SINN oder / und BEDEUTUNG?

(1) Der Artikel kann nicht einfach ins Englische übertragen werden! Es bedürfte dafür eines eigenen Textes, der den Unterschied von dt. SINN und engl. SENSE detailliert herausarbeitet.

zum Thema der Luhmann-Konferenz 2026 in Dubrovnik

Als Einstimmung auf das Konferenzthema „Sinn, Bedeutung mit…“ möchte ich die Unterschiede, wie das Zusammenwirken von Sinn und Bedeutung (zwei Paradoxa) phänomenologisch betrachten. Mir ist bewusst, dass diese phänomenologische Betrachtungen, dem, wie in der Soziologie beide Begriffe eingesetzt wurden ( Z.B. bei Gerd Sebald „Generalisierung und Sinn“ 2018)und werden nicht unbedingt dienlich ist.

Das retardierende, im Kreis sich drehende Traktathafte des Textes, ist stilistisch dem Paradox geschuldet, dem diese Thematik durchgehend ausgesetzt ist.

Zwischendurch der Versuch, den Unterschied systemtheoretisch zumindest anzureißen.

BEDEUTUNG    –    SINN

Siehe Google: „Der Hauptunterschied – zwischen dem  DEUTSCHEN „Sinn“  und dem englischen „sense“ liegt darin, dass der deutsche Begriff Sinn ein wesentlich breiteres Bedeutungsspektrum abdeckt als das englische sense. Während sense primär auf physiologische Wahrnehmung und Empfindung begrenzt ist, umfasst Sinn zusätzlich die Bereiche Bedeutung, Zweckhaftigkeit, Logik und tiefere Relevanz.“

Bedeutung“, wie in der deutschen Bezeichnung mitklingt verweist auf Deuten, auf eine Zeigebewegung, die auf etwas hinweist und die Welt so in verschiedene „Entwaigkeiten“ (Ambiguitäten)  teilt. 

In Bedeutung schwingt auch Auslegung mit. Bedeutung ist ein Zeigezeichen, das so oder so gelesen werden kann. Damit unterscheidet, trennt es ab, nimmt etwas aus einem Übrigen heraus und macht das Herausgenommen zu einem Etwas, formt somit das Zurückbleibende zu Möglichem. Das seinerseits erst durch das Hindeuten auf etwas, als nicht Abgegrenztes, Bedeutetes, Deutbares, Mögliches ( was noch nicht Objektsein bedeuten muss) angesehen wird.

Bedeutung umschließt in Kommunikation die beiden Seiten, der doppelten Kontingenz. Bedeutung geht nicht in semantiken und lexikalischen bzw. digitalen Auflistungen, Aneinanderreihungen ( auch KI Texte sind nichts anderes als Aneinanderreihungen) auf.

Das Wort Bedeutung wird gerne als paradoxes Konstrukt  wertend verwendet, wodurch es als Besonderes gekennzeichnet ist, sich dabei selbst überhöht und damit vorgibt, sein Eigentliches zu sein. 

Im Sinn ist Sinnlichkeit mitenthalten, über die Wortbedeutung wird auf die Sinne und damit auf die Wahrnehmung und auf Erfahrung Bezug genommen. 

Wache ich auf und öffne die Augen, sehe ich ein Bild in Farben, Helligkeiten, Formen. Ich habe dessen Teile noch nicht benannt, um es sehen und erkennen zu können . Ich sehe das Bild wie einen (eher analoger) Fotoapparat, bin mir bewußt was ich sehe, ohne dessen Bedeutungen im einzelnen aufgerufen zu haben. Es kann sogar sein, dass ich aufwache, die Augen öffne und alles sehe, aber nicht weiß, wo ich bin, erst langsam begreife, wo ich mich befinde. Das klar umrissene Bild geleitet mich im Aufwachvorgang und ordnet sich so in ortbare Bedeutungshorizonte ein. 

Was hier bezüglich des Aufwachens beschrieben wird, wäre auf die gesamte sinnliche Wahrnehmung zu übertragen, die nicht voll mit Bedeutung abzudecken ist.

Diese beiläufig erfahrene Holistik der Sinnlichkeit überträgt sich auch auf den Sinnbegriff, behaupte ich! 

Das Phänomen der Synästhesie gehört hierher. Wir haben die Fähigkeit, Tasten, Hören, Riechen, Empfinden, Sehen, Raum- Zeitorientierung, Gleichgewicht usw. voneinander zu trennen, sowie sie aber auch als Einheiten zu erleben. 

Sinn stellt Sinn-Zusammenhänge her, grenzt sich ab, gegen andere Sinneinheiten. Es ist ihm aber nicht möglich sich vom Nichtsinn abzugrenzen, da alle Negation von Sinn sofort zum Sinn wird. 

Der Sinn des Unsinns, kaum ist er ausgeschlossen, ist er schon wieder zurück und im Einflussbereich des Sinns, dem sich, wie dem Teufel nichts, niemand, weder Zeit noch Raum, keine Bedeutung entziehen kann, – 

Außerhalb von Sinn gibt es nicht einmal Nichts

Sinn wird oft besonders hervorgehoben, auf- und  abgewertet, als sinnvoll, als sinnlos, wodurch seine Stille, seine Untergründigkeit, seine Binde- und alles durchdringenden Überzeugungskraft, als So-Seiendes geräuschvoll übertönt wird.

Innerhalb von Sinn gibt es auch Widerstrebendes, Abgegrenztes, mit unterschiedlichen Qualitäten ( Bedeutungen) Belegtes. Es gibt aber –  ähnlich, wie auf der gegenwärtigen Weltkarte – kein Niemandsland für den Sinn. 

Innerhalb von Bedeutung gibt es mehr oder weniger bedeutende, abgestufte, gegliederte Bedeutungen. Es gibt sogar Nicht-Bedeutung innerhalb der Bedeutungen. Niemandsland, Wüste, das All, Anderes, Zurückgestelltes, sich der Aufmerksamkeit Entziehendes, Entzogenes, sich Nicht-Ereignendes. Neutrales gibt es ebenso, wie etwas, das auf Bedeutung wartet und Phänomene, die wie ausgelassene Stellen innerhalb der Bedeutungen wirken.

Nicht-Bedeutung muss nicht gedeutet werden, ist so, kann Wahrnehmung, Erfahrung, das Andere, Energie, Kraft, Kontext, Leerstelle, Vergleichbares, usw. sein, das über paradoxe Vorgänge des Vergleichens Bedeutung erlangt. 

Das Potentielle, das Mögliche, Aktualität, Komplexität und deren Reduktion haben Bedeutung. Wo nichts bedeutet, gedeutet werden kann, ist immer noch Sinn.

Situation, Zeitlichkeit, Selektivität, Sequenzierung, Generalisierung, Symbolisierung, Handlung, Erleben, Erfahrung, Wahrnehmung, Wirklichkeit, Realität .. sind Felder, die von Bedeutungen durchpflügt werden. Ihnen wird durch Bedeutung Sinn gegeben. Der nicht erfassbare Rest,  das Gegenteil wird über Sinn gebunden.

Bedeutung haftet an- und ist, für -sich eine Gier, ein Verlangen, ein Streben nach Bedeutung. Dieses Zehren ist eine deutlich bemerkbare Eigenschaft der Bedeutung, im Gegensatz zur schweigenden, unsichtbaren wie überlauten Bindekraft von Sinn.

Luhmann versuchte das Ganze der Bedeutung durch unterschiedliche Beobachtungsstandpunkte zu unterscheiden, über die Frage nach dem Was, Wann, Wie. St. Roth möchte diese drei Standpunkte auf Wer, Wie, Warum usw. ausgedehnt sehen. Er greift damit die Denktradition von Immanuel Kant auf.

Diese Ortungsstandpunkte sind eines der Charakteristika von Bedeutung, die Raum/ Zeit Kategorien und soziale Unterscheidungen ausbilden.  

Sinn lässt sich nicht nur nach faktisch, zeitlich oder sozial, nach dem von wem, wie es zustandekommen ist oder wie er sich begründet ausdifferenzieren. 

Es bedarf des Sinns, damit Sinn entsteht ( ein Paradox !). Sinnkrisen sind Teile des Sinns. Sinnverlust ist Teil von Sinn. 

Prozesshaftigkeit, Veränderbarkeit, sein Wechsel ( zB. in Zeitepochen) wird gerne als Charakteristikum von Sinn angesehen, kümmert dessen Sein aber nicht im geringsten, dessen Logik ist über Metamorphosen, Verwandlungen nicht erfassbar.

Ortungsgsmerkmale sind nicht sein Konstituierendes.

Sinn bringt Tatsachen, Objekte, Zeit, Raum, Prozess, Soziales mittels Bedeutungen hervor. Die Charakteristika von Sinn sind seine  bindende Natur, die sich gelegentlich in radikalster Trennung zeigt.

Bedeutung braucht Kategorien, um sich zu gliedern, um sich zu teilen.  

Die Bindekräfte des Sinns überspannen, untergraben, stellen her, kraft ihrer unmitteltbaren Art zu überzeugen.

Schönheit, Stimmigkeit, Gewissheit, Wahrheit, Glaube, Gemeinschaft, Notwendigkeit, Anschaulichkeit, beispielhaft sein, Symbol-,  Stellvertreter -, Sieger – , Opfer sein, Funktion haben -… sind Bedeutungen des Sinns welche überzeugen.  

Dem Sinn kommen wir nie aus, auch Bedeutungen werden durch ihn gegeben.

Sinn kommt nicht nur aktiv zustande, sondern weit öfter stellt er sich passiv ein und nicht einmal passiv, sondern unbemerkt, unwesentlich, unscheinbar… indem man irgendwo, irgendwann nur dabei ist, dabei war.

Solange in der Soziologie danach gefragt wurde, wie Handlungen ihren Sinn im Sozialen zugewiesen bekommen  (M. Weber, Alfred Schütz), stellt sich die Sinnfrage als Wertfrage. Sobald das Verstehen, wie das Nicht-Verstehen, die doppelte Kontingenz, die Optionalitäten in die Sinnfrage eingeschlossen wurden, bekommt der Sinn andere Dimensionen.

Sobald Verstehen, Missverstehen und Nicht-Verstehen Teil der Sinnfrage wurden, sobald nicht erfüllte, offene Optionen und Erwartungen, nicht ausgeführte Handlungen in die Sinnfrage integriert werden, öffnet sich die gewaltige Differenz von Bedeutung und Sinn.

Sinn ist in einer so unfassbaren Weise kontrafaktisch, dass man sich die Haare ausreißen könnte.

Pauschal gesprochen, grenzt sich Bedeutung von dem ab, was noch nicht gedeutet ist. Bedeutung trennt explizit Bedeutungen ab, die nicht mehr gelten, zeigt, wo Bedeutungen noch nicht oder nicht mehr zuständig sind, wo sie unpassend sind, Bedeutungen verdecken mögliche Bedeutungen. Bedeutung ist, wo für Zeit, Raum, für Soziales ……Notwendigkeit besteht. 

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Bedeutung versucht transparent zu sein, ist vielschichtig, mehrdeutig, verzweigt sich arbiträr, ist gestuft.

Sinn hingegen ist – ebenso pauschal gesprochen – mittels Bedeutung nicht immer abgrenzbar, ist großflächig, bildet Rizome, wuchert, durchdringt, ist klebrig, überwindet Grenzen, untergräbt, überbaut, überhöht, bindet ein, verbindet, zersetzt, trennt, schneidet ab, schließt radikal aus, schleicht sich ein, überzeugt, umfasst, legt Widerspruch ein, weist zurück, wird zurückgewiesen, abgewiesen, wird geliebt wie bekämpft.

Wie wir hier lesen können, bedarf der Sinn der Bedeutung, um sich selbst charakterisieren zu können.

Sinn ist auf seine Bedeutungsgrenzen hin nicht immer festlegbar, im Gegensatz zu der eher faktischen und einfacher handhabbaren Bedeutung

Dem Sinn entgeht nichts, nicht einmal das Sinnlose, das Ausgeschlossene, das Verlorene, das Wertlose.

Sinn stellt sich einfach ein, spektakulär, schmerzhaft oder schleicht sich unbemerkt ein, seine Bedeutung wird übersehen, bleibt unbemerkt, drängt sich nicht vor, oder übertön seine durchdringende Kraft. 

Sinn ist die Differenz von Sinn und Bedeutung: ein Paradox!

Bedeutung teilt die Welt, muss sie teilen, da in mehreren getrennten Welten der Sinn zu sich kommt.

Sinn fasst Welten in sich, wie Nikolaus Cusanus, auf seiner Reise nach Konstantinopel erkannte: Im Kleinsten ist die ganze Welt enthalten, dachte er. Immer wieder dachte er das und war wie besessen von diesem Gedanken.

Sinn wird nicht auf Parteitagen oder philosophischen, soziologischen Kongressen hergestellt. In jeder Kommunikation ist im Kleinsten die Sinnfrage als Ganzes enthalten, so würde ich Niklas Luhmann frei interpretieren. 

Im Modell der doppelten Kontingenz hält Kommunikation, im Persönlichen wie in den großen Fragen der Welt, die Optionen von Alter und Ego offen, auf die sich jede Kommunikation gegenwärtig einzustellen hat, um Sinn auszubilden.  

Bedeutung ist kleinteiliger, eindimensionaler, wie ein Puzzle, zeigt seine Funktionalität in seiner Semantik, Grammatiken, in Definitionen, ist horizontal organisiert, vertikal gestuft, das Ganze stellt sich ihm durch seine Teile dar,

während Sinn grossteilig, intentional sich gibt, implizit ist, sich ausbreitet, abschließt, sich verhärten kann und Vertikal -Spannung ( Sloterdijk) erzeugt, überspannt. 

Das Ganze ist in jedem seiner Teile impliziert. 

Sinn ist in seinen Abgrenzungen streitbar, wirkt extrem emotional. 

Im krassen Gegensatz zu seiner stark affekthaften Wirkung kann es als Vorgang unbemerkt bleiben. Skandal, Hysterie, Emotion, Gefühl und Affekte sind das, mit denen der Sinn sein Schweigen übertönt.

Sinn geht weit über die semantische Vernetzung von Bedeutung hinaus. 

Bedeutung wird genommen wie sie ist, sie kann ja umgeändert, umgedeutet, neu gefunden werden. Ihre Vielschichtigkeit und Verzweigtsein gefährdet sie nicht, es ist ihr Vermögen.

Bedeutungen werden zu Begründungen herangezogen, sie legen Grund, folgen der Zeit-Raum-Ordnung. Sinn hingegen kümmert sich selten darum, er äußert sich weit öfter im Unsinn, in Absurditäten, in Unlogik, in etwas, das dem Leben Vorrang gibt (Viktor Frankl). Sinn bringt Zeit in Form von Epochen hervor.

Sinn braucht keinerlei Begründungen, fällt zu, fällt an, ereignet sich und wenn er fehlt, wirkt Sinn trotzdem. 

Sinn wird gesetzt, intuitiv erfasst, schafft Geschichte, erzwingt Unterschiede, die erst gedeutet werden müssen, oder von Bedeutungen gezeugt werden. Einmal in seiner Bedeutung erkannt, wird Sinn zur selbstverständlichen Bedeutung, nicht leicht zu vergessen, kann aber beiseite geschoben, übersehen, überwachsen, uneinnehmbar, geheimnisvoll, unheimlich werden. 

Sinn fordert Opfer, ist existenziell, wird eingefordert, ist unerbittlich und unsichtbar. Sinn unterliegt Konventionen, Gewohnheiten, Usancen, wird erinnert, wiederholt, heruntergebetet um Bestand zu haben. Sinn ist die Anschlussfähigkeit in Kommunikation, ist Beständigkeit und Kontinuität. „Es ist und war immer so“, ist seine Überzeugungskraft. Kaum verloren stellt er sich wieder ein und wenn auch nur als Absurdität, als Haare raufendes Etwas, als Furie, als Verlust!

Bedeutung arbeitet mit Begründungen, mit Definitionen, Sinn mit Überzeugung, Gegnerschaft, Ausgrenzung, Widerspruch, Dialektik, mit Schmerz.

Dialektik weist auf die Begrenztheit von Bedeutungen hin. 

Die Überzeugungskraft von Sinn zeigt sich an seiner Bedeutung, als:

Evidenz, Glaubwürdigkeit, Gültigkeit, Zuständigkeit, Dauer, Gewissheit, Beständigkeit, Zusammenhang, Ursache / Wirkung, Bindung, Erfolg, Vereinbarkeit, 

sowie in deren Gegenteile, die mit Un-  und Ent-  sowie mit der Nachsilbe -los versehen sind (Un-gültig, Ent-Bindung, Erfolg-los ….) 

Wahrheit, Schein, Illusion, Lug wie Trug, Recht— wie Unrecht, Gesetz und dessen Bruch, Real-Wirtschaft, Geldwirtschaft, Performance, Realität, Phantasie, Unwirklichkeit und Chaos sind gleichermaßen sinnstiftend.  

Die Option zu allem Nein sagen zu können, ist sinnvoll, wird aber auch selbst gerne zurückgewiesen. 

Ausschluss- und Anschlussfähigkeit, Zu- wie Rück-weisung …. sind einige der Gegensätzlichkeiten, in denen sich Sinn manifestieren.

Problematiken, Katastrophen, Unglücke sind geradezu Produzenten von Sinn. Der Sinn erfreut sich an unserem Unglück so, dass man meinen könnte, er hätte große Lust an unserem Unglück. Dabei kann er sich auch einfach abwenden und ein einschmeichelndes Lied auf die Langeweile, Melancholie, Ennui, Tristesse, einen Fado singen .

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Ohne Vergessen keinSinn! ( F. Nietzsche)

Sinn ist jener Stoff, der allem Bedeutung zuweist sowie er Bedeutung entzieht.

Die sinnstiftende Dimension des Schlafes: Am Tag bestimmen uns Bedeutungen, die Nacht lösen wir diese wieder auf. Die Bedeutungen des Tages wären, ohne die symbolisierende Funktion des Traumes sowie die des Witzes und Humors unerträglich!

In jedem Gespräch, in jeder Geste, mit jeder sichtbaren Bewegung  – bedeutend oder unbedeutend vorgetragen – wird das Vertrauen in den Sinn – seine Art Gewissheiten zu erzeugen – aktualisiert. 

Sinn findet im Jetzt statt Kairos ist einer seiner Namen.

Die Bibel erzählt davon in der Pfingst-Geschichte der Emmaus-Jünger.

Sinn ist umfassend a-moralisch. Auch wenn Humanismus ein Sinnbereich ist, nach dem sich Menschen richten, ist der Sinn in keiner Weise humanistisch. Sechs Millionen Tote oder die Vernichtung der Erde gehören zum Repertoire von Sinn, auch wenn uns das noch so unsinnig erscheint und verzweifeln lässt. 

Die Bedeutung gibt sich mit solch fatalistischen Feststellungen nicht zufrieden und versuchte Ereignissen wie Kriege und Menschheits-Katastrophen doch noch Sinn abzugewinnen.

Sinn, ist des Teufels Advokat, der hinterhältig fragte, wieso Gott das Böse in die Welt setzte.

Ja, Sinn ist das, was vor Nietzsches Verkündigung Gott bzw. die Sonne war.

Bedeutung zeichnet sich jedoch durch seine Unterscheidungen, seine Gliederungen, seine Vernetzungen, Ortungen, Vergleichbarkeiten, Angleichungen, aus. 

In theologischen Konstrukten sind für die Bedeutung Engel und Genien zuständig, die – ähnlich den Zwergen – für abgegrenzte Aufgaben geschaffen wurden, während Gott das Ganze, den Sinn im Auge hatte.

Sinn braucht keine Grammatik, Semantik. Er ist ungeordnet, chaotisch, ist in seiner Konsequenz Anarchismus!

