HAUPTSTADT DER PROVINZ 2.

GELITIN im Landesmuseum Ferdinandeum Innsbruck

Nachdem ich fälschlicher Weise das „Riesenrundgemälde“ von Stefan Marx im obersten Stock des Landesmuseum GELITIN zugeschrieben hatte, könnte ich auch den RLB Kunstpreis für Oliver Laric der Künstlergruppe zurechnen, denn all das scheint auf dasselbe, auf den Ausverkauf von Kultur hinauszulaufen.

Als nächster logische Schritt des Museums könnten Souvenirs angeboten werden, wie den Wackeldackel, Folkloregürtel, Edelweißschmuck, Wandersocken und die Nachgüsse von  Venus und Adonis, wie sie in den Vorgarten prächtig renovierter Villen von Siegfried Genz im Stadtteil Saggen in Innsbruck zu bewundern sind. 

Was sind Oliver Larics Skulpturen anderes, als die zeitgemäß digital designte 3D-Druckversion klassizistischer Großsouvenire, nur der Wackeldackeleffekt fehlt neben den Matt-Glanz-Locheffekten. 

Spott beiseite, 

allein diese Aufmerksamkeit, die Aufregung hinter der Fassade des Museums und seines Trägervereins, sowie die Aussagen unzähliger Kunstinteressierter, die meinten, „so etwas schauen sie sich nicht an“, und die vielen moralischen Entrüstungen, die privat geäußert wurden, machen deutlich, dass Innsbruck „die Hauptstadt der Provinz“, der Inszenierungen von GELITIN dringend bedarf.

Nicht zu vergessen ist, wir haben es bei den Mitgliedern der Gruppe mit Menschen zu tun, die solche „Schweinereien“ nicht machen, weil sie besonderes Vergnügen daran finden –  in den Videos ist dies deutlich zu spüren –  sondern, weil sie wie SchauspielerInnen das auf sich nehmen, da es gefragt ist und sie der Auffassung sind, dass es notwendig sei, diesen Wahnsinn einer uns penetrierenden, alle Werte entwertenden Welt, darzustellen.

Der Künstler, die Künstlerin als Leidende, eine spezielle Fähigkeit katholisch geprägter ÖsterreicherInnen – insofern gehört auch Abramovic zu Österreich – aus der  KünstlerInnen in unserem Heimatland ihre Berechtigung ableiten. 

Gerade GELITIN ist für dies österreichische Variante der Performancekunst ein gutes Beispiel, so zeigt sich auch  ein zentrales Defizite dieser Ausstellung.

Denn Leiden kann und braucht sich nicht begründen und kann als solches – wie der Kreuzestod Christi – nicht ignoriert werden. Es bedarf keiner Begründung, das Leiden begründet sich aus sich selbst, wie uns der Existenzialismus lehrte.

Die moderne und nachmoderne Kunst ist mit Aktionen  angetreten, deren Provokation das Sprechen über Themen anregen sollte, die sonst unter den Teppich gekehrt werden ( zB. Herman Nitsch: „Die Entwicklung der Opferkultur vom Schlachtopfer zum symbolischen Opfer der Katholischen Kirche“).

Wir beobachten in Innsbruck, wie in den Hinterzimmern geraunt, geschimpft, angeklagt und intrigiert wird, öffentlich wagt sich niemand aus der Reserve, man könnte ja als zu moralisch, zu prüde, als unaufgeklärt angesehen werden…..

Und die Mitglieder der Gruppe? Stellen sie sich der Diskussion, haben sie die Diskurs in ihr Konzept eingebaut? ( abgesehen von der Teppichpostkarte für „unter  den Teppich gekehrtes“) 

Seit den 70er Jahren ist der Diskurs integrierter Teil jedes qualifizierten Kunstprojektes. 

Die Schwierigkeit bei dieser Ausstellung ist die öffentliche Verhandlung von Themen (wie Geschichte, Tradition, Glaube, Sexualität…) die extrem tabuisiert sind.  

Haben wir dafür eine Sprache gefunden, mit der wir so agieren können, dass die notwendigen Tabugrenzen im Sprechen eingehalten werden, deren das öffentlichen Gespräch bedarf? Ein Bild, ein Film kann diese Grenzen überschreiten im Sprechen können wir abwägen wo und wie wir diese Grenzen berühren.

Der Sprachlosigkeit des Leidens kommen wir aber schwer aus, dazu bedarf es einer eigenen „Sozialen Kunst“ …… was wir diesbezüglich an Sprache vorfinden, von Freud bis Lacan ist erweiterbar……

vielleicht mit Dichtung, mit Musik?  

GL

Veröffentlicht von glierschofat

ein Zeichner, der gerne überzeichnet Vorsicht kann zur Satire gerinnen war Schüler und Mitarbeiter von Joseph Beuys & Bazon Brock

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