!

Ob einem der Tod eines Menschen betraf oder anrührte, war Umständen zuzuordnen, die nur teilweise beeinflussbar waren, für die wir nicht zuständig waren – so die bisherige Auffassung. 

Unter Corona hat sich das Verständnis grundlegend gewandelt. Es hat den Anschein, als wäre jeder für alle verantwortlich und wir müssten alles über diese Krankheit wissen, die zu einem schmerzlichen Tod für alle führen kann.

Tag für Tag wird uns verdeutlicht, dass diese Krankheit nicht mich alleine trifft, sondern potentiell alle treffen kann! 

Aber ist das so? 

Jedes Mitglied der Gesellschaft hat diese Krankheit zu bekämpfen, ja mitzuhelfen diese auszurotten, so wird uns vermittelt. 

So hat sich der Begriff der Solidarität – bisher ein Begriff im Arbeiterkampf – zu einem Begriff sozialer Hygiene-Ethik verwandelt. 

Bisher war nur im äußersten Grenzfall der Arzt, die Medizin, die Gesellschaft Schuld am Tod eines Menschen. Unter Corona muss jede millionste Möglichkeit in Erwägung gezogen werden, um eine Ansteckung zu verhindern, auch wenn dies zu den absurdesten Lösungen führt (8).

So wollte man zB. die Reduzierung von Unfalltoten mit Hilfe des Tempolimits erreichen und dies geschah als institutionalisierte Regelung, von den Menschen unbemerkt und ohne moralischen Impetus. Unter Corona werden solche funktionalen Verfahren durch restriktive Anordnungen ersetzt und werden moralisch belegt.

Seit einem Jahr ist unser Verhältnis zum Tod ein völlig anderes geworden. Der Tod ist nicht mehr Schicksal des Einzelnen oder ein Faktor in allgemeinen Statistiken, sondern jeder individuelle Coronatote gefährdet die gesamte Gesellschaft!

Würden ohne Maßnahmen oder durch andere Maßnahmen die Todeszahlen wirklich so steigen, wie uns die Hochrechnungen vormachen? Das fragen sich viele – leise oder laut.

Liegen den Hochrechnungen doch nur wenige Parameter zugrunde! Weder die sozialen noch gesundheitlichen Folgeschäden, die durch die Maßnahmen entstehen, sind eingerechnet, auch kennt man nicht jene Faktoren, die dazu führten, dass Menschen nicht angesteckt wurden.

Unzählige Faktoren fließen nicht in unsere Hochrechnungen ein, welche die Grundlagen für unsere Handlungsentscheidungen bilden. 

Die abwehrenden Wirkungen unserer Immunsysteme und die Faktoren für Gesundheit werden nicht erfasst.

Der Tod ist unter Corona nicht mehr ein individueller Tod, sondern ein Ereignis, das uns alle gefährdet, nicht nur das System der Politik, sondern das soziale System als Ganzes

Dabei ist egal, ob die Gefährdung des Ganzen faktisch nachweisbar ist. Alleine die Möglichkeit, es könnte geschehen, ist unter Corona gleichzusetzen mit der Tatsache, dass es geschieht.

Wieso es zu dieser Gleichsetzung von Wirklichkeit und Möglichkeit unter Corona kam, weiß ich nicht, aber faktisch ist jetzt Wirklichkeit und Möglichkeit identisch geworden. 

Welche Konsequenzen hat diese Einsicht? 

Hieronymus Bosch, „der Heuwagen“ um 1450 – 1516.

Sehen wir auf die Wirkung der Pest im Mittelalter, so war die Verallgemeinerung des Todes ein wohltuendes Mittel, die Schichtung im Sozialen für einen Moment auszusetzen. 

Im imaginären Moment eines Jüngsten Gerichtes werden alle gleich sein, ob Kaiser, König, Edelmann, Bischof, Papst, Ritter oder Mönch. Vom Tod werden sie alle genarrt sein, wie die Szene auf dem Heuwagen von Hieronymus Bosch uns anschaulich vermittelt. 

Was sagt uns dieser Vergleich? 