Sinn will besitzen, Welt belegen, nimmt sich, kolonialisiert, wertet. Sinn tut etwas, das sich nicht so einfach ändern lässt, das nicht einfach umgedeutet werden kann, auf das man immer zurückkommt. Ist ein neuer Sinn verbreitet, wird der alte überschrieben, in seiner Bedeutung abgedrängt, geschwächt, verunsichert. Dessen Werte und Orientierungen sind später oft schwer ortbar, nicht mehr erkennbar, wie die vom Kolonialismus überzogenen Kulturen später schwer nachzuvollziehen sind. Wie das Christentum, das über seinen Erfolg sich überflüssig machte. In verlorenen und unerfüllbaren Werten und Idealen blitzt gelegentlich die Qualität von Sinn auf.

Sinn will „scheinbar“ gelebt werden, auch wenn der sich nie ganz ausleben kann.  Seine Gültigkeit und Überzeugung hat etwas mit Lebensvollzug zu tun. Sinn ist wie Leben, das sich in das Unbelebte einschleicht und dann nicht mehr aufhört zu sein, bis es so etwas wie die Menschen hervorbrachte, die „dem Fluch“ des Sinns wie der Unerbittlichkeit des Lebens ausgesetzt sind.

Der Rausch wie die schwindende Lebenslust sind Gesichter des Sinns.

Die Herkunft des Sinns ist ein jener Abgrund, den dieser bedeutend zu überbrücken sucht.

Keiner fragt dich, ob Du auf die Welt kommen wolltest, keine fragt, ob du sterben willst oder weiterleben möchtest, ob dir Glück oder Unglück widerfährt.

Der Sinn befördert das Überbordende, himmelhoch Jauchzende, wie die tiefste Depression. 

Sinn ist schneller als jeder Augenblick, sein Nachher scheint vor dem Vorher angekommen zu sein, das macht ihn zum, Aus-der-Zeit-Gefallenen, zum schier Unbeschreiblichen.

Sinn kann man sich wie ein Doppelkopf-Wesen vorstellen. 

Die eine Seite ist neutral, zeigt keinerlei Regung, sie verhält sich wie eine weiße NO-Maske, ist NICHTS. Die andere Seite ist mit allen nur möglichen Bösartigkeiten und Fratzen durchsetzt, ähnlich den buddhistischen Dämonen, die bei Umzügen den Gläubigen vorgeführt werden.

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Sinn schafft Geschichte, er überschichtet, vereist Sichten, verschleiert, setzt sie dem Vergessen aus, entreißt sie dem Vergessen. Sinn erzeugt – wie auch immer – Atavismen, deren Ursprung wiederum schwer zu orten sind.

Die Faszination Sinn mittels Kunst, Literatur, Film, Oper  lebendig, anschaulich, dramatisch sich ereignen zu lassen,

könnte damit zusammenhängen, dass vergangener Sinn schnell verblasst, sich schwer beleben lässt, wie ein Untoter weiterlebt. 

Scheinbar fällt ein großer Überschuss an Sinn an, der verarbeitet, eingeordnet, erzählt werden will, damit Autoren wie William Shakespeare, Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Aleksandr Isaevič Solženicyn sich daran abarbeiten können? 

Sinn kommt nicht ohne Bedeutung, ohne Phantasie aus, die ihn konkretisiert, ihn den Realitäten und Phantasmen der irdischen Welt anpasst. 

Die Frage nach Realität, Wirklichkeit, nach dem Sein, nach Gott, nach Bedeutung sind vorwiegend seine Bereiche, denen die Bedeutungen zu Hilfe eilen.

Bedeutung braucht den Sinn, aus ihm leiten sich ihre Bedeutungen ab. Die notwendige Selbsterklärung von Bedeutung ist deren Sinn. Sinn schafft der Bedeutung Bedeutung auch außerhalb deren Selbstbegründung und Definition. 

Sinn gibt der Bedeutung vielschichtige, verzweigte sich überlappende Bedeutungen, schafft das Paradoxon, die Mehr- und Vieldeutigkeiten.

Märchen, Mythen, Dichtungen, Geschichten, Erzählungen, Lieder, musikalische Kompositionen, Opern, Theater, Tanzaufführungen, Filme, Medien, Foren im Netz sind ebenso sinnstiftend wie: 

Gespräche, Gemeinschaftsinitiativen, Feind- und Freundschaften, Partnerschaften, Streite, Feste, Vereine, Kooperativen, Gemeinden, Verwaltung, Institutionen, Zivilgesellschaft, Parteien, Kirchen, wie Proteste, politische Initiativen und Kriege.

Bedeutungen sind definiert, in Verordnungen, Gesetzestexten, wissenschaftlichen Abhandlungen, Begründungen, Erklärungen, Beschreibungen usw. abgefasst. 

Sinn hingegen stellt sich über die Pointe eines Witzes, über eine Erzählungen, durch ein Lied, bei Theateraufführungen, Ereignissen, Festen, über Gemeinschaft, über Symbolik, Architektur, Design, Mode, über den Personenkult, über Geld und Macht, über Geschichtsvermittlung, über Zukunftsaussichten, über Horizonte her.  

Rationalität, Logik sind Eigenschaften die der Bedeutung zuerkannt werden, sie haben seit der Aufklärung Konjunktur. Sinn beherrschtedie Zeiten davor, besonders das Mittelalter, die Renaissance, den Barock. Ohne Sinn keine Hexenverbrennung! 

Ohne Sinn wäre die Zeit an ihrem Ende angekommen!

DerSinn gibt der Bedeutung Bedeutung ( paradox)! 

Sinn ist unlogisch, a-logisch, von höheren Mächten besetzt, klassenspezifisch, überregional, global, völlig widersprüchlich, Sinn gibt sich inhuman, legt Hierarchien fest, stellt sie auf den Kopf, stürzt willkürlich Herrscher vom Thron, zerreißt alle Bindungen, heizt Liebe an!

An Institutionen, Organisationen, Verwaltungen, Ministerien, Schulen, Hochschulen, der Wissenschaft usw. kann die Differenz von Bedeutung und Sinn abgelesen werden. Zwischen deren Selbstbeschreibungen, Begründungen und ihrer sozialen Aufgabe klafft eine Kluft, die der Sinn reißt und überbrückt.

Sinnkonstrukte  (oft in ritualisierter Form), die sich in Sinnbereichen manifestieren, sind meist schwer zu knacken, aufzulösen, sie überleben ( wie Sinnsprüche, die irgendwie immer stimmen), wenn sie längst tot zu sein scheinen und ihre Funktionen nur mehr rudimentär erfüllen. Hingegen wird die Selbstbeschreibung von Bedeutungen einfach umgedeutet.

Sinnkonstrukte sind nicht mit Werten gleichzusetzen.

Sinn ist Sein und weist der Bedeutung das Seiende zu und nimmt es ihr wieder, würde Martin Heidegger sagen.


Historisch zeigte sich der Unterschied von Sinn und Bedeutung z.B. nach dem 2. Vatikanischen Konzil, als die Katholische Kirche nachvollzog, was die Reformation schon vollzogen hatte. Die Messe wurde nicht mehr auf Latein gelesen, sondern in der jeweiligen Landessprache.

Man war der Auffassung, wenn die Bedeutung der Texte und der Rituale den Gläubigen bekannt sind, könnten sie den Sinn besser verstehen. 

Diese Logik erwies sich als begrenzt. Die sinnbildende Kraft von Religionen – im besonderen der christlichen Religionen – ist im Schwinden, während die der Muslime an Faszination zunimmt….!?

Im Alltag ist Sinn der Klebestoff, der das Unvorhersehbare mit dem Vorhersehbaren verbindet und ein Weiterleben möglich macht, Kommunikation aufrechterhält. 


So ist sein Nähe zum Leben erklärbar. Leben, das oft der letzte Sinn sein kann, der ein Weiterleben möglich macht. (Viktor Frankl)

Die Menge an Gequassel, Gerede, an Dateien, Informationen, Neuigkeiten, um Sinn mit Unsinn voll zu stopfend ist – wie Popcorn – unbegrenzt.

Sinn ist mit Licht wie mit Dunkelheit vergleichbar. Ohne Licht keine Formen, das heißt keine Bedeutung. Ohne Dunkelheit kein Licht, das in diese eindringen kann, wie die Bedeutungen in den Sinn, wie die Form als Bedeutung aus der Dunkelheit aufscheint.

Eine Schüttung

Ich, Weltbild, Weltanschauung, Glaube, Religion,

Politik, Demokratie, Ideologie, Parteiung, 

Moral, Ethik, Werte, Geld, Recht, 

Bildung, Erziehung, das Aufstiegsversprechen der Moderne , Geschichtsschreibung, 

Körper, Gesundheit  Lebensalter, Ehe, Familie, Partnerschaften, 

Gesellschaften, Institutionen, Organisationen, Verwaltungen

Gemeinden, Städte, Regionen, Nationen, Staaten, globale Organisationen, 

Wissenschaften, Klassen, Rollen, 

soziale Funktionsbereiche wie der öffentliche und internationale Verkehr,

Techniken, die Industrie, die Real-Wirtschaft 

Medien ( traditionelle wie Zeitungen und TV, sowie die Neueren mit ihren Foren und Plattformen), das gesamte moderne Informationswesen, 

Design, Mode, Literatur, Bildende Kunst, Tanz, Musik, Oper, Theater, filmische wie erzählte Narrative, 

die Sprachen, Werbung,

Benehmen, Verhaltensformen, Erwartungseinheiten, Psychotechniken……….. 

All diese und noch mehr bilden Sinneinheiten – deren Bedeutung weitgehend in ihren Funktionen liegen, 

die nicht in ihren Beschreibungen, die nicht in ihren Begründungen (in deren Bedeutung) aufgehen. Deren Bedeutung niemand verstehen oder kennen muss, um daran teilnehmen zu können, um sie anzuwenden, um durch sie bestimmt zu werden.

Beispiele:

Ich muss ein Theaterstück, ein Musikstück, nicht in seiner vollen Bedeutung verstehen, um von ihm ergriffen zu sein.

Ich muss den Sinn eines Festes einer Vereinigung, einer Partei nicht ganz verstehen, um mitzumachen.

Ich bekomme Kindergeld – egal ob ich arm oder reich bin – vorausgesetzt ich habe ein Kind

Die Funktionen eines Autos, Flugzeuges, Satelliten, einer sozialen Plattform, der Sozialbeihilfe, des öffentlichen Verkehrs muss ich nur irgendwie kennen, damit ich diese nutzen kann.

Ein Sozialamt muss funktionieren, es muss aber keine karitative Zwecke erfüllen. 

Das Geldwesen in seinen Strukturen und Bedeutungen muss man nicht verstehen, um Geld ausgeben und einnehmen zu können.

Man braucht Rechte und Gesetz nicht zu kennen, um von ihnen abgeurteilt zu werden. 

In der Leitung einer Firma, einer Institution, eines Ministeriums muss ich keinen Fehler begangen haben um dafür zur Verantwortung gezogen zu werden.

Demokratie ist nicht nur eine Organisationsform von Republiken, sondern auch ein Ideologie mit der vermeintlich undemokratische Staaten abgeurteilt werden können.

Die Zusammensetzung von Medikamenten muss man nicht verstehen, damit sie ihre Wirkung zeigen. 

Hören wir Nachrichten, nehmen wir das Gesagte als Tatsache, wir übersehen was aussortiert und nicht gesendet wurde, erkennen auch nicht, dass aktuellen Ereignisse alle Vorhergehenden abdrängen, unsichtbar machen.


Für all das oben aufgezählte gibt es Begründungen, die deren Transparenz behaupten. Letztlich aber geben nur deren Funktionen diesen Einheiten Sinn. 

Ihre Funktionen sind das, wodurch sie sich von anderen und ihrer Umwelt abgrenzen. 

Sinn geht im schaffen von Sinneinheiten und – noch allgemeiner – im Sozialen als Ganzem nicht auf. 

Das soziale Ganze selbst ist keine Sinneinheit, es hat kein Außen nur ein Anders sein, wie Natur, wie die Menschen, die als Ganzes nicht mit dem Sozialen zu verwechseln sind.

Sinneinheiten sind – wie Systeme – nur eine Form wie Sinn sich darstellt. Sinn ist ähnlich dem Lebendigen etwas, das überall eindringt alles verbindet, alles aufnimmt und anhebt, wie die Wurzeln eines Baumes, die die Fundamente eines Hauses anheben. Sinn belebt alles, das nicht Gedeutete wie das Gedeutete. Auch Tod und Verderben können ihm nichts anhaben, im Gegenteil sie befördern ihn!

Sinn und Bedeutung scheinen in ihrer Ausdehnung nahezu identisch zu sein, da das eine immer am anderen zu hängen scheint. Bei einer distanzierten Überschau scheint der Unterschied aber gewaltig zu werden: All das, was Bedeutungen nicht abzudecken vermag, bleibt dem Sinn. 

Alle offenen Optionen, alles nicht Wahrgenommene, Vergessene, Übersehene, die nicht realisierten Möglichkeiten deckt der Sinn ab. 

Das Elysium, in das uns Persephone hinübergeleitet ist ein Ort des Sinns, der Hades wäre als ein anderer zu benennen.

Das Vielschichtige, Mehrdeutige, Unlogische, die Emotionen und Affekte bedient der Sinn, wie deren Bedeutungen. Die Hierarchisierung der Bedeutung ist  flach gestuft, gegliedert, während der Sinn alle Stufen überspringt himmelstürmend -, wie in den Abgrund sich stürzend verhält, oder einfach gleitet!

Bedeutung macht sich sichtbar, hörbar, während Sinn schweigen kann, nahezu unsichtbar ist, sich um, über alles  legt, umschließt, eindringt, durchsetzt, abstößt, völlig launisch sich gibt. 

Scham, ein deutliches Echo des Sozialen in den Körpern, die im kindlichen und jugendlichen Körper sich besonders deutlich zeigt, ist die Macht des Sinns, der, ohne seine Bedeutungen zu benennen, die Körper in Beschlag nimmt, sie durchdringt und erst durch seine körperliche Reaktion auf mögliche Bedeutungen hinweist (In Scham wird die Doppeldeutigkeit von Sinn und Sinnlichkeit körperlich).

Im Altertum wurden dafür Figuren wie Teiresias, der Blinde Seher,  es wurde die Pythia im Orakel von Delphi befragt….

Funktion

Soziale Funktionen sind weitgehend das, was in der Moderne Sinn macht. Während die Moral, Ethik, Religion vorerst in den Hintergrund zu treten scheinen.

Soziale Funktionen zeigen heute deren Sinn nicht explizit, sondern darüber, dass etwas nicht funktioniert:

Die Nachrichten in den Medien berichtet darüber, wo Funktionen ihre Aufgaben nicht mehr fassen, regen an. daran etwas zu ändern.  

Dass dabei viele Nachrichten ausgelassen, einige präferiert, andere unbeachtet bleiben, widerspricht nicht der Tendenz soziale Gegebenheiten vorwiegend funktional zu formulieren und nur dann diese personenbezogen anzusprechen, wenn es um Verantwortung geht.

Der Versuch, über Identitäten dem Ich seine zentrale Rolle in der Moderne zu erhalten, ist nicht gescheitert aber als das einzig leitende Prinzip nicht mehr brauchbar. 

Außer bei Verantwortung, hier funktioniert die Identifikation von Person und Funktion noch in Übereinstimmung.  

Gruppenzugehörigkeit, Familienzugehörigkeit, Heimatliebe, Nationalstolz, Klassenzugehörigkeit, Sprachgemeinschaft, Kulturgemeinschaft, Parteien, Ideologien,  Aufstiegschancen, akademische Grade, Adel, Eliten, Trophäen, Idole, Stars, Vorbilder, Leistungsträger sind wohl immer noch treibende Kräfte, aber eben im Plural und damit austauschbar, funktional ersetzbar, wandelbar. „Einmal so, ein andermal anders.“

Die Bindung an Parteien hat rapide abgenommen, die Klassenzugehörigkeiten sind verwaschen. Ehen, Partnerschaften sind temporär. Durch den Wandel, durch die Ersetzbarkeit von Identitäten fühlt der Einzelne, das Individuum, sich befreit und gleichzeitig isoliert. Das hat zur Folge, dass der Einzelne sich für Vieles zuständig fühlt, was bis dahin auf Kollektive, Gruppen, Zugehörigkeiten bezogen werden konnte. Trotz der vielen zugänglichen Möglichkeiten für Identifikationen, für Identitäten – ob in Form von Wünschen, Phantasien oder ganz real bleibt einerlei – findet  eine Vereinzelung statt, wie sie bisher nicht denkbar war.( Eva Illouz) 

Die situative -, wie die selektive Beschleunigung  ( Akzeleration) von Bedeutungen (von Generalisierungen) wird inzwischen durch das Internet und KI verstärkt, das trägt zum permanenten Wechsel von Identitäten und Identifikationen bei, so dass der Einzelne sich vorkommt wie in einem Karussell, das sich immer schneller dreht. 

Die positiven Möglichkeiten durch die Wandlungsfähigkeit des modernen Ich: 

einmal Abenteurer, Weltenbummler, Pizzaverkäufer, Student der am Diplom arbeitet, Deutscher, der in Spanien lebt, Kenianer, der in Wien lebt, Liebespartner und Lebenspartner mehrerer Personen gleichzeitig, Vater und unentwickelter Jugendlicher in einem, E-Mountainbikes sowie Downhill-Fahrer, Taucher und Paragleiter im Sommer, Schie- und Snowbordfahrer im Winter, sozialversicherter Steuerzahler, Autofahrer, gelegentlicher Patient der chirurgischen Ambulanz, Studentenvertreter und Influenzer mit gefühlt Tausenden an Follower, gelegentlich Sänger und Slampoet, wenns beliebt, beiderlei Geschlechts…..

Das ist das Ergebnis der modernen, sozial funktional differenzierten Welt, die nicht mehr auf Wertesysteme aufgebaut ist, wie noch zu Max Webers oder Talcot Parsons Zeiten ( für die Werte zentral waren).

Was J.D, Vance Europa 2025 vorwarf – was aus Polen und Russland zu uns herüber echot – wir hätten die christliche Werte verloren, ist nicht ausschließlich eine Frage von Werten und Ideologien, sondern ein strukturelles Problem der modernen Konsumkultur, dem Amerika, Russland, Polen, China und die extrem rechten Parteien Europas wenig entgegenstellen können und wollen, außer sie greifen auf aggressiv regressive Mittel zurück.

Am Fortgang der sequenziell, situativen Generalisierung, die die Wahrnehmung und Erfahrung aus dem Besonderen ins Allgemeine hebt, aus der Vereinzelung ins Verbindliche, arbeitet das Bedeutende deutend am Sinn, an dessen Welt-Bildung.

Werte sind in Summen heute nicht mehr das, was den Sinn als Ganzes repräsentieren könnte. Werte sind nur ein möglicher Zugang zum Sinn, Funktionalität ist ein anderer.

Der Begriff Sinn bekam in der Soziologie Bedeutung aus Theorien, die die Geisteswissenschaften und Kulturwissenschaften von den Naturwissenschaften abgrenzen wollten. 

Beim Sinn gibt es kein Außen, alles ist ein Innen. 

Sinnkrisen zeigen ihre existenzielle Tiefe meist, wenn wir die materielle Welt unterschätzt haben. 

Industrialisierung, Erderwärmung, Energiequellen, Vorkommen von Mineralien, seltene Erden, Leitwährung… um nur einige jener Begriffe, die zur Zeit die Diskussionen bestimmen, anzuführen.     

Symbolische Generalisierung

Soziologisch gesprochen ist die symbolische Generalisierung jenes Element, durch welches Alter und Ego sich überhaupt verständigen können. Es ist eine Verallgemeinerung, die die sachliche, sich im Einzelnen verlierende Welt der Dinge, auf eine höhere Ebene hebt, um Verständigung zu ermöglichen. Die dann, auf dieser allgemeineren Ebene, über Missverständnisse weiter ausdifferenziert und angeglichen werden kann. 

Wie die kollektive Verständigung von Ego und Alter in Form  symbolisch generalisierte Kommunikation funktioniert, kann  anschaulich am Witz, an der Komik und dem selbstverständlichen Spiel mit Zweideutigkeiten spezifischer Alltagssprachen, der Dialekte und Idiome beobachtet werden. 

Komiker und Kabarettisten aller Nationen brillieren im Umgang mit dieser Mehrdeutigkeit von Sprache ( Karl Valentin, Puster Keaton und Charly Chaplin, Helmut Qualtinger, Gerhard Polt). 

Der Sinnbegriff wurde in der Soziologie lange nahe am Wertbegriff gebaut. Bedeutung und Sinn werden ineinander geblendet solange Wert und Sinn nahezu identisch gedacht werden. Sinns wurde in der Soziologie unter M. Weber auf die Bewertung von Handlungen angewandt, bei Talcot Parson wurden dann Systeme mit Wertkategorien verbunden. 

Als Kommunikation und Verstehen begrifflich ausdifferenziert wurden, Generalisierung, Typisierung, Symbolisierung über Sequenzierung untersucht wurden, beginnt sich Sinn von Bedeutung zu trennen

doppelt kontingent

Sichtbar wird der Unterschied von Sinn und Bedeutung  (und dessen Wertsysteme) mit der Einführung der „Doppelten Kontingenz“. Mit ihr kann die Brücke zwischen EGO und ALTER nicht mehr ausschließlich über verbindliche Bedeutungen oder Wertsysteme geschaffen werden. Verstehen muss immer mit einem Anteil an Nichtverstehen rechnen und mit einem NEIN!, mit dem Horizont der Uneinsichtigkeit in den Anderen. Da das  wechselseitig offen ist, spricht man von doppelter Kontingenz.  

In der potentiellen Uneinsehbarkeit des Anderen liegt die Differenz von Bedeutung und Sinn

Hierin eröffnen sich erst (soziale) Optionen. Soziale Optionen sind nicht die mehrwertigen Bedeutungen (semantische Dimension) von denen einige ausgewählt werden könnten, andere zurück bleiben. 

Soziale Optionalität eröffnet sich in Kommunikation durch das uneinsehbare Gegenüber, worauf sich Kommunikation in vielfältiger Weise einzustellen hat und eingestellt hatte. (unter anderem auch über gemeinsame Werte, die aber nicht so verbindlich sind, wie vermeintlich angenommen).

Die doppelte Kontingenz ist jenes Element, wo die Religionen in der Moderne ihren Zugang ins Soziale finden.

Die Auffassung, dass sich Sinn wie eine Mantel über die materiell dingliche Welt legt (Ilja Srubar) übersieht, dass die Dinge, Objekte, das Materielle selbst die sinngebende Zone der Bedeutungen durchschritten hatten. Sinn ist Einheit von Zeit und Welt einschließlich der materiellen Welt.

Überblick

Das permanente Ineinander-Blenden von Bedeutung und Sinn, das dauernde Gleiten, des einen in den anderen Begriff, soll über deren Unterschiede nicht hinwegtäuschen, über die viele Soziologen – auch, durch die englische Sprache verführt – hinweg-gleiten.

Wir sahen, wie die Kluft zwischen beiden Begriffen verkleistert, leicht übersehen wird, beide sich überblenden oder gleichlautend, gleichbedeutend angesprochen werden. 

Bedeutung neigt zur Eindimensionalität, die Frage nach dem Sinn lässt Mehrdimensionalität und Widersprüchlichkeiten zu, die nicht auf einen Nenner zu bringen sind, die als fehlende Bedeutung gedeutet werden müssen. 

Das „sowohl als auch“ kommt dem Sinn entgegen während die Bedeutung Richtung Eindeutigkeit steuert.

Dem Sinn sind  alle Unwägbarkeiten zuzuweisen für die die Saint Opportune, die Fortuna, die Nornen und all die andere Schicksalsgottheiten angerufen werden. 

Dem Sinn ist aber auch immer die Möglichkeit offen, zu allem NEIN zu sagen ( wie Faust, der sogar zum Tode Nein! sagte), bzw. wie Bartleby es ausdrücken würde: „Ich würde es vorziehen, nicht zu tun“.

Traditionell waren für die Kluft zwischen Bedeutung und Sinn die Religionen, die Weltanschauungen (auch die Kunst) die Ethik und Moral, Ideologien, die Kunst, die Musik, der Tanz, deren Sinnlichkeit und Sinnhaftigkeit zuständig. 

An dem Spalt zwischen Bedeutung und Sinn haben sie ihre Fähigkeiten ausgebildet, diesen symbolisch zu überbrücken. Ihre Angebote, das Unwägbare, das Unwahrscheinliche abzufangen, erfüllten im Leben die Fortuna, Persephone, die Nornen, all die Heiligen, all die Wertsysteme, die sozialen Funktionen und was es heute so geben mag ( Haartracht, Rock und Pop, Kleidung, Freizeit, Konkurrenz, Intelligenz…)  die dem isolierten ICH ssuhilfe eilen. 

In dem Zusammenhang ist äußerst bemerkenswert wie die christlichen Religionen ihre Anziehungskraft scheinbar eingebüßt haben ( außer bei J.D. Vance und Peter Thiel), die  oslemische in der modernen ausdifferenzierten individualisierten Welt aber äußerst attraktiv erscheint.

GL

Sinn – lebensweltlich

„Interpenetration“ 

Als Beispiel, wie Interpenetration sich evolutionär ausformte, führt uns Luhmann in „Soziale Systeme“ ( S 342) den griechischen Helden, die Heldin vor: 

„Es gibt keine Schonung des Körpers. Es gibt kein Seelenheil, das Leiden ausgleicht oder aus Gnade doch noch gewährt werden könnte. Es gibt keine das Verbrechen überdauernden Rentenansprüche. Handeln ist Interpenetration von Person und Gesetz, in der keine Freiheitsspielräume … vorgesehen sind. Die Größe besteht darin: es zu tun.“ 

Der beiläufige Hinweis auf Evolution gegen Ende des Kapitels „Interpenetration“ macht die abstrakte Dichte jenes Textes deutlich, der die Theorie der Systeme konstruktiv darzustellen sucht, der – wie Luhmann wiederholt sagt- vorerst hoch abstrakt bleiben muss und inhaltlich nicht weiter gefüllt werden wird.

Als Ersatz für die fehlende Fülle an Beispielen aus dem sozialen Alltag wird der Leser im soziokulturellen Crossover  

aus dem Zeitalter der Mythen in das der Sozialversicherungen katapultiert. Das Dazwischen hat der Leser zu leisten, so als ob der Schreiber zuwenig Zeit hatte, die Konstruktion detaillierter auszuführen. 

Man kann sich die Fülle dann zB aus „Liebe als Passion“ und anderen Texten in denen er das Rechts- Wirtschafts-, Erziehungs- und Wissenschaftssystem beschrieben hat, zusammensuchen.

Lebenswelt 

Die luftig, aber elastisch und passgenau gebaute Konstruktion der Systemtheorie und ihre Terminologie wie zB. „Interpenetration“ sind äußerlich wie Schutzwälle gebaut, die des Humors eines Alexander Kluges (1) bedürfen, um niedergerissen werden zu können: Er konnte die weite Spanne von der Konstruktion dessen, was Interpenetration ist,  bis hin zum sexualen Akt, auf den Penetration wörtlich zutrifft, in seiner Peinlichkeit erfassen. Er verstand die Mehrdeutigkeit, die das Durchdringen von Mensch und Gesetz, 

von Zwischenmenschlichkeit und Sozialem, 

von psychischen- und sozialen-Systemen, 

von Körper und Geist 

mit dem Liebesakt verbindet, 

der im 17. Jahrhundert das beherrschende Sozialsystem, die Hofetikette und den Moralcodex des aufstrebenden Bürgertums aufbrach. 

Gibt es Systeme im Sozialen? 

Eine Fangfrage, die, wollte sie jemand direkt beantworten, immer unbefriedigend bleiben wird, denn auch wenn wir  Systeme annehmen könnten und deren Konstruktion beschreiben,  bleibt immer noch die Frage, ob sich im realen geschichtlichen Leben soziale Systeme nachweisen ließen. 

Oder anders: Lassen unsere Alltagsinterpretationen von Welt, lassen die Begriffe, mit denen wir: 

das Soziale, 

die Geschichte, 

das Subjekt, 

das Individuum, 

die Kollektive, 

die Kultur, 

den Staat, 

die Gesellschaft beschreiben,

eine ausdifferenzierte Moderne 

überhaupt beschreiben? 

Wer Luhmann und dessen Begriffe kennengelernt hat, wird abstreiten, dass wir mit dem üblichen Vokabular den Vorgang der Interpenetration beschreiben können. Die alltagsweltlichen Begriffe dazu, oben aufgezählt, stehen geradezu wie undurchsichtige Trübungen vor jenen Tatsachen, die Luhmann mit solch abstrusen Begriffen wie Interpenetration zu beschreiben versucht. 

Abwehr und gleichzeitiger Tiefgang ( oder Höhenflug) sind die beiden Elemente, die sich scheinbar wechselseitig bedingen, um differenziert auszudrücken, was Systemtheorie über Geschichte und Gegenwart auszusagen weiß.  

Weil unsere Begriffe der Freiheit, der Gleichheit, der Brüderlichkeit wie unüberwindliche Wälle als Allerweltserklärungen die Sicht auf das Soziale verstellen  meinen wir, diese Wälle seien real und Systeme seien nur als Theorie geeignet etwas zu analysieren, aber in der realen sozialen Welt kämen sie nicht wirklich vor? 

Moral oder Differenz 

 Gerade dort, wo die Konstruktion sich in luftige Höhen bewegt, blickt eine irdische Entsprechung durch und die große Leistung wird deutlich, mit der Luhmann sich von den gängigen Begriffen des Sozialen, des Individuums, des Subjektes, der Wahrheit usw strikt absetzt, um diesen Durchblick zu bekommen. 

Zur „Interpenetration“, die das Zusammenwirken von Systemen beschreibt, gehört die geniale Einsicht: 

– dass in sich geschlossene autonome Systeme ( black boxes) sich über binäre Codes verständigen, ohne damit ihre Autonomie aufzugeben ,

– dass Systeme zur Ausdifferenzierung beitragen, indem sie ihre Komplexität nach innen und außen durch binäre Codes reduzieren,

– dass zwischenmenschliche Verständigung (Interpenetration) sich von den verbindlichen Werten und Normen der Gesellschaft abzusetzen vermag, zB. Freundschaft und Liebe eine parallel und quer zu den gesellschaftlichen Normen sich entwickelnde Sozialform ausbildete, und nach und nach zum Sozialsystem wird,

– dass Moral, die Brücke zwischen Systemen von Person und Personen untereinander und dem gesellschaftlich Verbindlichen eine instabile Bindung ist, die keine Identitäten gewährleistet, sondern sogar Differenzen herstellt,  Moral zieht deren Gegenkräfte geradezu an,

– dass die Entwicklung des Geldwesens und die bezahlte Arbeit alle Sozialstrukturen umkrempelte, 

– dass die Leib/Seele-(R)Einheit zerbrochen, beschmutzt wurde und die bedrohlichen Höllenqualen ihren Reiz verloren haben…..

All das und noch mehr weist darauf hin: mit Interpenetration ist nicht nur eine Systemkonstruktion entstanden, sondern es werden Zugänge zu sozialen Realitäten ermöglicht, die sich ereignen.

Interessant dabei ist: wenn „Interpentration“  festgestellt werden kann, wenn ein Zusammenwirken von autonomen, in sich geschlossenen Systemen festgestellt werden kann ist vorher schon unendlich viel geschehen: Flüchtige Ereignisse mussten sich wiederholen, mussten attraktiv werden, in der Wiederholung sich bewähren, mit anderem sich verbinden, vernetzen, mussten Mehrdeutigkeiten zugelassen, in der Waage gehalten werden, musste eine symbolische Generalisierung stattfinden, bevor eindeutige Zweideutigkeiten (binäre Codes) sich herausbilden konnten, die Interpenetration erst ermöglich.

Der Sinn

Sinn, als ein Begriff des Sozialen beschränkt sich nicht nur auf Schematisierungen, wie sie in der Evolution sozialer Systeme vorkommen, die die Autonomie der Systemen gewährleisten. 

Mehrdeutigkeiten, Vieldeutigkeiten, Redundanzen …. bleiben darüberhinaus systemintern wie extern von Bedeutung. 

Es ist erweiternd, sich auf ein Für oder Dagegen, auf Freund oder Feind, auf Inklusion oder Exklusion, auf Erfolg oder Misserfolg, auf Anerkennung oder Aberkennung einzulassen, denn dadurch eröffnen sich neue Möglichkeiten und Handlungsweisen darauf zu reagieren. Schematismen wirken, wenn sie nicht normativ gesetzt, sondern dem Gegenüber freigestellt werden, komplexitäts-steigernd, betont Luhmann immer wieder.

Sinn ist für Luhmann der Sinn für Möglichkeiten, für Optionen. Das Binäre die Dualismen sind nur Zwischenstufen, derer sich das Soziale bedient, um Komplexität von Sinn zu steigern oder zu reduzieren. 

Insofern ist die Systemtheorie eine #Differenztheorie. Komplexität ist Voraussetzung, wenn nicht sogar Notwendigkeit, um Differenz herzustellen, die wiederum beim autonomen Gegenüber Komplexität erhöht. 

GL

 

Die Zuordnung der Bilder erfolgte nicht illustrativ, sondern verweist auf Gleichzeitigkeit: Textstudium zu „Soziale Systeme“ v. N.Luhmann und Modellierung der ElefantenTanten und der Palmena für # DomodossolaStadtderLiebe fanden gleichzeitig statt.

Palmena ist eine erfundene Figur. Die Witwe lebte in Domodossola, als Ihr Mann starb, nähte sie sich eine Puppe, die sie immer mit sich herumtrug. Nachihrem Tod wurde ihr ein Denkmal errichtet.  

(1) https://www.welt.de/kultur/article248370302/Niklas-Luhmann-zum-25-Todestag-Die-Freiheiten-des-Aussenseiters.html

„Simposio D‘Arte“ zum Thema „L’Utopia della Repubblica dell‘Ossola“ Mantova 024

Marta Flisykowska 

„Grenze und Utopie“

Marta

Da wir davon ausgehen, dass Staaten Grenzen haben, nehmen wir wie selbstverständlich an, das würde auch auf die 40 Tage existierende Republik von Ossola zutreffen.

Republiken brauchen einen Staat und der hat Grenzen, das ist für uns selbstverständlich.

Die polnische Künstlerin Marta Flisykowska löst diese Selbstverständlichkeit mit ihrem Projekt für das „Simposio D‘Arte“ zum Thema „L’Utopia della Repubblica dell‘Ossola“ auf eigenwillige Weise auf.

Im Stiegenhaus des Palazzo von Paola Artoni und Paolo Bertelli in Grazie de Curtatone bei Mantova (Italien), in dem das Symposion stattfand, fand Flisykowska eine Wand vor, deren Putz inselförmig abgeschlagen und die darunterlegende Ziegelmauer freilegte.

Der noch vorhandene Putz an der Stiegenhauswand wird von ihr grün bemalt, die Bruchstelle befestigt und mit rotem Grund versehen, auf dem das Blattgold später aufgebracht wurde. Mit einer Frottage überträgt sie den „Inselraum“ auf Papier, bedeckt dieses mit transparenter Folie, auf der sie    Landschafts-Zeichen, wie wir sie von alten Karten kennen andeutet, fügt Reste von Bezeichnungen ein, welche Gegenden, Formationen usw, kennzeichnen.

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Damit erschafft sie eine Utopie mit goldenen Grenze, die sich von ihrer grünen Umwelt absetzt.

Einen Stock höher auf selbiger Treppe setzte sich das Grün fort und ihr Künstlerkollege Miguel Angel Herrero-Cortell bestückt diesen Stiegenabschnitt mit Archtekturelementen wie Bogengängen, Fenstern und Treppen reliefartig.

Die Künstlerin, die mit mehreren KünstlerInnen am Symposion zur Republik Ossola teilgenommen hatte, greift mit der goldmarkierten Bruchstelle, nach ihrer Aussage, auf die Tradition japanischer Töpfer zurück, die zerbrochene Gefäße an den Bruchstellen mit Gold sichtbar wieder zusammenfügten.

Überlegungen zu Grenze

und dem Ganzen

Das Staatskonstrukt „Republik“ existiert frei von  geographischen Grenzen als anwendbare Idee. Republiken finden Grenzen vor oder suchen – in den meisten Fällen heißt suchen, erobern – sich ihre Hoheitsgrenzen. Insofern sind Grenzen und Republik voneinander abhängig, aber nicht notwendigerweise.

Die Grenze kann zur größten Herausforderung für die Republik werden, wie wir aus dem Nord-Südstaatenkonflikt vor der Gründung Amerikas kennen, in Europa im Irland / Nordirrland -Konflikt, in Spanien mit den Basken, in England die Selbständigkeitsbestrebungen Schottlands, in Frankreich mit Korsika, in Italien mit Südtirol, um nur einigere der vielen permanenten Konfliktherde aufzuzählen. Der gegenwärtige Konflikt zwischen Russland und der Ukraine zeigt sich mit eigener Problematik.

Die Idee der Nationalstaaten, die ab dem 19. Jahrhundert ein Motor politischer Bewegungen war, verstärkte die

Entzündungskraft, die an den Grenzen historisch gewachsener Reiche immer schon virulent war, noch einmal.

Die Idee eines geeinigten Europa sollte diese Entzündungsherde mildern, indem Regionen auf übernationaler Ebene zusammenarbeiten können. Ein gelungenes Beispiel ist Südtirol (die Heimat meiner Familie), das in Italien weitgehend autonom ist, womit viele Konflikte entschärft wurden.

Eine republikanische Verfassung umfasst innerhalb gesetzter Grenzen die Werte der dort lebenden Menschen. Diese grenzen an Gebiete, in denen ganz andere Interessen und  Werte herrschen, die von der eigenen „Insel“ aus nicht bestimmt werden können.

Über die Grenzen hinaus, sind andere Werte und Fähigkeiten gefragt wie innerhalb der Grenzen einer Republik. Diese Fähigkeiten sind nicht unbedingt mit den Werten der Republik identisch, müssen sie doch einiges zumindest kompensieren, was den inneren Werten nicht entspricht.

Republikanische Verfassungen gewähren die Freiheit des Einzelnen, kommt es zu Reibungen an der Grenze, z.B.  Gebietsansprüche, bleiben Konflikte virulent, was unweigerlich zur Einschränkung  der Freiheit ( z.B Zwangsrekrutierung, Beschneidung der Pressefreiheit, Handelsbeschränkungen usw.) im eigenen Staatsgebiet führen kann.

Napoleon hatte den Ländern Europas den Code Civil gebracht, indem er ihnen diesen aufzwang. Dieser imperiale Gestus liegt im Ursprung republikanischer Verfassungen begründet. Amerika hat eine Verfassung die dem Code Civil von Napoleon am nächsten kommt, auch Amerika lebt seinen imperialen Anspruch aus.

Grenze als permanente Bruchstelle.

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Wenn Grenzen als Brüche angesehen werden, setzt dieses Verständnis ein Ganzes voraus, das in Teile zerbrochen ist. Ein Ganzes, das in Teilen zerlegt wurde, würde seine Binnengrenzen nicht als Bruchstellen bezeichnen. Bruchstellen und Teile weisen immer auf ein Ganzes hin.