Wieso brauchen wir heute den Tod als Bedrohung des Kollektivs, der Gemeinschaften, der Nationen, des Staates und der überstaatlichen Organisationen, ja der Welt? 

Was läuft so schief, dass wir es nur durch die Gefährdung des Ganzen aufzeigen können, von der keiner genau sagen kann, ob sie real oder fiktiv ist?

Eines macht uns der Vergleich mit dem Mittelalter deutlich: Auch wenn die Situation heute eine völlig andere ist: Wir schätzen dieses Virus und seine Mutanten als weltgefährdend ein. 

Damit werden die unscheinbarsten Alltagsbeobachtungen zu seismografischen Ausschlägen, die von den tektonischen Erschütterungen des sozialen Ganzen zeugen.

 Methodischer Einschub 

Der methodische Schritt, den Niklas Luhmann unternahm, bestand darin, dass er von einer handlungs- und verantwortungsgeleiteten Soziologie a’ la Max Weber abrückte und auf eine höhere Abstraktionsebene wechselte, in dem er von Operationen, Anschlüssen, Strukturen und Systemen ausging. Damit  ermöglichte er, dem “Sündenfall“, der Schuldzuweisung an Personen und Gruppen auszuweichen, dem heute die Kritiker ausgesetzt sind.  

Kommunikation und Fakten

Vielleicht kommen wir der Frage näher, wenn wir beobachten, wie wir über Fakten, Statistiken, Einschätzungen kommunizieren.

Die öffentliche Auseinandersetzung um Werte der Wissenschaften wird unter Fachleuten und Laien weitgehend mit naturwissenschaftlichen Argumenten geführt.

Ergänzt werden diese durch rechtliche Argumente und Fragen zur sozialen Gerechtigkeit und Verhältnismäßigkeit.

In all diesen Diskussionen fehlt aber eine ganz wesentliche Wahrnehmung, dass es sich bei all den Kontroversen zuallererst um eine Frage der Kommunikation handelt und weniger um Fakten.

Zur Kommunikation gehört wesentlich die Relativität von Fakten in der Diskussion anzuerkennen.

Wir kommunizieren über vorläufige naturwissenschaftliche Erkenntnisse,  aber tun so, als wären dies gesicherte Grundlagen für gesellschaftliches Handeln.

Die Natur (der Virus) ist uns aber letztlich weniger zugänglich als unsere Verständigung darüber. Wir verständigen uns  darüber, was dieses Virus ist und welche Wirkung es entfaltet, wissen aber wenig oder nichts über dessen soziale Wechselwirkungen.

Die Illusion, die uns die Mikrobiologen, die Immunologen usw. vermitteln, alles über das Virus zu wissen, ist lächerlich, wissen wir doch, dass dieses Wissen in drei Jahren, ja vielleicht sogar morgen museumsreif ist. Wir können und müssen auch den Umfang unseres Nichtwissens anerkennen und darüber kommunizieren lernen. 

Gerade der Begriff des Immunsystems vermittelt eine Vorstellung, von dem, was wirkt, aber nicht zugänglich ist. 

Mit dem Immunsystem wird etwas bezeichnet, von dem wir wissen, wie wir es stärken können, warum mache erkranken und andere nicht, bleibt weiterhin offen.

Ein weiteres Beispiel: Inzidenzwert: Für das Soziale ist entscheidend, worauf sich der Inzidenzwert faktisch bezieht. Für soziales Handeln benötigen wir Richtwerte, um das Soziale steuern zu können. Ob der Inzidenzwert geeignet ist, ist nicht nur eine Frage der Infektiologie, sondern auch eine Frage der Kommunikation über die Wahl dieses Bezugspunktes. 

Ganz brutal gesagt: Für das Soziale ist nicht entscheidend, ob die durch Insidenzwerte bestimmten Maßnahmen die Infektionszahlen und Todeszahlen senken oder nicht. Für das Soziale ist viel entscheidender, ob über einen Insidenzwert soziale Prozesse adäquat gesteuert werden können, ob Soziales zerstört wird oder gedeihen kann. 