( Aus dem Grund wurde in Japan ein zerbrochenes Gefäß mit Gold zusammengefügt).

Ein Ganzes das irgendwo willkürlich reißt oder auseinanderbricht, wird die Grenze als Bruchstelle bezeichnet. Solche Brüchen zerreißen die Bindekräfte des Ganzen, die Zusammenfügung muss von außen erfolgen oder über einem langwierigen Prozess der inneren Umgestaltung.

Veredelung von Bruchstellen

Das Ritual der Veredelung von Bruchstellen verweist auf ein Ganzes, das in Teile zerbrach. Die Bindekräfte werden in den utopischen Verfassungen der Republiken und Demokratien, als alle Menschen umfassende Ideale, wie zB. die Menschenrechte angesehen.

Kolonialismus

Der Feudalismus wird ebenfalls von einer Auffassung des Ganzen beherrscht. Der kleinste Fürst verstand sich als Herrscher der Welt und errichtete seine Residenz als

Zentrum dieser Welt. Die zentral-symmetrische Architektur und die dort eingerichteten Wunderkammern zeigen diesen Gesamtanspruch. Unsere Nationalstaaten haben ihren Ursprung im 19. Jahrhundert. Der Kolonialismus ist Ausdruck dieser imperialen Weltbeherrschung, sein Macht- und Herrschaftsanspruch geht weit über die eigene Nation hinaus.

Allumfassende goldene Ideale,  wie der Code Civil und in der Folge alle Republikanischen Verfassungen, aber auch die Menschenrechte, können sich gegen ihre eigenen Ideale richten, wenn diese anderen aufgezwungen werden.

Auch der allumfassende Anspruch des Islams, der einen weltumfassenden Dschihad zu  denken vermag und diesen auch einfordert, ist ein Problem für diejenigen, die sich genau davon abzugrenzen suchen, um sich ihre Freiheit zu bewahren.

So kann sich der glänzende Rahmen einer idealen inneren Verfassung schnell vom Gold zum Blei, Stahl oder Uran, zur Berliner Mauer oder zum Iron Dome wandeln.

Günter Lierschof

(der Autor bezieht sich in dem Artikel auf die systemtheoretische Überlegungen von NiklasLuhmann)

  

„Vom Sinn der Un-Möglichkeit “ 

english version

To “Guiding distinction. Observation with social system theory” – Dubrovnik 024

Lecture performance (1)

The german term „Sinn“ (2) refers to sensory perception. The persuasive nature of sensory perception could represent a connection to the evidence that is inherent to the senses.

The possible deception through sensory perception refers to the relationship between appearance and reality, the diversity of which can be traced back to perception. 

In the „a sense of having“ the evolutionary side shows itself. The sense of balance of the string dancer has trained himself, thus becomes comparable to a physiological characteristic. This variation of SINN speaks of circular, systems connecting, new systems forming abilities, skills, competencies. 

The evolutionary side of SINN shows itself in „having a sense“. The physiological property of the sense of balance is trained and optimized during rope dancing. This variation of SINN speaks of circular, systems connecting, new systems forming abilities, skills, competencies. 

 SINN

The fact that Luhmann attaches such importance to the concept of „SINN“ in his reflections (3) is remarkable! „Ist Sinnsuche“one of the core concepts of “old European” thought from which Luhmann sought to distance itself?

SINN is unthinkable without physiology, without psyche, consciousness, without the social, without unifying entities such as self, God, spirit, world, without leading distinctions such as immanent/transcendent, culture/nature, etc.

SINN suggests a telos, a perspective towards which everything meaningful leads. In SINN, the fate of the Earth is linked to the cosmos.

Myths, fairy tales, stories and plays tell about Senns and ist meaning.

SINN is appreciated, sung about, built, danced, cooked, eaten, starved, run, stormed, clothed, promised, expected, bought, consumed, disciplined, sued for, forced, found again.

Ist is heard, chosen, seen,

Is courted, manipulated, loathed, excluded, appropriated, emphasized, exaggerated, ignored, loved and hated.

For SINN, wars are started and peace is made, people are murdered, subjected to torture… Children are loved, praised, tormented, coddled, abused for it.

Difference theory

Luhmann formulates a difference theory of SINN in which distinctions are crucial.

SINN does not differ from nonsense, from nosense, it differs from the world, from truth, from meaning, from knowledge, from essence, from being, etc.

According to Luhmann, SINN has much, indeed everything, to do with the modalities of probability, of possibility, and with tenses such as present, past and future. In addition to the time dimension, SINN also has a factual dimension and a social dimension with various interconnections.

The distinction between experience and action in relation to SINN also has an importance here that should not be underestimated.

Key distinctions

like true / not true, sick / healthy, beautiful / hideous, are revealed through negations.

Digital/analog, manifest/latent, regional/global function across two sides and a border that separates one side from the other. What the two have in common is their difference; a third factor remains excluded:

This inevitably leads to paradoxical connections, since one thing is always contained in the other.

Tanz der Redundanz

SINN decomposed

Worlds open up between Luhmann’s view of SINN and that of the old European school of thought. The difference between Luhmann’s understanding of SINN and our everyday understanding of SINN is elementary!

The difference is caused by the fact that SINN is the reservoir in which social evolution becomes diffuse. SINN not only appears at the cutting edge of socially differentiated modernity, forms of SINN compete in many present times, entire areas of SINN are excluded, overlooked, denounced, mocked, laughed at.

Luhmann’s theory implies that there are other forms of SINN than his that can be just as justified. He offers his view in addition, there is no claim to exclusivity!

Separation of morality and SINN

In summary, I would say that Luhmann separates morality and SINN. In “old European thinking”, as in everyday consciousness, the two are inseparably glued together, which makes it difficult to isolate morality from SINN when it comes to questions of SINN.

The „Lebenswelt“ excludes areas of life – which are not congruent with it – such as work, leisure, family, love life, friendship, neighborhood, region, landscape, mobility, health, school, science, art, architecture, design/clothing, religions , politics, business/money, literature, music, dance, film, social media,

etc., which in turn provide SINN schemas

In the description of SINN, the individual’s “meaningful life” inevitably gets mixed up with the differentiated 

SINN of the life worlds.

Humans in social systems

The “Luhmann Talk” says: Humans do not appear in Luhmann’s system theory!

On the contrary, he indirectly included the “plasticity of humans” (Joseph Beuys). Luhmann indirectly included the incalculably capable human being: the hunger artist, peace preacher, the Mafiosi, the boring person, the fashion icon, the inventor of the atomic bomb and even more variations of the anthropos in his theory.

In Luhmann, humans appear indirectly in the form of unmanageable, unforeseeable possibilities (4).

Luhmann shows himself to be a true realist and, on the other hand, a modern idealist, because he assumes a freedom that is not given.

SENSE of possibility

For Luhmann, “the difference between what is currently given and what is potentially possible” in experience and action means SINN!

In further differentiations of this sentence, “identities” are symbolically generalized into schemas of the time, social and factual dimensions, each with two horizons, which are temporally divided into “before and after”, socially into “ego and alter-ego” and objectively into “ “inside and outside”.

The bipolar horizons and combination variants keep the possibilities of SINN wide open.

With “Experience or Action,” Luhmann introduced a key distinction into the question of SINN that is focused on in Christianity: In the death on the cross, passive suffering is assigned a significant, world-constituting role compared to active action. (5)

Luhmann and evil

The question arises: can a theory with such a high degree of abstraction actually be used for questions of SINN that individuals ask themselves?

If you take Luhmann’s theoretical approach really seriously, you also have to accept evil, human cruelty as a possibility that can, will lead to good. (6) What is extremely difficult for a morally gifted person to do without falling into malicious sarcasm.

Here Luhmanm appears in the tradition of great thinkers – as a renewing prophet of the apocalypse (7).

methodology

A Lecture Performance (LP) should not be confused with a free lecture on a scientific paper.

LP does not point to an outcome outside the event: “The performance itself is the event!”

Every good scientific lecture is structured like an LP, but the performance character itself is not explicitly reflected. Which – at least in my opinion – should be the case with a lecture performance.

GL

(1) is in the tradition of action teaching by Bazon Brock and the blackboard drawings by Joseph Beuys, whose student and collaborator I was.

(2) I also use the term SINN in English because neither maening nor sence covers the meaning of SINN.

(3) Niklas Luhmann “Social systems – outline of a general theory” Suhrkamp Wissenschaft 666

(4) In anticipation, Robert Musil illustrated the attitude that Luhmann tried to capture in the theoretical construct in the novel “The Man Without Qualities”. One heading reads: “If there is a sense of reality, there must also be a sense of possibility.”

(5)Joseph Beuys. Christ thinking: Thinking Christ

Mennekes, Friedhelm, Catholic Bible Works Publishing House, 1996

(6) Mephistopheles in Goethe’s “Faust”: (I am) “a part of that power that always wants evil and always creates good.”

(7) “Apocalyptic thinking” see Bazon Brock.de

„Vom Sinn der Un-Möglichkeit “ 

Zu „Guiding distinction. Observierung with sozial system theory“

abstract – Dubrovnik 024 

Der Begriff Sinn verweist auf sinnliche Wahrnehmung. Das Persuasive der sinnlichen Wahrnehmung könnte eine Verbindung darstellen zu jener Evidenz, die den Sinnen eigen ist. 

Die mögliche Täuschung durch sinnliche Wahrnehmung verweist auf das Verhältnis von Erscheinung und Realität, deren Vielgestaltigkeit auf Wahrnehmung zurückzuführen ist. (2)

 SINN

Dass Luhmann dem Begriff des Sinns in seinen Überlegungen (3) eine solche Bedeutung zumisst, ist bemerkenswert!  Ist Sinn doch einer der Kernbegriffe „alteuropäischen“ Denkens, von dem Luhmann sich abzusetzen suchte?

Sinn ist ohne Physiologie, ohne Psyche, Bewusstsein, ohne das Soziale, ohne vereinheitlichende Größen wie Ich, Gott, Geist, Welt, ohne Leitunterscheidungen wie, immanent/ transzendent,  Kultur/ Natur usw. nicht denkbar. 

Sinn suggeriert einen Telos, eine Perspektive, auf die alles Sinnvolle  hinläuft. Im Sinn ist das Schicksal der Erde mit dem Kosmos verbunden. 

Vom Sinn erzählen Mythen, Märchen, Erzählungen, Theaterstücke. 

Sinn wird gewürdigt, besungen, gebaut, getanzt, gekocht, gegessen, erhungert, erlaufen, erstürmt bekleidet, verheißen, erwartet, gekauft, konsumiert, diszipliniert, eingeklagt, erzwungen, wiedergefunden.

Er wird erhört, erlesen, geschaut,

Wird umworben, manipuliert, verabscheut, ausgegrenzt, vereinnahmt, betont, überhöht, ignoriert, geliebt und gehasst.

Für Sinn werden Kriege begonnen und Frieden geschlossen, Menschen ermordet, der Tortur ausgesetzt… Kinder werden für Ihn geliebt, belobt, gequält, verhätschelt, missbraucht. 

Differenztheorie

Luhmann formuliert eine Differenztheorie für Sinn, in der Unterscheidungen das Entscheidende sind. 

Sinn unterscheidet sich nicht von Unsinn, von Nichtssinn, es unterscheidet sich von Welt, von Wahrheit, von Bedeutung, von Erkenntnis, vom Wesen, vom Sein usw. 

Nach Luhmann hat Sinn viel, ja alles mit den Modalitäten von Wahrscheinlichkeit, von Möglichkeit zu tun, und mit Zeitformen, wie Gegenwarten, Vergangenheiten und Zukunften. Sinn hat neben der Zeitdimension auch eine Sachdimension und eine Sozialdimension mit verschiedenartigen Verschränkungen. 

Die Unterscheidung von Erleben und Handeln in Bezug auf Sinn hat hier auch eine nicht zu unterschätzende  Bedeutung.

Leitunterscheidungen 

wie wahr / nicht wahr, krank / gesund, schön / scheußlich,  erschließen sich durch Negationen. 

Digital / analog, manifest/ latent, regional / global funktionieren über zwei Seiten und einer Grenze, die eine Seite von der anderen trennt. Das Gemeinsame der beiden ist deren Differenz, ein Drittes bleibt ausgeschlossen:

Dies führt unweigerlich zu pardoxen Verschlingungen, da immer das Eine im Anderen enthalten ist.  

Sinn dekomponiert

Zwischen Luhmanns Auffassung von Sinn und dem der alteuropäischen Denkschule, tun sich Welten auf. Der Unterschied zwischen Luhmanns Auffassung von Sinn und unserem Alltagsverständnis von Sinn, ist elementar!

Verursacht wird der Unterschied dadurch, dass Sinn jenes Sammelbecken ist, in dem die soziale Evolution diffus wird. Sinn erscheint nicht nur auf dem neuesten Stand der sozial differenzierten Moderne, Sinnformen konkurrieren in vielen Gegenwarten, ganze Sinnbereiche werden ausgeschlossen, übersehen, denunziert, verhöhnt, belächelt.

Luhmanns Theorie schließt ein, dass es auch andere, als seine Sinnformen gibt, die ebenso berechtigt sein können. Er bietet seine Sicht ergänzend an, es besteht kein Ausschließlichkeitsanspruch! 

Trennung Moral / Sinn

Zusammenfassend würde ich sagen, dass Luhmann Moral und Sinn trennt. Im „alteuropäischen Denken“, wie im Alltagsbewußtsein sind beide untrennbar miteinander verklebt, das erschwert bei Sinnfragen, die Moral vom Sinn zu isolieren. 

Die Lebenswelt (4) grenzt Lebensbereiche aus  – die mit ihr nicht deckungsgleich sind  –  wie Beruf, Freizeit, Familie, Liebesleben, Freundschaft, Nachbarschaft, Region, Landschaft, Mobilität, Gesundheit, Schule, Wissenschaft, Kunst, Architektur, Design/Kleidung, Religionen, Politik, Wirtschaft/Geld, Literatur, Musik, Tanz, Film, soziale Medien,  

usw., die ihrerseits Sinn-Schemata zur Verfügung stellen

Das „Sinnvolle Leben“ des Einzelnen vermengt sich in der Beschreibung  von Sinn unweigerlich mit den ausdifferenzierten Sinngebungen der Lebenswelten. 

Der Mensch in den sozialen Systemen

Der „Luhmannsprech“ (5) sagt: In Luhmanns Systemtheorie kommt der Mensch nicht vor!

Im Gegenteil, er hat das „Plastische des Menschen“ ( Joseph Beuys ) indirekt miteinbezogen. Der unabsehbar befähigte Mensch: der Hungerkünstler, Friedensprediger, der Mafiosi, der Langweilige, die Modeikone, der Erfinder der Atombombe und noch mehr Variationen des Anthropos hat Luhmann in seiner Theorie indirekt miteinbezogen.  

Der Mensch kommt bei Luhmann indirekt in Form der unüberschaubar unabsehbaren Möglichkeiten vor (5) . 

Luhmann zeigt sich als wahrhaften Realisten und andererseits als moderner Idealist, denn er setzt eine Freiheit voraus, die nicht gegeben ist.

SINN der Möglichkeit

„Die Differenz von aktuell Gegebenem und potentiell Möglichem“ im Erleben und Handeln bedeutet für Luhmann SINN! 

 In weiteren Ausdifferenzierungen dieses Satzes  werden „Identitäten“ symbolisch generalisiert in Schemata der Zeit-, Sozial- und Sach-Dimension mit jeweils zwei Horizonten, die zeitlich in „vorher und nachher“, sozial in  „ego und alter-ego“ und sachlich in „innen und außen“ ausdifferenziert werden. 

Die bipolaren Horizonte und Kombinationsvarianten halten die Möglichkeiten von Sinn weit offen.

Mit „Erleben oder Handeln“ hat Luhmann eine Leitunterscheidung in die Sinnfrage eingebracht, die im Christentum fokussiert wird : Im Kreuzestod, wird dem passiven Erleiden gegenüber dem aktiven Tun eine bedeutende, die Welt konstituierende Rolle, zugewiesen. (6)

Luhmann und das Böse

Es stellt sich die Frag : kann eine Theorie mit so hoher Abstraktion überhaupt für Sinnfragen, die sich der Einzelne stellt, herangezogen werden? 

Nimmt man Luhmanns Theorieansatz wirklich ernst muss man auch das Böse, die Grausamkeiten der Menschen als eine Möglichkeit, die zum Guten führen kann, führen wird, annehmen. (7) Was einem moralisch begabten Menschen äußerst schwer fällt, ohne in boshaften Sarkasmus zu verfallen. 

Hier zeigt sich Luhmanm in der Tradition großer Denker – als erneuernder Prophet der Apokalypse (8).

Methodik

Eine Lecture Performance (LP)  ist nicht mit einem freier Vortrag über eine wissenschaftliche Arbeit zu verwechseln.

LP zeigt nicht auf ein Ergebnisse außerhalb des Ereignisses: „Die Aufführung selbst ist das Ereignis!“

Jeder gute wissenschaftliche Vortrag ist wie eine LP aufgebaut, der Aufführungscharakter selbst wird aber nicht explizit reflektiert. Was – zumindest nach meiner Auffassung – bei einer Lecture Performance der Fall sein sollte.

GL

(1) steht in der Tradition des Action Teaching von Bazon Brock und den Tafelzeichnungen von Joseph Beuys, deren Schüler und Mitarbeiter ich war. 

2) In den »Meditationes de prima philosophia« (1642) behandelt Descartes den Aspekt der Täuschung

(3) Niklas Luhmann „Soziale Systeme – Grundriß einer allgemeinen Theorie“ Suhrkamp Wissenschaft 666

(4) Der Begriff der Lebenswelt  – stellt eine Brücke zwischen Soziologie, Philosophie und dem dar, wie sich dem Einzelnen, dem Individuum die Sinnfrage stellt. Ein Begriff den Habermas und Phänomenologen wie Joachim Ritter,  Odo Marquard und andere verwenden.

(5) Vorwegnehmend hat Robert Musil im Roman „der Mann ohne Eigenschaften“ jene Haltung anschaulich gemacht, die Luhmann im theoretischen Konstrukt zu fassen suchte. Eine Überschrift lautet: „Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch Möglichkeitssinn geben“. 

(6)Joseph Beuys. Christus-Denken: Thinking Christ

Mennekes, Friedhelm, Verlag Katholisches Bibelwerk, 1996

(7)  Mephisto in Goethes „Faust“ : (Ich bin) „ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

(8) „apokalyptisches Denken“ siehe Bazon Brock.de 

Ökologie + Wirtschaft = inkompatibel?

Dubrovnik 3

Anmerkungen zu „Umwelten“ in „ökologischer Kommunikation“ nach N. Luhmann 

Genial

Es ist faszinierend und bewundernswert, wie Niklas Luhmann in „Ökologischer Kommunikation“ (1) Wirtschaft beschreibt. Auf knapp 14 Seiten schafft er es, eine Theorie der Wirtschaft (1985) in Worte zu fassen, durch die heute, nach Corona, im Ukrainekrieg und der inzwischen verschärften Energiekrise, die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Wirtschaft aufgezeigt werden können.

Klimaziele, wie der CO2 Ausstoß und die Erderwärmung gelten heute als Massstab für wirtschaftliches Handeln,  eine Energiewende soll herbei gezwungen werden. Unter anderem zeigt Luhmann, dass Normen nicht einfach von der Wirtschaft angenommen werden können, da diese dezentral funktioniert und nicht jeder alle Kosten auf sich nehmen kann (2).

Der binäre Code für Wirtschaft „Zahlen / Nichtzahlen“ ist genial gewählt, denn er bezeichnet ganz konkret eine Handlung, ein Tun und nicht wie bei Wahr/Nichtwahr, Recht/Nichtrecht etwas semantisch Gleitendes, wo das eine in das andere leicht verrutscht. Luhmanns Wirtschaftstheorie kann auf die moderne Geldwirtschaft in Bezug auf deren Warenverkehr genauso angewandt werden, wie auf die moderne Finanzwirtschaft mit ihren Derivaten, Swaps, Optionen, Puts und Calls. 