Für das soziale Ganze sind medizinische Hygienemaßnahmen wie Isolierung nur ein Teil der Lösung, weitere Aspekte müssten berücksichtigt werden.

Ich möchte auf das Beispiel der Seniorenheime hinweisen, in denen betagte Menschen in Isolation sterben mussten, um die Bedeutung dieser Aussage zu unterstreichen.

Nicht ganz so, aber so ähnlich, verhält es sich mit Statistiken, Messwerten und anderen wissenschaftlichen Fakten. Sobald diese aus ihrem Bereich ins Soziale übertragen werden, kommen Belange hinzu, von denen die Spezialisten der Naturwissenschaften (9)  kein Wissen haben.

Oder anders gesagt: Die Eindämmung einer Pandemie geht über die hygienischen Maßnahmen zur Bewältigung einer Infektion weit hinaus. 

Wir haben es mit einer 

Krise des SOZIALEN 

und einer 

Krise der KOMMUNIKATION 

zu tun! 

GL

(1) siehe #luhmannsschwarzehefte nachgereicht wordpress

(2) An Gunnar Kaiser und dessen beredt leiernden Sprache kann abgelesen werden, wie bisher bewährte Kritik ins Leere läuft und nur mehr als ein Textrauschen wahrgenommen wird.

(3) die Verschiebung der Bedeutung von Begriffen fand nicht nur im Gesundheitswesen statt, sondern ebenso in der Politik, im Recht, in der Familie, in Wissenschaft und Bildung, in allen Bereichen des Sozialen. Die Verschiebungen dort aufzuspüren würde Interessantes freilegen

(4) Im nächsten Artikel in #luhmannsschwarzenheften wird simuliert, was gewesen wäre, wenn Covid Sars-19 in den 60er Jahren aufgetreten wäre…..ein erhellendes Konstrukt.

(5) Vor Corona wurden Diagnosen symptomatisch gestellt, unter Corona wurden microbiologische Kenntnisse herangezogen, das führte zu dieser Bedeutungsverschiebung. Einerseits werden Partikel des Virus gefunden (PCR Test), etwas anderes ist, ob man infizierte wird. Der Podcast von Drosten ist auf diesen Bedeutungswandel zurückzuführen, erkannte er doch schnell, dass bei einer Verschiebung in die mikrobiologische Diagnostik Aufklärung unbedingt nötig ist. 

(6) Das allgemeine Verständnis von Krankheit und Infektion entsprach natürlich nicht dem Stand der Wissenschaft, aber der Laie kam damit gut zurecht, während die detaillierten Viren-Fachkenntnisse zur Zeit jeden Bürger völlig überfordern.  

(7) Im letzten Beitrag, luhmansschwarzehefte wies ich auf das Verhältnis von Politik und Bürger hin, das seit längerem von tiefem Misstrauen durchsetzt ist, was auf ein Fehlen direkte demokratischer Strukturen hinweist.

(8)Die Beispiele hier stehen für unzählige: Ich stehe mit Maske im überfüllten Bus eng gedrängt, darf aber nicht in ein Geschäft, da sich schon zwei Personen im 40 m2 Laden aufhalten….  Die Lokale sind geschlossen, wo Abstand und Hygiene kontrolliert werden könnten, stattdessen treffen die Menschen sich privat und der Gesetzgeber möchte Grundgesetzänderungen durchsetzen (BRD) damit die Polizei in Privaträume eindringen darf…

(9)Medizin ist keine reine Naturwissenschaft, als Handlungswissenschaft war sie unter Corona völlig überfordert. 

Corona-Offenbarung

Der aktuelle Leviathan: 

Begegnete man Bekannten, war es auf der Straße üblich, den Hut zu ziehen. Diese Geste bezeugte Respekt und der Hutträger gab sich zu erkennen, denn Hüte verändern die Physiognomie und das Gegenüber könnte einem verwechseln. 

Sehe ich jemanden, den ich zu kennen meine, im Bus, Zug oder sonst, wo Masken geboten sind, hebe ich auch kurz die Maske, um mich zu erkennen zu geben! 