Mit „Zahlen/ Nichtzahlen“ neutralisiert er die marxistisch orientierte Kapitalismuskritik, die Eigennutz und Täterschaft suggeriert, und hebt sie auf eine funktionale Ebene. 

Die Begriffe „Zahlen/ Nichtzahlen“ grenzen Wirtschaft von allem anderen Tun, wie Politik, scharf ab. In der Wirtschaft muss Nichtzahlbarkeit immer wieder in Zahlbarkeit überführt werden, damit der (Geld-) „Wirtschafts-Kreislauf“ geschlossen bleibt.    

Gegenläufiger Kreislauf

Das Bild des Kreislaufes – wie in der Wirtschaftswissenschaft geläufig – ist vielseitig interpretierbar. Es gibt internationale Kreisläufe des Geldsystems und jene Geldkreisläufe in der Wirtschaft, die jeweils einzelne Unternehmen, Staaten, Organisationen autonom tragen.  Sie sind voneinander abhängig, aber jeder ist für sich eigenständig. 

Zum „gegenläufigen Kreislauf“ des „Nicht-Zahlens“ gehört jener Geldverkehr, durch den „unproduktive Leistungen“ wie Pflege, Medizin, Frauenarbeit, Ehrenamt, Sozialdienste, Kunst und Kultur finanziert werden, die letztlich in Form von Steuern, Gebühren, Kosten wieder eingepreist werden. Monetäre und realwirtschaftliche Kreisläufe wirken zusammen, die durch Anleihen, Kredite und Staatsverschuldung – den   „gegenläufigen Kreisläufen“ des „Nicht-Zahlens“ – finanziert werden. 

Der Staat selbst – als Teil des „gegenläufigen Geldkreislaufes“ – ist Teil der Wirtschaft, sofern er seinerseits dem Code Zahlen/Nichtzahlen unterliegt. Er muss abstimmen, wofür er seine Einnahmen ausgibt oder nicht. (3) 

Die Wirtschaft braucht Gewinn und Gewinnchancen, Profit und Profitchancen, Eigennutzen und Rentabilität.

Das Rentabilitätsdenken entzieht der Wirtschaft aber auch die Möglichkeit, nicht rentables wirtschaftliches Tun, wie kreative Ideen, ökologische Initiativen und soziale Notwendigkeiten als für sie nützlich einzuschätzen. Wirtschaft übersieht leicht, dass ihre Rentabilität durch viele dieser invisiblen Leistungen ermöglicht wird. 

Rentabilität, ein Paradox 

Rentabilität ist eines der typischen Paradoxe der Wirtschaft, es stellt sich die Frage, ob Rentabilität rentabel ist. 

Das Argument, „Das ist wirtschaftlich nicht rentabel“, „Da lohnt es sich nicht zu investieren“, kann sich zukünftig ins  absolute Gegenteil verwandeln, wie in der Kunst und ganz allgemein bei Innovationen häufig geschehen (4). Genau genommen ist nahezu alles, was vor 10 Jahren rentabel war, heute nicht mehr wirtschaftlich. 

Knappheit, ein Paradox 

Luhmann hat in seinem Text zur „ökologischen Kommunikation“ das Wirtschafts-Paradox Knappheit behandelt, um aufzuzeigen, dass die Knappheit der Ressourcen, wie knapp gehaltene CO2 Werte, etwas völlig anderes ist als jene Knappheit, die über Preisgestaltung und Menge (Allokationsentscheidungen) bewirkt wird.

Wir nehmen an, dass die Öl- und Gasvorräte in 70 – 100 Jahren aufgebraucht sein werden. Die Preise für diese Rohstoffe können nicht so erhöht werden, damit sie auch für weitere Generationen zur Verfügung stehen. Die Wirtschaft würde zusammenbrechen und energieraubende Kriege  ausbrechen. Alles, was durch eine realistische Preisanpassung gewonnen werden könnte, ist dadurch für nächste Generationen verloren. 

Die internationale Wirtschaft versucht mit Rechten auf CO2 zu handeln, um den Co2 Ausstoß knapp zu halten. Das ist ein gut gemeinter Versuch, wirtschaftliches Handeln auf ökologische Notwendigkeiten anzuwenden. Ob es der Ökologie dient, ist zweifelhaft.  

Sozialstaat versus Ökostaat

Mit dem Code „Zahlen“, der mit der konkreten Zahlungs-Ausführung verbunden ist, ist ein reales „Nicht-mehr-Zahlen“ (das Geld ist weg) verbunden. Dadurch ist das System lernfähig. Die Einschätzung, ob Kosten rentabel sind, ob das Unternehmen über kurz oder lang zahlungsfähig bleibt, gehört in die Logik des binären Codes der Wirtschaft. 

Treibende Kraft der Wirtschaft

Damit kann Luhmann die wirklich treibende Kraft der Wirtschaft benennen, ohne in den mehrdeutigen Abgrund von Gewinngier (der Realwirtschaft) und Heuschreckenkapitalismus (der Finanzwirtschaft ) (5) abzugleiten, mit der daraus resultierenden Schuldzuweisung an einflussreiche Gruppen, Ethnien, Banken, Staaten, Organisationen. 

Die Theorie bietet Orientierungen für Ideen, die  ökologische Maßstäbe und wirtschaftliche Werte koordinieren möchten.

Die Dimensionen des gegenläufigen Geldkreislaufes moderner Sozialstaaten kann am Steueraufkommen aufgezeigt werden, das ca. 50% der europäischen Wirtschaftsleistungen ( der BIPs)  ausmacht, wobei hier Versicherungen, Spenden, Abgaben  usw. nicht eingerechnet sind (6).

Alleine die Volumen medizinischer und psychosozialer Dienste, die in modernen Sozialstaaten, teils staatlich, teils privat organisiert werden, sind hoch (7).

Nehmen wir diese Dimensionen als Massstab, werden diese Summen ein Vielfaches ausmachen, um zukünftige ökologische Massnahmen zu finanzieren.

Die „gegenläufigen Geldkreisläufe“ machen deutlich, dass das Modell zur Finanzierung des Sozialstaates kein Vorbild für die Finanzierung einer ökologisch orientierten Wirtschaft sein kann.

 Fehlleistungen in der ökologischen Krise

Durch den Code „Zahlen / Nichtzahlen“ wird Wirtschaft deutlich von Politik abgegrenzt. 

Diese Einsicht der Systemtheorie kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die permanente Falschzuweisung ökologischer Problemlösungen an Politik oder Wirtschaft ist die eigentliche Fehlleistung der gegenwärtigen ökologischen Krise.

Auch wenn die Systemtheorie zu ähnlichen Ergebnissen wie   wirtschaftsliberale Denker kommt, ist die Abgrenzung der Wirtschaft von Politik anders gewichtet als im Liberalismus.  

Systemtheoretisch wird nicht Staat von Wirtschaft getrennt, sondern Politik von Wirtschaft. Die Steuern sind nach Luhmann Teil der Wirtschaft und gehören in die Kreisläufe des Nichtzahlens, die letztlich immer eingepreist werden müssen, d.h. zwangsläufig Teil der Wirtschaft werden, diese  befördern oder gefährden.

Luhmann arbeitet klar heraus, was die Wirtschaft kann und was nicht. Z.bsp. hat Wirtschaft keine Wahrnehmungsorgane für ökologische Verwerfungen und sollten Wirtschaftstreibende diese haben, ist ihnen geraten, das Wahrgenommene weitgehend zu ignorieren und sich an wirtschaftlicher Rentabilität zu orientieren.

Luhmann weist alle wirtschaftswissenschaftlichen Ansprüche ökologisch orientierter Theorien zurück, die Ökonomie und Ökologie als einheitliches System konstruieren (8). Er macht sie in ihrer Naivität geradezu lächerlich und rät der Wirtschaft, auf Rentabilität zu achten, um sich selbst nicht zu gefährden. 

Luhmann argumentiert, dass Wirtschaft immer dezentral agiert und jedes Unternehmen seine Preise selbst verantworten muss und jedes beachtet selbst, ob es sich mit seinen Preisen am Markt durchsetzt, ob der Preis gezahlt wird, ob das Verhältnis Menge / Preis  (Allokationsentscheidungen) stimmt und ob es morgen und im nächsten Jahr noch zahlungsfähig sein wird.  

Werden ökologische Wertnormen für die Wirtschaft verbindlich und zentral durchgesetzt, wie das zur Zeit laufend geschieht, gibt es Marktverwerfungen und Betriebe werden schließen müssen. Ob jene, die es überleben, ökologischer handeln, ist eher zu bezweifeln. Das, was zur Zeit in der BRD vor sich geht, kann weder für die Ökologie, noch für die Wirtschaft zielführend sein!

Die Kosten für einen ökologischen Umbau, hat letztlich die Wirtschaft zu tragen, ob die Politik mit seinen Grenzwerten und Technologievorgaben wirtschaftlich Sinnvolles tut, ist – nach Luhmann – anzuzweifeln.  

Schrei nach dem Staat?

Die aus dem ökologischen Gleichgewicht geratene Erde (Gaia, nach Bruno Latour) verstärkt eine alte Hoffnung und Forderung von uns Menschen, dass der Staat – die Mutter und der Vater aller Dinge – diese Krise zu bewältigen habe.

Diese hoffnungsschwangere Dummheit von uns Bürgern lässt uns nach Regierung, nach Politik, Parteien, ja nach Führung schreien, da angesichts der Katastrophe sofort zu agieren sei! 

Dazu werden derzeit auch die passenden Politiker gewählt, die auf unsere Illusionen eingehen. So entstehen alle jene Scheußlichkeiten, die uns zur Zeit von der Politik präsentiert werden: Keine Verbrenner-Fahrzeuge für alle ab 2000-irgendwann, Wärmepumpen überall (9), optisch und ökologisch verödete Windparks, Solaräcker, die sich dort ausbreiten, wo früher Weizen oder Kartoffel wuchs. 

Politiker agieren wie Pädagogen, die dem Bürger Anweisung, Regeln und Verbote vorschreiben, im Winter kalt zu duschen, gefälligst den Waschlappen zu benutzen und maximal einmal die Woche ein kleines Stück Fleisch zu essen. 

International ausgehandelte Richtwerte, wie die Begrenzung  des Co2 Ausstoßes bis 1. Januar zweitausend-irgendwann (10) oder die Regulierung der Erderwärmung bis MariaHimmelfahrt, sind Hilflosigkeiten der politischen Weltrettung.

Verkündigung und Wortzauber, mehr ist damit aber nicht getan!(11)

Wirtschaftlich- ökologische Initiativen

Eine der internen „Umwelten“ der Wirtschaft, die sich der dezentralen Ordnung der Wirtschaft jeweils anpassen, sind die Märkte, so Luhmann. Eine andere Art von Umwelt der Wirtschaft sind „Biotope“, in denen Politik, Wissenschaft, Kunst sowie der Alltag der Menschen zusammenwirken. Sie setzen sich aus allen kreativen Initiativen zusammen, die am ökologischen Ungleichgewicht etwas ändern wollen. Auch diese bilden „Märkte“, in denen sie sich bewähren müssen. Ähnlich wie bei Erfindungen und in der Kunst ist nicht absehbar, ob diese Initiativen „wirtschaftlich“ arbeiten  werden und rentabel sein können. Ihren Wert für die Gemeinschaft müssen sie dadurch immer wieder neu begründen. 

Rentabilität ist für die Wirtschaft entscheidend, sie benötigt keiner weitere soziale Begründung.(12) 

Ökologische Initiativen oder psychosoziale Einrichtungen, die nicht auf Rentabilität ausgerichtet sind, müssen – auch zu ihrer eigenen Orientierung – ihr Handeln immer wieder begründen. „Gesetzlich geregelte regelmäßige Finanzierungen machen regelhaft träge.“

Ökologische Initiativen, die vom „gegenläufigen Kreislauf“ des „Nichtzahlens“ über Steuern, Spenden und freiwillige Dienstleistungen gestützt werden, stellen eine Art Probefeld dar, ähnlich wie Geschützte Werkstätten und andere Einrichtungen der psychosozialen Dienste. 

Ökologische Initiativen könnten von sozialen und medizinischen Einrichtungen moderner Sozialstaaten lernen, die nicht nur Krankheiten behandeln, sondern ihrerseits Krankheiten erzeugen, die nicht nur soziale Probleme lösen, sondern neue bedingen.

Mit ihren Problemlösungen erzeugen ökologische Initiativen weitere ökologische Probleme.

Verordnungen 

Beobachten wir die öffentliche Diskussion ökologischer Fragestellungen, wird stets nach staatlichen Massnahmen, nach staatlicher Regulierung gerufen, die Politik reagiert darauf mit Verordnungen.

Wenn diese dann Gesetz werden, ist ökologisch noch nichts getan. Nur Initiativen können sich der Fragen annehmen und umsetzbare Vorschlage anbieten, die dann miteinander konkurrieren und nachweisen müssen, ob ihre ökologischen Ideen für Unternehmen der Wirtschaft, Gemeinden, Bürger, Nachbaren usw. attraktiv sind. Die Politik kann in der Folge durch sinnvolle Verordnungen diese Prozesse der Zivilgesellschaft unterstützen. 

Beispiel: Aktuell wird in Europa (13) die zunehmende Versiegelung von Böden diskutiert und von der Politik werden dazu Massnahmen gefordert. Würden Initiativen entstehen, welche das Öffnen versiegelter Flächen und deren Bepflanzung – was da und dort auch schon geschieht (14) – für Bauunternehmer, für Städte, Gemeinden und Immobilienhändler attraktiv machen, wäre etwas erreicht. Diese Initiativen haben neue Verordnungen und Richtlinien zur Folge, die bisher dafür da waren, möglichst umgangen zu werden. 

GL

(1) Niklas Luhmann: „Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?“ (Neue Bibliothek der Sozialwissenschaften) 5. Auflage 2008 

(2) Naturschutz im globalen Massstab löst vergleichbare Probleme aus: „Ein großes Ziel der UN-Biodiversitätskonferenz in Montreal 2022 war es, bis 2030 weltweit 30 Prozent der Landes- und Meeresfläche unter Naturschutz gestellt zu haben.“ (Tagesschau 15.12.2022 03:54 Uhr) Die Ethnien, die in den geschützten Gebieten, mit und von der Natur leben, bleiben dabei unberücksichtigt. 

(3) In Österreich ist der Rechnungshof derjenige, der die staatlichen Einrichtungen auf ihre ökonomische Rechnungslegung hin kontrolliert. 

(4) Van Gogh konnte kein Bild verkaufen, obwohl sein Bruder in einer renommierten Kunstgalerie arbeitete. Heute sind seine Bilder hunderte Millionen wert. Kandinskys späte Bilder waren über Jahrzehnte ( noch in den 60er Jahren des 20. Jhdts) in einer unverschlossenen Garage in Paris gelagert. Niemand kam auf die Idee, diese zu stehlen, sie hatten damals keinen monetären Wert. Bei Erfindungen könnte diese Liste fortgesetzt werden: Die Schreibmaschine aus Holz von Peter Mitterhofer, die im technischen Museum in Wien (1864) ausgestellt war, wurde erst nach ihrer Entdeckung durch einen Amerikaner wirtschaftlich verwertet. 

(5) Optionen, Derivate, die aus der Notwendigkeit der Finanzierung großer Projekte und deren Versicherungsrisiken entstanden sind, dienen immer noch dazu, Werte zu bewerten und größere Summen für Investitionen zur Verfügung zu stellen. Die dabei entstehenden Riesensummen an Wirtschaftskapital – die, weil optional, nicht genau zu beziffern sind, aber ca. das Zehnfache der Summen der Realwirtschaft ausmachen – haben starke Auswirkungen auf die Realwirtschaft, wenn sie überschwappen.

(6) Rechnen wir noch die Staatsverschuldungen in Europa von 70 – 170% dazu, die genau genommen auch zum Kreislauf „Nichtzahlen“ gehören, zeigen erschreckende Dimensionen. d.h. mehr als die Hälfte der Geldmengen, die für Dienstleistungen (einschließlich des Staates) und für die Warenproduktion eingesetzt werden, gehört in den „gegenläufigen Kreislauf“, der nicht rentabilitätsorientiert verwendet wird.

(7) Alleine die Krankenversicherungen, die jetzt Gesundheitsversicherungen genannt werden, betrugen – in Österreich 2021 – 17 Milliarden. Zum Vergleiche: Die Steuereinnahmen im selben Jahr betrugen 127 Milliarden.

(8) Wie naiv heute PolitikberaterInnen sind, wenn sie das Thema Ökologie/ Ökonomie behandeln, kann auf der re:publica 2023 im Vortrag von Maja Göpel – Cash: „Alles im Flow?“ nachgehört werden. Maja Göpel ist  eine der Vertreterinnen, die ernsthaft daran glaubt, dass „Grenznutzen und …. Grenzkosten des Umweltschutzes sich ausgleichen sollen„ (Zitat: NL in „ökologische Kommunikation“ Kap. Wirtschaft). Nach Luhmann ist das eine Glaubensfrage. 

(9) Eine tragische Ironie der Energiewende zeigte sich vor zwei Tagen in Oberösterreich: Bei der Tiefenbohrung für eine Wärmepumpe wurde eine Gasleitung angebohrt, das Gas breitete sich unterirdisch aus und trat an einer ganz anderen Stelle aus, ein Haus explodierte und die Bevölkerung musste evakuiert werden.

(10) Daten über die Zunahme der Erderwärmung setzen sich aus den unterschiedlichsten Messwerten zusammen ( Klima, Meer, Wälder, Wüsten Steppen, Biotope der unterschiedlichsten Art, bis zur Wärme die Wurzeln und der Kühle in den Tiefen der Meere). Daten, die regional völlig verschieden ausfallen, würden diese nicht auf einen Durchschnittswert zusammengeführt werden. Der vereinheitlichte Wert gibt vor, etwas über den Zustand der gesamten Ökologie auszusagen. Er sagt nichts über den Einzelfall der regional völlig unterschiedlich ausfällt, wie Statistiken über jene Zonen zeigen, die erste Opfer der Erderwärmung sind.   

(11) Politiker sind zu Propheten, ja zu Voodoo-Priestern geworden. Wir wünschen uns das, lassen uns gerne täglich über Nachrichten von ihren Botschaften beruhigen. Die dabei entstehende Komik ist längst in die Politik mit eingepreist.

Komiker wie Baerböck, Habeck, Lang, Lauterbach, Scholz sind Teil des politischen Kalküls. Auch international liegen – seit Ronald Reagan, Berlusconi und Trump – Schauspieler, Komiker im Trend.  

(12) Wer ein Bild für Millionen kauft, braucht den Kunstwert des Bildes für sich und für andere nicht zu begründen, wer bei mir ein Bild kauft, sehr wohl!

(13) In Österreich sprechen wir täglich von 11,5 Hektar Fläche, oder anders gesagt von 12 großen Fußballfeldern, die der Bodenversiegelung zum Opfer fallen (Umweltbundesamt, 2021). 

Für Europa siehe:

https://www.eea.europa.eu/de/publications/Environmental_issue_series_16/file

(14) ein Beispiel: http://www.bodenfreiheit.at

Invisibilisierung und deren „eingetrübte Umwelten“

Anmerkungen zu „Umwelten“ in „ökologischer Kommunikation“ von Günter Lierschof

Recht: 

Gerade am Recht wird deutlich, wie dieses, seitdem es bürgerliche Rechte gibt, sich an bürgerlich sozialen Werten – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – orientiert. Rechte, die dann von Personen ( auch juristischen Personen) eingefordert werden. Das Einfordern von Rechten, die der Natur zugutekommen, sind in unserem Rechtssystem nur indirekt möglich (1) : Zuerst müssen Schuldige, Verursacher, Verantwortliche, Eigentümer, RisikenTragende, Preise- Bestimmende oder Preise- Zahlende und Grenzwerte oder verbindliche Normen gefunden werden.