Viele solcher, im einzelnen lächerliche Beobachtungen und deren Interpretation summiert, was ergeben sie? 

Eine Summe sozialer Verhaltensweisen, die uns verändert, an die wir uns gewöhnt haben und die wir ablegen, sobald Corona wieder vorbei ist?

Die Frage ist, haben sich im Sozialen Verhaltensweisen verändert, die wir wieder ablegen können oder hat sich ein grundlegender Strukturwandel vollzogen? 

Um diese Frage abwägen zu können, müssen wir zuerst einigen Denkmüll beiseite räumen. 

Corona ist die Umweltkatastrophe 

Die Auffassung, Corona wäre irgendwann, wenn die Impfung und die anderen Maßnahmen Wirkung zeigen vorbei, und wir würden dann wieder zum normalen Leben zurückkehren, täuscht! 

Ich denke, solche Täuschungen sind lebenswichtig, aber sind sie auch realistisch?

Es gibt nämlich nicht Corona, das wir bewältigen könnten und dort die Erderwärmung, die Co2-Verschmutzung, die  Energieknappheit, die wir anschließend zu bewältigen haben. 

Das Coronavirus ist eine der Wirkungen der von Menschen gemachten Umweltveränderung, die sich nicht nur an den schmelzenden Polkappen, an den verschmutzten Meeren und der Luft zeigen, sondern sich gerade in der microbiologischen Sphäre zeigt, bewirkt durch die  Veränderung des Wärmehaushalts unserer Erde.(1) 

Installationsraum „Unschlitt/Tallow (Wärmeskulptur auf Zeit hin angelegt)“ von Joseph Beuys.© Foto: dpa

Nicht nur in der Systemtheorie wird das Biologische als Umwelt des Sozialen benannt, sondern auch für die Humanbiologie stellt die restliche Natur deren Umwelt dar, deren Veränderungen sich auf die Befindlichkeit dieser Biologie auswirken.

 Brennglaseffekt 

Mit einem weiteren Bild, das die Diskussion bestimmt, muss aufgeräumt werden, mit dem sogenannten  Brennglaseffekt, der besagt, unter Corona würden bereits vorhandene Probleme wie durch eine Vergrößerungslinse deutlicher hervorgehoben. 

Der Brennglaseffekt gehört zu all jenen Erklärungsmustern, die jetzt aus dem Bauchladen der Ideologien gezaubert werden, um die Gegenwart so zu erklären, wie bisher soziale Probleme erklärt wurden. 

Die Metapher besserer Sichtbarkeit vermittelt, es sei alles wie immer, unter Corona sähen wir die Probleme nur  deutlicher, die bekannten sozialen Phänomene würden in Corona verstärkt auftreten, Klassengegensätze würden deutlicher, Arme und Menschen mit Emigrationshintergrund, Frauen,  Alleinerziehende usw. seien unter Corona benachteiligt.

All das stimmt, nur erfassen wir damit wirklich die sich gerade verändernde Situation? 

Ich ahne, und viele Hinweise sprechen dafür, dass wir es mit einer Veränderung im Sozialen zu tun haben, die tiefgehend ist, die wir aber nur an Verformungen und Defiziten festmachen können.

Wie sollen wir sehen, was wir werden wollen, wenn das Wollen sich seinerseits nur in Visionen, in Bildern zu erkennen gibt? 

Tote bewirtschaften

Eines hat Corona deutlich gezeigt: 

Alle bisherigen Erklärungen der Welt funktionieren nicht mehr.

Nichts wird unter Corona so deutlich, wie die Tatsache, dass alle bisherigen Denkmuster und dazugehörigen Handlungsanweisungen (2) nicht mehr ausreichen, um denkend und handelnd der jetzigen Situation gerecht zu werden. 

Seitdem das Primat der Wirtschaft vom Primat der „Gesundheit“, in dem es nie um Gesundheit, sondern nur um Infektionszahlen geht, abgelöst wurde, ist die gesamte soziale Tektonik verschoben und Anschlussstellen zwischen den sozialen Systemen und Strukturen abgetrennt worden. Was bisher durch Wirtschaftlichkeit bestimmt war,  muss jetzt den Todeszahlen und Intensivbettenzahlen untergeordnet werden.