Wenn wir die Ausbeutung der fossilen Brennstoffe der letzten 250 Jahre überblicken, wird deutlich, dass unser Recht keine Wahrnehmungs-Organe ausgebildet hat, um die heute offensichtlich werdende Ungerechtigkeit gegenüber folgenden Generationen wahrnehmen zu können. Wie sollen Rechtskategorien, die die Beziehung des Menschen zu seinen Naturgrundlagen nicht kennen diese Rechte berücksichtigen?

Es ist schon komisch, wenn unser modernes Nomadentum, das Urlaubsreisen wie Sommerweiden nutzt und maßlos einer unbegrenzten Mobilität huldigt, sich ähnlich verhält, wie Dschingis Khan und die Türken vor Wien. Nach dem Verständnis von Dschingis Khan stand ihm alles zur Verfügung, sofern er es mit seinen Pferden erobern konnte.

Aus heutiger Sicht ist deren Barbarei nichts gegen die Eroberungsmentalität der westlichen Zivilisation, die seit Ferdinand  Magellan den größten Teil der Erde und deren Ressourcen für sich beansprucht.

Fazit: Damit  die ökologische Kommunikation im Recht ankommt, müsste unser Recht völlig umgebaut werden. Es müssten sich grundlegende Werte des Rechtswesen ändern, um überhaupt ökologisch wirksam werden zu können. 

Ich bin kein Jurist, aber ich  vermute, dass Juristen darüber nachdenken.

Eines ist aber im historischen Rückblick festzustellen: Viele, wenn nicht die meisten emanzipatorischen Rechte, wie Auflösung der Sklaverei und nahezu alle Gleichheitsrechte, die von den bürgerlichen Parteien erkämpft wurden, sind der ungezügelten Ausbeutung der Natur durch Maschinen, sowie unserer ungehemmten Konsumkultur geschuldet (2).

Wenn jemand heute, wie Minister Robert Habeck (3), darauf verweist, es käme gerade angesichts des Klimawandels auf bürgerliche Werte wie Freiheit und Gleichheit an, so ist das ein Beispiel für eine zeitgemäße „Dialektik der Aufklärung“, in Luhmanns Sprache, für deren Paradox: 

Die Realisierung humanistischer Werte ist der Ausbeutung der Erde geschuldet. Denen, die diese Rechte forderten, waren die erdgeschichtlichen Zusammenhänge invisibel: „Humane Werte kommen dem Menschen zugute und sind ‚für sich‘ gut, daran kann doch nichts schlecht sein?“ (4)    

Umwelten 

Bei Luhmann kommen Umwelten in unterschiedlicher Begrifflichkeit vor: 

Soziale Systeme bilden die Umwelt sozialer Systeme. Im Gegensatz dazu steht die sogenannte „natürliche“ Umwelt, zu der wir als körperliche, verdauende, wahrnehmende, empfindende Menschen (die terrigena terrigenae) ebenso gehören, wie Bäume, Bakterien, Viren, Seemöven, Felsformationen, der Erdwärmehaushalt , der CO 2 – Haushalt, die Schwerkraft der Erde usw.(5)

Ob beide „Umwelten“ im gleichen Sinne Umwelten sind, ist fraglich. 

Soziale Systeme funktionieren über sprachliche Kommunikation und bauen über Markierung und Nicht-Markierung System und Umwelt auf.

„Natürliche Systeme“ hingegen wirken, bilden „Symbiosen“, deren Sprache die Wirkungszusammenhänge selbst sind.

Wirkungsweisen, die uns im Vollzug nicht sichtbar sind und auch für das Bewusstsein verdeckt ablaufen, funktionieren invisibel.

Die Metabolik, die Selbsterneuerung des Körpers und dessen Abwehrkräfte, sind im Vollzug nicht direkt zugänglich, außer sie kommen aus dem Gleichgewicht.

Die „natürliche Umwelt“ als Urbanität, Landschaft, Klima usw.vermengt sich in uns untrennbar mit einem Lebensgefühl (das auch oft als Sein bezeichnet wird), dessen geosozial kulturelle Besonderheiten von Geschichten durchzogen ist, die von Heimat, Jahreszeiten, Sprachgemeinschaften, Landschaften, Regionen, Provinzen, Städten, Milieus, Freundschaften, Generationen, von Berufen, Biographien und Familien handeln. 

Diese Lebensgefühl kann davon bestimmt sein, wie Geschichte vermittelt wird und welche Trends (wie „woke sein“) gerade „en vogue “ sind.

Innerhalb der Lebenserfahrung der Alltagswelt werden emotionale Rechtsgefühle, Medizinisches, Wissenswertes, Schönes, Ökonomisches usw. vermittelt und tradiert, die sich nicht in strenge binäre Codes fassen lassen.

Diese Lebensgefühlseinheiten gehören zu den Umwelten von Recht, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik usw. Sie bestehen aber aus einer eigenartigen Durchmischung, einem Konglomerat alter-tradierter wie neuer-modischer Auffassungen, die mit dem Begriff der Moral oder Ethik nicht erfasst werden können (6).

Diese alltagssprachlich „eigetrübten Umwelten“  haben mehr „sowohl als auch“, denn eindeutige Ja oder Nein-Alternativen, bzw. sie  maskieren sich mit alternativlosen Ja/ Nein -Lösungen. (7)

Ihre scheinbare Offenheit soll aber nicht über die Hartnäckigkeit hinwegtäuschen, mit der wir ihnen folgen, anhängen, anhaften, oft weit mehr als den Werten der Wissenschaften, der Medizin, des Rechts, der Wirtschaft, der Kunst oder der Politik. 

Metabolismus, Äquilibristik und….

In der Alltagssprache switchen wir blitzschnell von rechtlichen zu wirtschaftlichen und politischen Werten, so Luhmann, und gleichzeitig atmen wir, gleichen unseren Wärmehaushalt aus, transpirieren, halten den Muskeltonus, verdauen, gehen ohne  zu stolpern über Wurzeln, schauen in den Wald und in den Himmel, während wir reden.

Das Zusammenspiel all dieser so unterschiedlichen  „Einheiten“ funktioniert in uns verblüffend gut, ohne darüber nachzudenken. Wir nennen das Erfahrung und können annehmen, dass hierbei auch soziale Strukturen, Systeme, Gewohnheiten, Lebenshaltungen, Tabus, die dieses Funktionieren beeinflussen, steuern,  leiten, absichern. 

Dass das jene körperbezogenen Systeme etwas anderes leisten als die von Luhmann als Recht, Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst, Gesundheit, Bildung, Liebe… definierten Systeme ist anzunehmen. 

Die Bindekräfte des Ichs bzw. der Psyche und des Bewusstseins sind im Zusammenspiel der  „Erfahrungen“ begrenzt, das Soziale hat hier einen nicht zu unterschätzenden Anteil. 

Gesundheit, der Metabolismus, die vielen Wohl- und Unwohlseins, Fähigkeiten, Kompetenzen, Disziplinen, Bildungsniveaus, Kulturen, Alltagsrythmen, alle Formen der Äquilibristik und Homeostasen, die unterschiedlichen Stimmungen, Gefühlslagen, Wärme- Kälteempfindungen , PH- Werte, Hormonlagen ausgleichen, gehören zu diesen „strukturbildenden Maßnahmen“, die Ausgleich herstellen und uns Orientierung verschaffen.

An dieser Stelle lässt der Text viele systemtheoretische Fragen offen,

eines kann aber angenommen werden, dass diese Fähigkeit des Ausgleichens und Bindens, des Verbindens, des Collagierens, Komponierens und Kompensierens ebenso soziale Fähigkeiten sind, wie die Ja/Nein- Struktur des binären  Codes und dessen Programme.

Die Dichtung, der Gesang, die Musik, das Schauspiel, der Tanz, die Malerei, die Plastik und die Architektur schöpfen diese Erfahrungen essentiell aus. Erfahrungen, in denen sich jeder Mensch täglich bewährt (8), werden in den Künsten zu speziellen Disziplinen. 

Unterscheiden, differenzieren, markieren, das Paradox ?

Von diesen Fähigkeiten des Bindens, des Überbrückens aus – die sprachlich über Metonymie, über Metaphorik funktionieren – müssten die theoretischen Grundlagen der Systemtheorie wie „Unterscheiden „, „Markieren “ und „das Paradox“, noch einmal genauer beobachtet werden.

Der Ausgangspunkt allen theoretischen Tuns, das „Differenzieren“ und „Unterscheiden“ blendet deren Voraussetzungen aus, die Husserl als eine immer schon vorausgesetzte Einheit ansah, aus der alles, was unterschieden oder markiert werden kann, entnommen wird.

Mit Luhmanns Worten: Der unmarked space oder unmarked state war immer schon da.

Nochmal anders: Es kann keine Umwelt geben, die nicht immer schon Umwelt war.

Jede Umwelt, die von einem System erzeugt wird, wird von jener Umwelt, aus der sie hergeleitet und nicht vollständig integriert werden könnte, geblendet, überblendet, beschattet, getrübt. 

Die Christianisierung Europas ist für diesen „kolonialistischen Gestus“ ein ideales Beispiel: Der Heilige Romedius reitet auf einem Bären einer ursprünglich heidnische Gottheit. 

Ein kulturell gebildeter Gerechtigkeitssinn überschattet Teile jener Umwelt, die das moderne Recht schafft und dieses sollte jene kulturell gewachsenen Gefühlslagen berücksichtigen. Es kann keine vollständige Rückkoppelung von Geschriebenem, von praktiziertem Gesetz und dem Rechtsempfinden (das von all seinen Trübungen gereinigt Ethik genannt wird) der Menschen geben (9).

Das „Wahr“  der Wissenschaft im Sinne der Systemtheorie wird auch auf das Wahre der Religionen und auf das Wahre von Erfahrungen ( z.B. in der Medizin ) bezogen sein, die jene Umwelten, die als Wissenschaften gelten, eintrüben (10). 

Nur am Rande: In alle Umwelten sozialer Systeme sind  auch die extremen seelischen und körperlichen Belastungen des Menschen in der modernen Arbeitswelt eingeblendet, verstärkt durch den sich parallel entwickelnden Freizeitstress.

Hierzu gehören auch jene Reisenden, die über 100 Millionen Menschen, die als Flüchtlinge nicht verreisen, weil sie es sich verdient haben, sondern weil sie dort, wo sie lebten, nichts verdienen können.

Invisibilisierung

Es zeigt das Paradox und dessen Invisibilisierung noch  andere Aspekte.

Die Großereignisse für Invisibilisierungen sind Corona und der Krieg in der Ukraine. Ersteres zeigt, was geschieht, wenn ein Teilsystem der Gesellschaft, die Biomedizin, die Herrschaft übernimmt und die Gesellschaft über Zersplitterung und Isolierung in einen verordneten Tiefschlaf versetzt, um den Wahr- Unwahrcode durchzusetzen. 

Das Gleichen im Gleichen – die Charakteristik des Paradox – gibt es in der alltäglichen Wirklichkeit äußerst selten in dieser reinen Form. Insofern müsste sie  nur selten verdeckt werden, trotzdem ist das Verdecken des Paradoxen – oder besser gesagt das Eintrüben (11) – Alltag?

Das empirische Erfahrungswissen der Medizin kollidiert unter Corona mit dem biochemischen Wissen der mRNA-Technik. Das Wissen der mRNA-Technik konnte nicht so  vermittelt werden wie es biochemisch entwickelt wurde. So wurden der „Impfung“ bald nach ihrer Einführung Eigenschaften angedichtet, ( z.B. Schutz vor Ansteckung), die bei traditionellen Impfungen sehr wohl vorhanden waren. Die Erfahrungen der klassischen Impfungen wurden einfach auf die neue Technik übertragen und die gesetzlichen Massnahmen entsprechend angepasst. 

Die Behauptung „die mRNA Impfung schütze vor Ansteckung“ ist ein hervorragendes Beispiel der Invisibilierung eines Widerspruchs.

An diesem Beispiel wird deutlich, wie sich das zu Unterscheidende in das Unterschiedene verschleiernd einmischt. Obwohl verschieden, schiebt sich das eine trübend über das andere.  

Das zeitliche Nacheinander von Unterschiedenem (mRNA- Impfung)  und dem, wovon es sich unterscheidet, ( traditionelle Impfung) wirkt wie eine Unterlage, die darüber gelegt wurde. Was Davor oder Dahinter ist, ist in der Folge nicht mehr zuordenbar (12).

Invisibilisierung ist eine von Luhmann gut gesetzte Bezeichnung für ein  Phänomen, das die Bildende Kunst seit langem kennt. Es wird auf etwas gezeigt, um etwas nicht zu zeigen (Ikonoklasmus), etwas wird verhüllt, um das Verhüllte hervorzuheben ( Christo und Jeanne-Claude), Lichteffekte werden erzeugt, die in der Realität gar nicht vorkommen ( Impressionismus), Farben werden verwendet, die in der Natur nicht vorkommen ( Expressionismus), Dunkelheit wird eingesetzt, um das Wirklichkeit Schaffende  des Lichtes zu verdeutlichen ( Stilllebenmalerei 17. Jhdts.), Architektur schafft Glashaus-Sphären als künstliche Wohlfühl-Oasen, die ein Leben nach der Klimakatastrophe suggerieren, in der wir nicht mehr leben werden.

Das Paradox des Krieges und seine Invisibilisierung 

Ein gigantisch boshaftes Ballett mit wechselseitigen Verschränkungen von Paradox und Invisibilisierung führt uns der Krieg inmitten Europas vor. 

Um einiges anzudeuten:

Kriege werden geführt, da es in Staaten einen militärisch industriellen Komplex gibt, der Kriege braucht, um diese Systeme innerlich zu erneuern, um sie auf ihre Tauglichkeit hin zu überprüfen. Dieser industrielle Komplex mit seinen in den Gesellschaftskörper eingreifenden Infrastrukturen ( zu denen ebenso Medien, Lebensmittelerzeugung, Hospitale und Freizeit -Anlagen für Kinder und Senioren gehören) , braucht aber auch das Ende des Krieges, um nicht an sich selbst zu ersticken. 

Für autoritär geführte Länder ist der Krieg ein willkommenes Mittel, um in deren Wirtschaft und Politik Bewegung zu bringen. Wirtschaftssanktionen sollen Länder wie Russland schädigen, das Gegenteil ist der Fall, denn damit werden sie motiviert, kreativ zu reagieren. 

Kriege sind in einer verdeckten Weise darauf zurückzuführen, dass fossiler Brennstoffe territorial begrenzt vorhanden sind. ( Syrien, Libyen, Iran, Irak..) 

Die Preis-Erhöhung und die Inflation im Zuge des Ukrainekrieges und der folgenden Energiekrise im Westen bieten willkommene Verschleierungen der Finanzkrisen träger westlicher Demokratien. 

Preiserhöhungen ( z.B. Benzinpreise und Lebensmittel),   wie wir sie im letzten Jahr in Europa erlebten, wären außerhalb von Katastrophenszenarien in diesen Dimensionen „demokratisch“ nie akzeptiert worden.  

Es ist zu vermuten, dass Inflation sowie Preissteigerungen helfen, die überhöhten Staatsschulden abzuschmelzen. Und ich denke, es könnte leicht nachgewiesen werden, dass der Überhang an Finanzkapital ( der 2018 noch das Zehnfache des Wirtschaftskapital betrug) durch die Folgen von Corona und dem Ukrainekrieg abgebaut werden konnte.  

GL

(1) Kolonialismusstudien müssten hierzu Reichliches zutage fördern, beginnend bei den Indigenen Nordamerikas, deren Rechtsverständnis als Nomaden quer zum Römischen Recht der Einwanderer steht, das sich am  Eigentum an Grund und Boden orientiert.

(2) siehe: „Die Reue des Prometheus. Von der Gabe des Feuers zur globalen Brandstiftung“ Publikation  (edition suhrkamp) von Peter Sloterdijk.

(3) Feuilleton FAZ „Unsere ungekochte Zeit“ Montag, 12. Juni 202. Rede von Robert Habeck zur Verleihung des Ludwig -Börne -Preises

(4) Ähnliches geschieht mit vielen Luhmannanhängern ( D. Baecker und andere), denen die „Laws of Form“ von Spencer Brown jene Einsichten  verdeckt, die Luhmann daraus zog und die jenseits von Logik auf Paradoxien hinweisen. 

(5) Luhmann führt hier den technisierenden Begriff der Koppelung ein, der schon von der Wortwahl her unsere Aufmerksamkeit in ein völlig falsche Richtung lenkt und hochkomplexe Wechselwirkungen wie den Metabolismus des Menschen und der Erde nicht erfassen kann.

(6) Die Zahl der Wechselwähler und politischen Sammelbecken wie die AFD in der BRD und die Freiheitlichen in Österreich zeigen die Dimensionen auf,  die von diesen „konglomeraten Umwelten“ geschaffen werden.  

(7) Gelegentlich überfällt einem die Ahnung, ob die binären Codes als Sinnhorizont, nicht nur einer sauberen Lösung innerhalb der Systemtheorie geschuldet sind und sie in der sozialen Realität eine ähnliche Funktin haben wie die Königin in Konstitutionellen Monarchien. Gerade in der Wissenschaft ersetzen repräsentative Werte wie Anerkennungen, Reputation die an wahr oder unwahr gemessenen Werte? 

(8) Das besagt der Satz: „Jeder  Mensch ein Künstler“

(9) Besonders deutlich wird es, wenn dieses Rechtsgefühl durch religiöse Vorstellungen bestimmt wird, z.B durch den Katholizismus, den Islam, die jüdisch- orthodoxe Tradition usw.

(10) In  Deutschland z.B. wird dem Heilpraktiker eine Ausübung (Bestallung) erlaubt. Diese ist der Differenz von Schulmedizin und medizinischem Erfahrungswissen geschuldet. Die unterschiedlichen Schulen der Medizin spiegeln wider, dass sie selbst selbst eine Erfahrungswissenschaft ist und nicht eine reine Naturwissenschaft.

(11) Nicht Dasselbe verdeckt Dasselbe, sondern etwas, gleichen Ursprungs trübt das sich davon Unterschiedene ein – z.B. Rechtsempfinden durchzieht Recht. Anders gesagt: Die  soziale Wirklichkeit kümmert sich nicht um Logiken eines Spencer Braun.

(12) Ein Maler arbeitet fast nur mit solchen Effekten, um bestimmte farbige Effekte zu erreichen, muss ein Rot unterlegt werden. Eine graue Umgebung hebt Blau oder Orange hervor, ein Schwarz unterlegt lässt deckende Farben aufleuchten….… 

Umgebungen: Beobachtet mit der Theorie sozialer Systeme 

Ökologische Kommunikation: aussichtslos!?

„Münchhausen im Sumpf“ (1) 

Günter Lierschof

Die Wärme umgibt mich, lässt mich schwitzen, das Hemd klebt an meiner Haut. Die Schuhsohlen sind so dünn, dass ich jeden Stein, jede Wurzel und die weiche Grasnarbe spüre. Es beginnt zu regnen, brauche ich einen Hut, einen Schirm, einen Unterstand? Die Nachbarn waren wieder einmal sehr laut gestern nachts. Auf der Nordkette über Innsbruck liegt noch Schnee, während wir hier unten in Hemdsärmeln herumlaufen. Ukrainerinnen werden am Arbeitsmarkt in Österreich schneller vermittelt, berichten die Nachrichten….. Irgendwo im Osten gibt es einen Krieg, der uns sehr nahe ist, und wieder hat man in China eine neue Virusvariante entdeckt, die uns gefährlich werden könnte….

So viele reale wie mögliche Welten gibt es,

die uns umgeben und die unser Ich (2) zu einem einheitlichen Lebensgefühl zu einen sucht.

In der funktional differenzierten modernen Welt scheint es unmöglich, eine Einheit der Umwelten der sozialen Systeme herzustellen, da es dort nur unterschiedlich gefärbte Umwelten gibt. Jedes System versteht sich als Teil eines Ganzen, den es nur selbst einschätzen kann und von dem es weiß, dass es vom Ganzen abhängig ist, es aber die wechselseitige Abhängigkeit nie ganz einschätzen und überblicken wird.

Der sozial differenzierten Welt fehlt das verbindliche ICH, das in der Moderne weder durch ein großes Kollektiv noch gegenwärtig durch eine uns gegenüberstehende gefährdete Natur (Gaia) ersetzt werden kann. 

Da es im Sozialen eine äußere Instanz wie das ICH nicht gibt, entstehen in der Moderne unzählige Paradoxa, das heißt Unterscheidungen, in denen das zu Unterscheidende im Unterschiedenen enthalten ist. (3) 

Um diese Absurditäten nicht zeigen zu müssen, werden diese Paradoxa verschleiert, invisibilisiert wie Luhmann das nennt.

Ersetzt werden wollte dieses fehlende Ganze immer wieder. Zur Zeit ist die Ökologie eine der großen Hoffnungsträger, dass wir „in einer heilen Natur auch wieder unser Heil“ finden werden. Wir sehen an der Wortwahl, in welche Nähe die Ökologiebewegung unweigerlich gerät. (4)

Wenn wir sehen, wie die Gaia aus den Fugen gerät und wir unbedingt meinen handeln  zu müssen, so kommen Strategien, Techniken und Programme aus dem Untergrund an die Oberfläche, die immer schon eingesetzt wurden, wenn eine Ganzheit erzwungen werden sollte z.B.  die Ganzheit des Volkskörpers, des Sozialismus oder des Verlorenen Gottes ( Nietzsche) 

  1. Luhmann in „ Ökologie der Gesellschaft“ S. 104  Kap. „Wissenschaft“
  2. Das ICH selbst ist schon, sobald es auf mich angewandt wird, eine paradoxe Konstruktion, da das zu Unterscheidende im Unterschiedenen schon vorkommt, d.h., im „Mich“ macht sich das „Ich“ unsichtbar .
  3. Dadaismus und Fluxus wussten um diese Absurditäten und führten sie einer Welt vor, die in ihrer Selbstzufriedenheit geradezu erstickte.
  4. Das Wort „ökologischer Faschismus“ ist nicht nur eine Reminiszenz, mit dem ein Randphänomen der Ökologiebewegung bezeichnet wird, sondern fasst den Kern der Problematik der Ökologiebewegung ins Auge.            Herbert Gruhl ( Mitbegründer der Grünen) „Der Planet wird geplündert“ 1975 behandelt Themen wie Überbevölkerung, Völkerwanderung durch Umweltschäden, in der  Folge Überfremdung usw.   

Ökologische Krise

Angesichts der ökologischen Krise verwandelt sich die optimistisch utopische Sichtweise der Systemtheorie, die eine unsichtbare Hand annimmt, um die Kommunikation der Systeme untereinander zu regeln, in einen dystopischen Bremsklotz. Der Widerstand zeigt auf, wo die Schwierigkeiten liegen, die zu überwinden wären, sollten die Systeme anderen, nämlich ökologischen Wertvorstellungen folgen, und nicht nur den binären Codes der einzelnen Systeme, die jeweils eigene Werte anvisieren: Wahrheit, Zahlbarkeit, Recht ..und das noch mit dem jeweiligen Gegenteil bepackt?

Die binären Codes und die durch diese in den Systemen auftretenden Antinomien und Paradoxien sowie deren Verschleierungen, Invisibilisierungen erzeugen all jene Fallen, in die man tappen muss, wenn Umweltfragen wie die Knappheit der Ressourcen, die Erderwärmung, der Co2 Anstieg, das Artensterben usw. kommuniziert werden wollen.

Oder anders ausgedrückt: die Freiheiten, die die ausdifferenziert funktionale Welt trägt, wehrt sich mit Händen und Füssen gegen jene höhere Einheit, die uns als funktionierende Natur vorgeführt wird, die von unserer modernen Zivilisation zerstört worden sei.

Von einer Natur, von der keiner weiß, wie sie wirklich funktioniert? 

Von der wir aber jetzt – faktenbelegt  – wissen, dass sie aus den Fugen geraten ist?

Die Freiheit wehrt sich gegen die Freiheit, die ihr genommen werden soll, die nur erhalten werden kann, wenn sie beschränkt wird. 

All das klingt paradox und ist es auch, doch es beschreibt die Situation, wie sie ist! 

Die „Kommunikation au trottoir“ 

oder von Luhmann etwas abwertend Alltagskommunikation genannt, kann aus seiner Sicht zur Lösung wenig beitragen.

Er traut der Sprache außerhalb sozialer Systeme wenig zu, wenn nicht nichts, 

obwohl seine Theorie gerade auf Fähigkeiten dieser Alltags-Sprache aufbaut, z.B. auf die der Ja/Nein-Möglichkeit, die aus der Alltagssprache stammt.

Eine wenig beachtete (5), systemtheoretisch aber schlüssige Alternative, die direkte Demokratie und deren Möglichkeiten werde ich unten konkret beleuchten.

In der modernen, funktional differenzierten Gesellschaft werden mehrere Umwelten erzeugt, die jeweils verschiedene Bilder ihrer Umwelt zeichnen.

Die Systeme stimmen sich aufeinander ab, binden sich „symbiotisch“, soweit dies für das jeweilige System notwendig und möglich ist. Unstimmigkeiten zwischen sich und seiner Umwelt(en) erfährt ein System nur durch eine Art Rauschen, das Luhmann, um die Irritation durch die Natur speziell zu kennzeichnen, Resonanz ( die nicht Räsonanz werden sollte) nennt. 

Luhmann führt vor, welche Schwierigkeiten einer Ökologie in den Systemen Recht, Wirtschaft, Politik, Bildung, Wissenschaft im Wege stehen, indem er aufzeigt, wie Resonanz in diesen entsteht und wie diese auf diese Resonanz reagieren können.

Zusammenfassend sieht die Bilanz katastrophal aus: Es gibt mehr Widerstände, mehr Taubheit, mehr Gefährdung in den Systemen als er Positives berichten könnte.(5)

Wenn z.B. Wirtschaft, Recht und Politik zusammenwirken und Umwelt-Normen entwickeln, oder bestimmte favorisierte Energieformen finanziell fördern, beschränken sie eher die Möglichkeiten von Wirtschaft und Recht. Sogar  das Gegenteil des gewünschten ökologischen Effektes könnte eintreffen, so Luhmann.

Was Luhmann da 1984 beschrieben hat, kann in der Gegenwart nur bestätigen werden.

Wir erleben heute einen ( durch Pandemie, Kriegen und Energiekrise hervorgerufenen ) Staatsdirigismus, der absehbar wirtschaftliche und ökologische Negativfolgen, (ob bei Windmühlenparks, Batterieautos, Solarweiden, fracking gas, Wärmepumpen, grüner Atomkraft usw.) zeigen wird..

Die Kacke ist so richtig am Dampfen, wenn ökologischen Kommunikation auf das differenziert funktionale System trifft.

(5) Krass gesprochen: Die Kommunikation ist, um zu funktionieren, so mit sich selbst beschäftigt, dass sie sich um das, wofür sie da ist – die Welt zu erfassen und zu gestalten – wenig kümmern kann.

Direkte Demokratie 

Strategie und Expertise der Alltagssprache 

Eine von Luhmann und der Systemtheorie in der Folge wenig beachtete und unterschätzte Möglichkeit zur Weiterentwicklung der modernen ausdifferenzierten Welt, bietet die direkte Demokratie, der Joseph Beuys eine bedeutende Zukunft zuschrieb.  

Systemtheoretisch ist die Direkte Demokratie eine sich neuen kommunikativen Möglichkeiten  öffnendes Programm des politischen Systems, das Macht / Nicht-Macht verteilt. 

Innerhalb der Politik schränkt sie die Kompetenz indirekter Demokratie ein bzw. ergänzt deren Aufgabe, Gesetze zu erlassen. 

Was gerade bei ökologischen Fragestellungen, wo die Realisierung der Gesetze das Leben der Menschen beschränken kann, von großem Vorteil ist: Da ein Großteil der Bevölkerung – es kommt auf die Wahlbeteiligung an – hinter den Gesetzen steht, was für die Durchsetzung an Ökologie orientierter Gesetze von nicht zu unterschätzendem Vorteil sein kann. 

Verfahren als Programm

Eine ausgereifte Form der Direkten Demokratie, wie sie beispielhaft in der Schweiz praktiziert wird, erfordert ein zeitlich längerfristig strukturiertes Verfahren zur Meinungsbildungen, eine finanziell gleichwertige Verteilung der Mittel auf beide Wahlmöglichkeiten und eine klare Ausformulierung der zur Diskussion stehenden Frage, die eine eindeutige Ja- oder Nein- Beantwortung möglich machen soll.

Auch das direkte demokratische Verfahren braucht Experten, die beide Antwortseiten bedienen, die gefordert sind, hochkomplexe Zusammenhänge auf eine Ja/ Nein Frage alltagssprachlich zu reduzieren.

Beobachtet man im Vergleich zu direkt-demokratischen Verfahren, parlamentarische  Wahlen in vergleichbaren Zeiträumen in Deutschland oder in Österreich, so fällt auf: 

Bei der medialen Aufbereitung der Themen wurden bereits im Vorfeld brisante Themen ausgeschieden, z. B.  die Bedrohung für die Realwirtschaft, die vom Finanzkapitalmarkt ausging und in Fachkreisen ausführlich diskutiert wurde. 

Diese für Politik entscheidende Frage kam in den Parlamentswahlen nicht vor.

Wenn die Invisibilisierung( Luhmann) der Paradoxien so weit geht, dass in Kenntnis dieses Phänomens bedeutende Fragestellungen aus der Öffentlichkeit ausgeschlossen werden, ist die Grenze zwischen nötiger Invisibilisierung und bevormundender Verschleierung überschritten. Für die Bürger werden unüberwindliche Schwellen eingebaut, um Problemlagen überhaupt in Erfahrung zu bringen. 

Parteien –  im Zusammenspiel mit den Medien –  wissen immer schon, was dem Bürger zuzutrauen und was ihm nicht zuzutrauen ist. Wie sollen da komplizierteste Fragen – wie die der Ökologie – jemals angegangen werden können?

Ein Ergebnis fehlender direkt demokratischer Verfahren ist das Abspalten  kritischer Bevölkerungsteile in Alternativmedien, in Verschwörungstheorien. 

Weiters, die Überlastung zentraler und hierarchischer Strukturen der Politik, die zu einem Feuerwerk teils sinnloser,  kurzfristig gedachter Lösungen, wie Batterieautos, Windräder, Wärmepumpen, Solarfeldern und kaltem Duschen führen.  

Unwahrscheinlichkeit von Kunstwerken

 

Luhmann als Fischer im reißenden Wasser oder als Hopi-Priester eines Schlangenclans, das sind die Bilder, die dem Künstlers beim Lesen von „Kunst der Gesellschaft“ aufsteigen. Ein Werk, das schwer zu verstehen ist und uns auffordert, zusätzlich noch „Gesellschaft der Gesellschaft“zu lesen – ein zweibändiges Werk mit 1151 Seiten.

Von einem Künstler kann und soll nicht erwartet werden, dass er die Methoden der Wissenschaften beherrscht, aber immerhin geht es um Kunst, und da möchte er doch seine Beobachtungen mit einbringen.

Für die, die die Instrumente der Wissenschaften beherrschen, kann der Künstler seine Art, die Dinge zu sehen – auf eine lange Tradition zurückgehend – einbringen.  Mit seinem geschulten Blick für Bilder, Formen und Strukturen erkennt er vielleicht etwas, das dem Wissenschaftsinteresse entgeht.

Kunst der Gesellschaft S

im Schlangenclan

Seit langem folge ich den Spuren, die das Verständnis von MÖGLICHKEIT in Niklas Luhmanns Werken aufzeigt.

Auch wenn noch nicht von Systemen gesprochen wird – so fällt auf – wie Luhmann die Schlange „Möglichkeit“ immer wieder zu beherrschen sucht.

Es bietet sich an, ihm im überschaubaren Kapitel 4, „Funktion der Kunst und die Ausdifferenzierung des Kunstsystems“ Abschnitt II  aus KdG ( S 222 – 242) zu folgen, um zu beobachten, wie er die Schlangen zu zähmen versucht.

zur Schlangenzähmung

Luhmann geht hier auf ganz konkrete Operationen innerhalb der Kunst ein und fasst Möglichkeit 

einmal so:

„Die reale Welt ist nicht potentiell“, das heißt, in der realen Welt gibt es keine Möglichkeiten. (S 225 oben).

Er bestätigt dies, indem er behauptet:

„Sinn ist für Systemoperationen jeweils nur aktuell gegeben“ (S 224). 

Dann behauptet er aber: 

„Die Differenz von Aktualität und Potentialität (ist) die Einheit des Mediums Sinn“.

„Da aber eine Operation nur ein Ereignis ist, das wieder vergeht, sobald es produziert wird, muss jede sinngesteuerte Operation die Aktualität überschreiten in Richtung auf sonst noch Mögliches.“ (1)

Das hieße, Mögliches ist im Aktuellen vorhanden, aber:

Eingeschränkt durch das, was situativ sangbar ist, was verstehbar sein kann und alle anderen Beschränkungen durch die Erwartung der Erwartung (2), die das Soziale dem zu Sagenden auferlegen. 

Eingeschränkt durch strukturelle Möglichkeiten, wie Akustik, Klima, Sichtbarkeit, Schwerkraft usw.

Eingeschränkt durch die Entscheidung, dass in der Situation nur eine Option gewählt werden kann, die ihrerseits „nur durch Beiseiteschieben aller anderen Möglichkeiten erfolgen kann“ (S 225).

Eingeschränkt dadurch, dass eine Operation den Anschluss an weitere Operationen offen hält (ermöglicht), damit der Fluss des Sprechens am Laufen gehalten wird.

Einschränkungen wodurch noch…?

Der Begriff der Möglichkeit wird hier quantifizierend verwendet, aber bleibt immer noch sehr abstrakt. Möglich heißt, worauf das Mögliche keinen erweiternden Zugriff mehr hat. Später wird er es, das „nur Mögliche“ der Kunst nennen, das seine eigene Ordnung prägt. 

Es wäre möglich, ist es aber nicht, da physische, soziale und ästhetische Bedingungen den Möglichkeitshorizont einschränken und durch diese Bestimmtheiten werden weitere Möglichkeiten eröffnet. 

( Ist es noch sinnvoll, von Möglichkeiten zu sprechen, wenn diese unmöglich sind oder hält man damit die Variationen von Beschränkung und Erweiterung offen? Wäre es hier nicht sinnvoll, von Gegebenem, von Normen und im Gegensatz dazu, von Möglichkeiten, von Freiheiten zu sprechen ?)

Wikipedia: Uroboroi) ist ein bereits in der Ikonographie des Alten Ägyptens belegtes Bildsymbol[1] einer Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt und so mit ihrem Körper einen geschlossenen Kreis bildet. Sie wird auch als Schlange der Ewigkeit bezeichnet…( Könnte heute für MÖGLICHKEIT stehen = beigefügt von GL

Möglichkeit wird hier negativ gesetzt, da diese durch Beschränkung bestimmt ist. Nicht das Mögliche wird angesprochen, sondern das Nicht-Mögliche wird als möglich bezeichnet.

Weiter im Text:

Luhmann stellt die Vermutung an, Kunst würde das prinzipiell Inkommunikable der Wahrnehmung in den Kommunikationsvorgang mit einbeziehen, das sich im Verhältnis von „Überraschung und Wiedererkennen“ der Kunstbetrachtung beobachten lässt.

„Wahrnehmung“ ist nach seiner Auffassung ein rein innerpsychischer Vorgang, der sich der Kommunikation nicht direkt öffnet, sondern nur indirekt über Beschreibung oder eben über Kunst.

In der Kunst wird das, was in realen alltäglichen Operationen nicht möglich ist, da eingeschränkt, zur Voraussetzung für „Unwahrscheinliches“, das durch Kunst eröffnet werden kann. 

Es gibt sozusagen im Sozialen etwas, das das Mögliche so einschränkt, dass das Mögliche unwahrscheinlich werden kann?

„Unwahrscheinlich“ ist für Luhmann, dass es überhaupt zu Kunstwerken kommen kann. Treten diese trotz ihrer Unwahrscheinlichkeit auf, lösen sie beim Betrachter Überraschung aus. 

Verunmöglichung von Möglichkeiten ist die eine Seite von Möglichkeit. Das Unwahrscheinliche die andere, die sich weiteren Möglichkeiten eröffnende Seite des Möglichen.

Der Möglichkeitsbegriff kann an real stattfindende Vorgänge der Kunst gebunden werden, er ist damit eingeschränkt. Die Kunst und andere strukturelle Faktoren schränken ihn ein, was auch als etwas Eröffnendes angesehen werden kann. Kunst ist Unwahrscheinlich, so Niklas Luhmann (S 238).

Luhmann schreibt der Kunst die Fähigkeit zu 

Fiktionen 

schaffen zu können. Fiktionen sind Möglichkeiten, in reale Formen, in Erzählungen und in Bilder gebracht, sie fordern damit den Realitätsbegriff heraus und bereichern diese. 

Die Fiktion ermöglicht die Existenz der Realität, indem sie ihr ein Gegenüber bietet, an dem sie sich spiegeln und aufrichten kann. Die Kunst kann ihrerseits die Unterscheidung Fiktion / Realität als Problematisierung in ihre Werke einbringen, was auch reiflich genutzt wird.

Mit Fiktionalität wird der Möglichkeitsbegriff in einem für Luhmann typischen Zweiseiten-Modell (positiv) gefasst. 

Im Gegenüber von Realität und Fiktion werden neue Möglichkeiten des Dissens wie des Konsens eröffnet. Der Text oder das Bild kann auch genossen werden, was wiederum beschrieben werden kann und Weiteres ermöglicht.

Kunst kann – ähnlich wie die Sprache und die Religion – die Realität verdoppeln. Über Wahrnehmung, ihrer Präsenz als Ding in der Welt, bedarf Kunst keiner Begründung für ihr Dasein. Sie ist da und spottet so aller Begründungsversuche der Wissenschaften. 

Kunst kann wohl interpretiert werden, aber ihr Dasein braucht sie nicht zu begründen. Nicht einmal schlechte oder fragwürdige Kunst bzw. Kitsch müssen ihr Dasein begründen. 

Durch die Aufspaltung der Welt – Luhmann nennt das Bifurkation – z.B. durch die Sprache, die zu allem ein Ja oder Nein zur Verfügung stellt, entstehen wiederum viele, ja unendliche Möglichkeiten, die Welt zu beobachten.

Hier spricht er von Möglichkeiten im positiven Sinn, da er angibt, woraus diese Möglichkeiten erwachsen, nämlich aus der Bifurkation der Sprache und nicht dadurch, dass Möglichkeiten eingeschränkt werden. Aber er liefert auch ein Off mit, da vorerst keine Beschränkung des Möglichen angegeben wird.

„Unwahrscheinlich“ ist nach Luhmann, dass Kunstwerke überhaupt auftreten. Auch hier orientiert er sich an einem Möglichkeitsbegriff mit zwei Seiten, etwas ist wahrscheinlich oder unwahrscheinlich.