Obwohl, genau genommen Statistiken nicht anderes sind, als gewandelte Argumente des Ökonomischen: unter Corona werden auch Tote bewirtschaftet!

Der strenge Fokus, wir müssten Corona unter allen Umständen mit rational vernünftigen Mitteln zurückdrängen, hat alle Verhältnismäßigkeit eingebüßt.

Eine Ausgewogenheit kann nur erreicht werden, wenn der Kampf um den Primat wieder aufgenommen wird und andere Lebensbereiche ihre Interessen ebenso massiv einbringen. 

Die üblicherweise hier einsetzende moralische Frage (muss der Staat jedes Leben schützen), lenkt, wie die Frage nach Wahrheit, mehr von der sozialen Problematik ab, als dass sie Lösungen verspricht. 

Die Sau rauslassen

Das folgende ist eine Offenbarung

Wenn ich die Ursache der Hilflosigkeiten, denen wir zur Zeit ausgesetzt sind, mit einem „Versagen der Demokratie“ bezeichne, muss ich anfügen, dass ich damit nicht jene Demokratie meine, die wir bisher als solche kennengelernt haben. (3) 

Unter Demokratie verstehe ich einen Aspekt der Demokratie, den wir bisher zu wenig wahrgenommen haben. Dadurch, dass wir demokratische Defizite zu spüren bekommen, erkennen wir aber, wo und wie auf diese reagiert werden könnte.

An den erkennbaren Defizite erahnen wir eine zukünftige Demokratie.

Wir sehen einen langen Strang an Defiziten, auf deren anderen Seite eine Hoffnung aufleuchtet (4). Daran können wir einfallsreich anschließen, um Demokratie auf einer höheren Ebene zu erneuern.

Es hängt einem zum Halse raus..

Zur Bilanz der Defizite gehört die verklebte Allianz öffentlicher Medien mit Parteien und Funktionären, sowie das Fehlen von direkt-demokratischen Strukturen.

Es bleibt einerlei, ob wir eine Talkshow von Anne Will, Markus Lanz, Barbara Stöckl oder Servus-TV im Hangar-7 in Salzburg einblenden,  sogar in den Sternstunden der Philosophie im SRF-Kultur ist zu bemerken, wie alle am Tropf des Staates – des Leviathan – hängen. 

Von der Auswahl der Kandidaten bis zur Technik der Fragestellung und der Themenwahl bekommen wir nichts anderes zu hören und zu sehen, als das Einüben in langweilige staatspolitische Fragerituale, in Konformität! (5)

In den Talkshows werden Kabinette nachgestellt mit den dazugehörigen fachlichen Beratern, die dem Zuseher vermitteln, er würde am politischen Geschehen und dessen Entscheidungen als Pseudo-Souverain teilnehmen.

Fragen, die über das Pragmatische hinausgehen, größere Zusammenhänge herstellen, Visionen des Zukünftigen in Krisenzeiten andeuten, gibt es kaum, in diesem zerfasert kleingehackten Coronadeutsch der Medien.

Dieses emsige Bemühtsein, immer das Gute und Richtige zu wollen, hängt einem so was zum Hals raus…

Jede billige Operette und jedes Musical ist einfallsreicher inszeniert, als diese Demonstrationen medialer Rationalität und Staatstreue. 

Wenn Herr Lauterbach wenigstens singen würde…?

Engführung der Wissenschaft

Egal welchen Wissenschaftszweig wir beobachten, im besonderen die Naturwissenschaften ( Biologie,  Medizin, Statistiken),  sie benötigt eine  Engführung ihres  Beobachtungsausschnittes. Engführung, auch Spezialisierung genannt, ist heute die einzige Möglichkeit zur wissenschaftlichen Leistungssteigerung. Im Fall von Corona ist gerade dieser Vorteil das Handicap. 

Die InfektiologIn kennt sich mit Infektionen aus, weiß aber nichts, oder sehr wenig über das Immunsystem und dessen Wirkung, über das Zusammenspiel des Immunsystems mit Ernährung, Lebenshaltung und Umwelt. Zumindest ist das nicht das Feld, das sie erforscht hat.

Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf den Inzidenzwert 35, 120, 400 und mehr. Aber bitte, wer fragt nach den 90880 Menschen, die nicht angesteckt wurden, demselben Risiko ausgesetzt waren. Über welche Abwehrkräfte verfügen sie, welche Umständen führten dazu, dass sie nicht angesteckt wurden? 

Diese meist ausgeblendeten Fragen sind fachlich und sachlich mindestens genauso bedeutend, wie die Infektionszahlen selbst, werden aber bei der Krisenbewältigung weitgehend ausgeschlossen, gehören nicht in den Wunschkatalog mit der Aufschrift: „staatstragend“.

Was ich damit sagen will, die Faktenlage als Grundlage der Entscheidungen ist äußerst dünn, wir tun aber so, als wäre in dem engen Ausschnitt das Wesentliche enthalten.

Ausschnitthafte Kenntnisse bestimmen die Wissenschaft aber auch die Politik, Wirtschaft, Familie und andere Sozialen Systeme.

Diese Ausschnitte. zu einem höheren Ganzen zusammenzuführen wäre das Ideal der Demokratie. 

Widersprüche offen halten 

Da Demokratie kein Puzzle ist, das wir nur richtig aneinanderfügen müssen, ist ihr der Widerspruch eigen.  

Gesprächsformen zu haben, um Widersprüche so lange als möglich offen zu halten, ist ein entscheidendes Werkzeug der Demokratie. 

Widersprüche auszuhalten, hat die parlamentarische Parteien-Demokratie mit ihrer Wahlpropaganda und ihrer manipulativen Allianz von Politik und öffentlichen Medien sich selbst ausgetrieben. 

Die Talkshows sind nur ein Beispiel. Der gesamte  Bereich der öffentlichen Medien ist sich mit der Politik einig: 

Das  Volk ist zu dumm, die wesentlichen Fragen zu verstehen

Diese unausgesprochene volkspädagogische Prämisse von Politik und Medien bestimmt die Themenwahl und deren Behandlung, ihr Niveau, die Art der Emotionalität, die Zeitrhythmik, die Intensität und Länge der Aufmerksamkeiten, die manipulativ gesteuert werden. 

Die Medien bestimmen was Thema ist 

Wer, wie ich, die letzten großen Wahlen in der BRD und in Österreich auf die Frage des Geldes hin beobachtet hat, musste feststellen, dass das Thema des Geldwertes, welches in Fachkreisen alarmierende Dimensionen angenommen hatte, in Österreich unter dem Schlagwort „was bleibt im Börserl über“ abgehandelt wurde. Politik und Medien waren sich einig, dass das komplizierte und emotionale Thema Geld in der Wahlphase kein Thema sein darf, es so aufbereitet werden muss, dass es den Egoismen des Einzelnen entspricht.

Das Fehlende weist in die Zukunft

Das oben genannte Defizit weis darauf hin, dass Medienvertreter und Politiker in diesem Medien-Filz sich selbst längst von den wesentlichen Fragen abisoliert haben. Was sie uns antun, das tun sie auch sich selbst an. 

Mit ihren manipulativen Strategien berauben sie sich aller Mittel, die sie jetzt unter Corona dringend benötigen würden, um Fragen offen zu halten. Einfach gesagt, es fehlt ihnen jetzt an Techniken, um Offenheit zuzulassen (6). Sie verstehen sich nicht mehr als Scouts für Menschen, die ungewöhnliche Blicke auf Phänomene ermöglichen. Die ModeratorInnen bemerken nicht einmal mehr, das ihr spezialisierter Focus eine offene Auseinandersetzung verhindert.

Offenheit wäre zur Zeit der Lösungsansatz, damit ein freier kreative Geist walten und gestalten kann. 

Gepanzerte Demokratie 

Über Jahrzehnte haben sich Medienvertreter gegen offene Frage abgeschottet und jedem auf die Finger geklopft, der ganz naiv Fragen stellte.