Die eine Seite wird bestimmt durch eine Beschränkung der Möglichkeiten (die richtige Wahl der bildnerischen Mittel) , die andere durch eine unwahrscheinliche Öffnung, die aber nicht weiter bestimmt werden kann, außer die Eigenschaft ihrer Form kann angegeben werden.

Luhmann ist der Auffassung, dass die (Alltags-) Sprache nur bestimmte Möglichkeiten von Wirklichkeitssichten zulässt, die aber von Kunst überschritten, überboten werden kann. 

Er setzt Alltag bzw. ein allgemein gültiges Weltverständnis als stabil voraus.  

„Eine bestandsfähige Realität … (eine) ontologische Welt…, deren Invarianz vorausgesetzt ist“, bildet für ihn den Bestand. 

„Unwahrscheinlichkeit“, „ sinnstiftende Differenz von Aktualität und Potentialität“ setzen gleichzeitig eingeschränkte Möglichkeiten voraus und eröffnet damit  weitere Möglichkeiten (Freiheiten) wie Einschränkungen.

„Unwahrscheinlichkeit“ ist für sich gesetzt nichtssagend, solange sie nur in ein Off geht, wird dieses nicht in irgendeiner Weise charakterisiert.  

Luhmann füllt das Off der Möglichkeiten durch „Ordnung“, die die Kunst in das Unwahrscheinliche einbringt, indem sie „die Differenz zwischen dem Realen und dem bloß Möglichen verschärft, um dann mit einem eigenen Werk zu belegen, dass auch im Bereich des nur Möglichen Ordnung zu beobachten ist“.(S 236) 

aus Triptychon für die evangelische Kirche in Grainau 2019 „Flucht aus Ägypten“ GL

Kunst stellt der Welt eine (scheinbar ganzheitliche) Welt gegenüber, ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit außerhalb ihrer ästhetischen Ordnung. Sie stellt der Welt neben Religion und Wissenschaft „schöne“ Weltbilder zur Verfügung. (3) 

Indem Kunst sich an formaler Stimmigkeit orientiert, macht sie deutlich, dass es außerhalb der Ordnung der Sprache und der Dinge noch eine (mögliche) Ordnung gibt, die wir wohl wahrnehmen können, die aber „im (Augen)Schein“ verbleibt, im Anhören verklingt. 

Ihr Verbindliches ist eine Ordnung der Formen, die als „Vor-Bild“ für eine Ordnung des Unzugänglichen steht, des Unbezeichenbaren, der Natur jenseits der Naturgesetze, der stofflichen Welt, der Materie, der Farbe, des Tons, der Schwerkraft, der Rhythmen (4). 

So verbindet sich (moderne) Kunst, indem sie das unbekannt Offene in eine formal interessante Ordnung  bringt, wieder mit Religion und Wissenschaft, die auch für die Differenz von sichtbarer und nicht sichtbarer Welt, für die Differenz von Wissen und Nichtwissen verantwortlich zeichnet. 

Diese Schlangen sind giftig

„Es liegt nämlich schon ein Problem darin, sich überhaupt an Möglichkeiten zu orientieren, statt sich dem natural drift der Welt zu überlassen, wenn man doch weiß, dass die Welt so ist, wie sie ist, und nicht anders.“(S 239)

Ganz im Gegensatz zum bisherigen Text (in KdG), der weitgehend optional gedacht und geschrieben war, wird hier „die Feuergabe des Prometheus als Verstoß apostrophiert….., erst recht die tèchne der Griechen, die Schrankenlosigkeit des Strebens nach mehr Geld und schließlich die heutige Besessenheit nach technischen Innovationen“ als Hybris der Möglichkeiten angeprangert. 

Dem Entgegenwirken in der alten Welt mit einer Ethik der Justiz, mit Maßhalten und adeliger Distance stellt Luhmann das Risikobewusstsein heutiger Gesellschaften an die Seite. Mit moralischen Werten wurde, wird versucht,  dem Abgleiten ins Maßlose Abhilfe zu verschaffen. 

(Den Massnahmen der Risikogesellschaft widmet er keine weitere Aufmerksamkeit – was wir heute sehr wohl tun könnten.)

Die Kunst sucht für „dasselbe Problem eine andere Problemstellung„, so fährt Luhmann fort: 

„Sie stellt die Frage, ob nicht in der Sequenz von Operationen immer schon ein Trend zur „Morphogenese“ liegt und ob ein Beobachter überhaupt anders beobachten kann als in Hinblick auf Ordnung – auch und gerade beim Beobachten von Beobachtern.“(S 239)

Eine Seite davor bezeichnete er die gesellschaftliche Funktion von Kunst noch als „Nachweis von Ordnungszwängen im Bereich des nur Möglichen“, was dann schnell zum „Sinn des Passenden“, zur stimmigen Form, zum entsprechenden Gebrauch der bildnerischen Mittel, zur ästhetischen Ordnung auf der Innenseite der Kunst wird.

Kritische Anmerkung 

Die Charakterisierung der „Unwahrscheinlichkeit“ (S191) für Kunst gefällt dem Künstler überhaupt nicht, steht er doch auf der wahrscheinlichen Seite und liegt sein Streben eher darin, Unwahrscheinlichkeiten zu überwinden, um Mögliches möglich zu machen. Er versucht das „nur Mögliche“ sozialer Zwänge, physischer Gegebenheiten, aber auch die der ästhetischen Traditionen zu überwinden. 

Sofern ist die von Luhmann immer wieder getätigte Behauptung, seine Theorie schließe den Künstler wie den Betrachter mit ein, bei der These der Unwahrscheinlichkeit des Auftretens von Kunstwerken für den Künstler schwer nachvollziehbar. (5).

In den hier behandelten Seiten wirbt Luhmann auch darum, den Künstler mitfassen zu können, indem er nicht nur den Betrachter staunen lässt, sondern den Künstler seine Formkompositionen so anordnen lässt, dass ihn seine Kunst selbst ins Staunen versetzt. Eine schöne und sicher auch zutreffende Betrachtung, mit der aber nur ein Aspekt des Schaffensprozesses angesprochen ist.

Was soziologisch einen Sinn ergeben mag, ergibt als Selbstbeschreibung der Kunst weniger Sinn. „Unwahrscheinlichkeit“ bleibt ein Blick von außen, der innerhalb der Kunst nur sehr begrenzt anwendbar ist. 

Der Künstler ist selbst Teil des Schlangenclans und weiß, wie er die Schlange der gefährdenden Möglichkeiten bändigen kann. Das muss dann aber auch gelingen, es darf nicht Zufall, es darf kein „wahrscheinlich“ bleiben. Das Dasein ist zu streng, als dass Kunst ein unernstes Spiel sei.

(Ähnlich wie „Beobachtung der Beobachtung“ eine Außenbetrachtung bleiben kann, die, wird sie in die Kunst hineingetragen, Bilder erzeugt wie jene der Malerin Karin Kneffel, die im Franz Marc Museum in Kochel bis zum Oktober 2022 zu sehen sind. Sollte Luhmann diese Art der Beobachtung der Beobachtung gemeint haben, würde er die Kunst in eine Sackgasse führen. Zum Glück verwendet Luhmann eine so abstrakte Sprache, dass „Beobachtung der Beobachtung“  wie im Bild unten, auch, aber ebenso auch ganz andres gemeint sein kann. )

„Karin Kneffel“ / Franz Marc Museum Kochel / 29. Mai 2022 bis 03.10.2022.

Aus Sicht der Alltäglichkeit – 

die Luhmann als bestimmende gesamtgesellschaftliche Voraussetzung für alle weiteren Weltbezüge annimmt, mögen Kunstwerke als unwahrscheinlich gelten.

Der Künstler findet aber in der Alltagswelt unvorstellbare Absurditäten als Maßgabe des Normalen vor. 

Alle seine Anstrengungen, das reale Leben mit Fiktionen zu überbieten, werden geradezu lächerlich, schaut er auf die Unlogik, die Abstrusität, die Ungeheuerlichkeit, die das ganz normale Leben in Ausnahmezeiten bietet. 

Und ist der Ausnahmezustand nicht längst der Normalzustand – wie uns die Pandemie und der Krieg gerade zeigen?

 GL

(1) Martin Heidegger charakterisiert das Dasein in „Sein und Zeit“ als etwas, das sich immer schon selbst voraus oder aber noch hinter sich her ist.  

(2) Zum Beispiel, was von einem Künstler, Wissenschaftler oder Priester erwartet wird.

(3) spätestens hier wird deutlich, dass NLs Distanznahme zur Ontologie mehr Marktgeschrei ist, als dass er sich von ihr absetzen kann.

(4) Der Autor hat für die evangelische Kirche in Grainau 2019 das Triptychon „de docta ignorantia“ gemalt. Das hier sich noch in Arbeit befindliche Bild, 600/190, heißt „Flucht aus Ägypten“ und behandelt die Hybris der (auch medialen) Möglichkeiten und zähmt sie im Bild. Der Titel der Ausstellung wurde einem Buchtitel von Nikolaus von Kues entlehnt, den Niklas Luhmann zu Ende von Kapitel 4 von KdG auch zitiert.

(5) Prof. Dr. André Kieserling beginnt seine Einführungen in das Denken Luhmanns gelegentlich mit dem Bild der Unwahrscheinlichkeit möglicher Handlung. „Stellen Sie sich vor, wie unwahrscheinlich es ist, was wir tun, wenn wir etwas tun.“ So verschroben versucht der Herr Professor Luhmanns Denken beispielhaft zu vermitteln

„Kunst der Gesellschaft“ – S 206 

Auch hier schaut der listenreiche Loki aus jeder Pore des Textes, der inmitten jenes Buches steht, in dem Niklas Luhmann die Schätze der Kunst für seine Systemtheorie zu verarbeiten sucht.

Was schreibt Luhmann hier? 

Er behauptet, dass Kunst, das sich selbst reflektierende Subjekt verstärkt ins Zentrum rückt, so dass dieser Reflexionsvorgang sich als eine operative Einheit isolieren lässt, ein abstrakter Beobachter eingeführt werden kann, der die Kunst von anderen Weltdingen unterscheidet und bezeichnet. Mit dieser Unterscheidung Kunst/Welt schafft Luhmann einen Raum für Selbst- und Fremdreferenz, die er das Medium der Kunst nennt, das unabhängig von den daran beteiligten Subjekten für sich betrachtet werden kann und sich selbst kommuniziert.

Diese geniale Leistung von Niklas Luhmann erlaubt uns den selbstbezüglichen Kreislauf einer Subjekt/Objekt-Betrachtung zu entkommen und „automatisiert“ operative Vorgänge im Kunstbereich als systemimmanente Phänomene zu betrachten. 

Luhmann kann sich hier auf existenzielle Künstler wie Samuel Beckett oder Sartre berufen, auf Ansätze der Minimal Art, auf Popkunst, auf Aspekte von Dada und Neodada, auf realistische Tendenzen im Film, auf phantastische Kunstformen, die weit über Kunst hinaus Popularität (1) erlangt haben.

Den in meinen früheren Texten in #luhmannsschwarzehefte ausführlich behandelte Verlust, der mit dieser Reduktion einhergeht, möchte ich hier nur kurz andeutet. 

Wie kommt Luhmann dazu, die Kunst als ein geschlossenes System von den realen Vorgängen der Kunst (wie Kunst-machen, -auszustellen, -betrachten) abzutrennen? 

Er kann das, indem er das Subjekt in der Kunst auf Beobachten, Bezeichnen, Unterscheiden reduziert. 

Diese, durch Reduktion geschaffene Einheit des Kunstsystems, dieses  „Sondersystem gesellschaftlicher Kommunikation“, nimmt 

– den Verlust der Stofflichkeit der Welt in Kauf 

– verliert den Bezug auf das seelisch- körperliche Verfasstsein der Kommunizierenden 

– kennt kein Leiden, kein Mitgefühl

– verliert die Naivität des unbedachten ersten Blicks, des unreflektierten Beginnens, wie des unbedachten Weiterstolperns 

– verstärkt begrifflich intellektuelle Spiegelfechtereien 

– setzt voraus, dass „Unterscheiden“ DAS Zentrum der geistig-seelischen Tätigkeiten des Subjektes sei 

– erhebt den distanziert abstrakt, beobachtenden, unbeteiligten Blick  

– schafft eine Metaebene nach der anderen –

– ist toxisch und verunsichernd für all diejenigen, die sich diesem „Weltbild“ aussetzen, wie Luhmann selbst eingestehen musste.

Luhmann wirkt mit diesem Schritt auch auf die Psyche zurück, da er unterstellt, diese muss immer eine Unterscheidung von Selbst- und Fremdreferenz vornehmen, bzw. er zwingt die Psyche über Kommunikation, diese Unterscheidung vorzunehmen. Kann sie das nicht, wird nichts kommuniziert, ist der logische Schluss aus diesem systemtheoretischen Denkansatz (2). 

„Das (Kunst) Medium aber ist die dem gesellschaftlichen Alltag abgetrotzte Unwahrscheinlichkeit des kombinatorischen Formgefüges der Kunst, die den Beobachter an den Beobachter verweist.“ NL

Schon an den Begriffen der Redundanz und der Konnotation wurde deutlich, dass Luhmann das Medium Kunst – in dem alle Künste vereinigt sein sollen – an der Alltagssprache orientiert. Kunst würde vom Überschuss der Sprachbedeutungen profitieren, der im Alltag nicht verwendet wird. Die Kunst könne diesen Überschuss ausschöpft, indem er ihn in Form bringt. 

An Stelle des Künstlers und Betrachters tritt der Beobachter, wodurch aber alle anderen sinngebenden Wahrnehmungsleistungen auf Beobachten reduziert bleiben.

Das Essentielle der Kunst, die Kunst als Selbstreflexion wäre ein Vorgang, in dem die Hüllen des Alltäglichen (die Interpretationshilfen) immer mehr abgelegt werden, um die Struktur der reinen Selbstreflexion zutage zu fördern. 

Diese Idee von Kunst, die etwas von einem Philosoph- und Religionsersatz an sich hat, steht im krassen Gegensatz zur Vorstellung einer Kunst, die das Künstliche immer mehr abzulegen sucht, um z.B. im Theater Szenen zu schaffen, die vom Alltag gerade nicht zu unterscheiden sind. 

Die Karikatur und Satire hat dies zum Ziel. Das Famose an einem Karl-Valentin-Stück (x) ist, dass es an die Satire des Alltags so weit als möglich heran kommt und sich nicht mehr davon unterscheidet.

Auch Dramen arbeiten daran, sich der unübertrefflichen Dramatik, die das Leben aufführt, anzunähern. 

Karl Valentin, DER ZUFALL

Luhmann führt „Unwahrscheinlichkeit“ als Maßstab für alle Künste ein, eine „Unwahrscheinlichkeit“, die sich an Möglichkeiten orientiert, von denen angenommen wird, sie stünden im Superkaufhaus der Möglichkeiten zur Verfügung, und der Künstler könnte sich daraus bedienen.

Dieses Denken eines Bibliothekars, Kurators oder Bankers ist dem Künstler völlig fremd, denn auch wenn angenommen werden kann, es gäbe optionale Möglichkeiten, (3) so ist die Orientierung, von der sich die Auswahl leiten lässt, das genaue Gegenteil von Optionalität. Für den Künstler gibt es nur eine mögliche Form, die er anvisiert.

(Möglichkeit selbst ist nicht etwas, das als Verfügbares vorausgesetzt werden kann. Möglichkeiten erschließen sich erst im Zuge des Anvisierens von Etwas und kann nicht als Da-Seiendes vorausgesetzt werden.)

So ist das Verständnis des Künstlers zur Alltagssprache nicht das der Denotation, sondern gerade im Alltag finden sich die konnotativen Möglichkeiten vor, mit denen er gestaltet.

Der Künstler sucht nicht einen Zusatz-Sinn, den er aus den Sprachmöglichkeiten auswählt, und damit das Alltägliche ins Sinnvolle erweitert. Er ist auf der Suche nach dem essentiellen Sinn der Worte, Sätze, Rhythmen usw.

„Unwahrscheinlichkeit“ ist ein Masstab für Spekulanten, für Werbespezialisten die um Aufmerksamkeit heischen, aber kein Maßstab der Künstler. 

„Unwahrscheinlichkeit“ sucht der „Agent Provocateur“, dem es ausschließlich um Provokation geht. Alle KünstlerInnen die provoziert haben, haben immer vehement bestritten, Kunst zu machen, um provozieren zu wollen.

„Unwahrscheinlichkeit“ verwechselt Optionalität mit Form-Gestaltung. In dieser gibt es nur eine Option, wenn das Wort Option überhaupt hierher gehört?

Kunst ist so radikal und diktatorisch wie Jonathan Meese sie uns karikierend vorführt!

„Unwahrscheinlichkeit“ ist eine Kategorie des Spielkasinos, wie der Wahrscheinlichkeitsrechner, die während Corona eine Hochblüte erlangte.

Komposition ist etwas völlig anderes als Kombinatorik. Gerade in der elektronischen Musik war das für einige eine schmerzliche Erkenntnis.

Wer Kombinatorik mit Komposition verwechselt, kann EIN Kunstwerk machen, aber meist kein zweites. So wie die Dadaisten nur einmal willkürlich Pfeile auf eine Landkarte warfen, um den Ort für ihr nächstes Treffen auszuwählen und Tarrenz in Tirol trafen, wo sie zusammenfanden. 

Der Effekt des Zufalls verbraucht sich, sobald der Sinnhorizont ihn verschluckt und in seine Beliebigkeit zurückgestuft hat.

Mit „Unwahrscheinlichkeit“ wird die Begründung des selbständigen Kunstsystems von NL zur Beliebigkeit. 

Die Kunst ist autonom, aber die Selbst und Fremdreferenz der Kunst wurde durch den konsequenten Schritt, mit dem Joseph Beuys den erweiterten Kunstbegriff in „die Soziale Plastik“ überführte, aufgelöst.

Wenn „jeder Mensch ein Künstler“ ist und das die Konsequenz der emergenten Kunstentwicklung sein soll, ist Kunst eine Art transformatorisches System, das sich, indem es – im Sozialen – wirkt, sich in ihm auflöst?

Wenn in der „Sozialen Skulptur“ noch von Kunst gesprochen werden kann, dann nur als etwas sich permanent Verflüchtigendes und Erneuerndes im Sozialen als Ganzes? 

Sollte es in der Sozialen Plastik noch Selbst- und Fremdreferenz geben, müsste diese dynamischer gedacht werden als bei Niklas Luhmann, der von einem autonomen Kunstsystem ausgeht, vergleichbar dem der Wissenschaft und des Rechts. 

Oder anders, wenn Recht ein System sein soll, kann Kunst (nach Beuys) keines sein, oder etwas so Verschiedenes, dass es nicht sinnvoll erscheint, beides mit demselben Wort zu fassen. 

GL 

(1)John Ronald Reuel Tolkien

(2) Im Mitempfinden mit einem anderen Menschen, in der Bewunderung der Arnika im Gebirge, des Pudels, der sich gelehrig zeigt, meines Freundes, mit dem ich gerne rede, der Freundin, mit der ich telefoniere, der mich wärmenden Landschaft, nach der ich mich sehne, dem Absatzes in einem Gedicht von Christine Lavant, all dem bin ich doch eher verbunden, als dass ich mich davon unterscheide? 

Sind das nicht Situationen, in denen es wohl eine Unterscheidung gibt, die aber weitgehend auf Verbindendes ausgerichtet ist?

Wahrscheinlich haben Luhmann deshalb Kunst und Liebe so angezogen, weil sie seine Systemtheorie zu sprengen schienen.

(3) Ähnlich wie bei Derivaten, einem Produkt des Geldwesens, das die Geldwirtschaft an den Rand des Abgrundes führte)