Die eingeübte Taubheit und psychische Abpanzerung von Politik und Medien hat eine desperate Welt zur Folge, die sich vermeintlich in einem Machkampf befindet, in der  große Teil der Bevölkerung in Resignation, Ignoranz oder Desinteresse abgetaucht sind oder einen immer höheren Level an Sicherheit und Kontrolle – bis zur Garantie auf Leben – fordern.

Die medial aufgedrückte, in uns eingeschriebene Sprache – wo sehen wir sie deutlicher – als in dem Wunsch, sich Sprache und Bild einbrennen zu lassen? 

Solange wir in Demokratien leben, in denen Parteien und Lobbies Zugriff auf unzählige Leitungsposten in staatlichen und staatsnahen Institutionen haben, Wahlen nur  Scheinkämpfe um Stellen in Aufsichtsräten, in leitenden Positionen bei Ministerien, staatsnahen Institutionen, Banken und Betrieben sind, wird Politik nicht jene Kreativität entwickeln können, derer sie bedarf, um all jene Fragen offen zuhalten, die nicht sofort pragmatisch gelöst werden können! 

Direkte Demokratie & Expertise

Gerade unter Corona wäre die Idee der Direkten Demokratie neu zu denken. 

Direkt-demokratische Formen könnten jene unumgänglichen Expertisen erbringen, die die Politik gerade dringend nötig hätte. 

Wie das Beispiel der Volksabstimmung zu staatlichen Rundfunkgebühren (no billag) in der Schweiz zeigte, kann kein noch so kompetentes Gremium an Fachleuten eine so exzellente Expertisen über ein Thema  erarbeiten. 

Dazu kommt, dass mit der Mehrheitsentscheidung ein Großteil der Bevölkerung die notwendig Voraussetzung zur Realisierung des Gewollten mitbringt.

Demokratie ergänzt partielle Sachkenntnis 

 Die Frage, die uns Corona stellt hängt mit der Weiterentwicklung von Demokratie zusammen. Demokratie ermöglicht uns, die partiellen Sichtweisen der verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche zusammenzubringen, ohne jeweils die unterschiedlichen Standpunkte aufgeben zu müssen. 

Künstler, Dichter, Denker

haben über Jahrzehnte geübt, Fragen offen zu halten und sind dazu in einem hohen Maß befähigt.

Von Künstlern wie Christoph Schlingensief, Jonathan Meese, von Joseph Beuys, von Bazon Brock…

von DichterInnen wie Peter Handke, Christine Lavant und  Robert Musil … 

könnten Wissenschaftler, Medienmacher, Medienvertreter, Politfunktionäre und deren Tross an Beratern profitieren!

Lasst das Zungenreden wieder zu!

GL

(1) Die Idee der „sozialen Plastik“ von Joseph Beuys basiert auf der Idee des Wärmehaushaltes der Erde. Alle seine Skulpturen aus Fett, Talg und Gelatine weisen auf die plastische Kraft von Wärme hin!

(2) Kritik am Kapitalismus, Systemtheorie, Wirtschaftsliberalismus, Kollonialismuskkritik, Genderthematik…

(3) Die Gefährdung der Demokratie durch Grundrechtseinschränkungen, wie sie von Juristen zur Zeit beobachtet werden, ist hiermit nicht fokussiert, hier wird  ein Aspekt der Verschränkung von Gesetzgebung, Expertise und Durchsetzung der Gesetze angesprochen. 

(4)Friedrich Hölderlin Zitat aus dem Gedicht

„Patmos“: „Nah ist / und schwer zu fassen der Gott. / Wo aber Gefahr ist, wächst / das Rettende auch.“

(5)Die Gegner der offiziell verlautbarten Auffassungen wie Wodarg, Bhakti & Co. gehören auch in das Bild mit hinein. Die Dialektik lehrt uns, wie Position und Negation sich wechselseitig bedingen.

(6) Sie können an jeder Talkshow, an jedem medial vermittelten Gespräch mit Fachleuten beobachten, wie die ModeratorInnen sich mit ihrer Fragetechnik behindern und damit nur  gewünschte Antworten erhalten.