Die ÖKOLOGIE der Systeme

Beuys / Luhmann 5

„durch Luhmann – darüber hinaus“

Innstallation“ Das Rudel“ von Joseph Beuys , Neue Galerie Kassel

In der Fortführung des ungehörigen Vergleichs Beuys / Luhmann (1) rücken immer stärker ihre unterschiedlichen Denkweisen in den Vordergrund, denen wir noch einmal unsere Aufmerksamkeit widmen wollen. 

Interessant ist es, wenn man bei der Charakterisierung des Unterschieds auf die eine oder andere Denk- bzw. Sprechweise zurückgreift. So stellt sich der Unterschied einmal systemisch, einmal analog dar.

Analoges Denken 

ist uns nicht mehr so geläufig, auch wenn es jenes Denken ist, mit dem unsere Alltagssprache gesättigt und durchtränkt ist, und mit der Nennung jedes Narrativs immer wieder erneuert wird.

Vergleiche, bildhafte Annäherungen, gleitende Bedeutungen, Zwei- und Mehrdeutigkeiten sind analoge Denkfiguren, für welche die Rhetorik Begriffe wie Metonym, Metapher, Synekdoche zur Verfügung stellt. 

( Im erotischen Geplänkel der Geschlechter können wir ungewollt zu MeisterInnen analoger Schlüpfrigkeiten werden und im Fettnäpfchen landen.)

Narrative arbeiten mit analogem Denken und bauen es in Großerzählungen ein, wie wir sie aus den Religionen und Ideologien ( Kommunismus, Kapitalismus, Liberalismus, Humanismus…) kennen. 

Analogien, die kleinen Schwestern der Narrative, finden hingegen ihre Brücken schon in Lautähnlichkeiten von Wörtern, über die der Sinn gleitet. Analogien haben immer auch etwas von Selbstsuggestion und Spiegelfechterei.

Niklas Luhmann setzt sich mit der Systemtheorie vom analogen Denken der Organtheorien ab, die den Bau des menschlichen Körpers mit dem Bau der Gesellschaft vergleichen und setzt sich damit vom Humanismus ab, für den der Mensch Teil der Gesellschaft ist (2).

Den Menschen von Gesellschaft abzutrennen erschien ihm notwendig, um das Soziale für sich zu fassen, um der Ineinader-Verschlingung von anthropologischer Annahme und sozialer Konditionierung zu entgehen.

Wenn Joseph Beuys seine „Theorie“ ausbreitet, die in ihrer textliche Ausformung (3), mit Rudolf Steiners Idee nahezu identisch ist, bedient sich diese eines analogen Denkens und zieht z.B. den Körper als bildlichen Vergleich für den Bau des Sozialen heran.

Dem Bildhauer steht der „Kopf“ für das Denken, der „Brustkorb“ für Empfindung, und die „Gliedmaßen“ symbolisieren das Wollen.

Dieser symbolische Körper wird dann analog zu Wissenschaft (Denken) Kunst (Fühlen) und Wirtschaft (Wollen) gesetzt.

aus Gespräch mit Hagen 1972 Schirmer Verlag Köln

(Nach meiner Zuschreibung geht es hier um den Willen und sein Verhältnis zum Magnetismus der Erde, dieser taucht auch bei der Aktion „wie man dem Hasen die Bilder erklärt“ in Form von Metall-Schiern auf, die an den Schuhen befestigt waren)

Hier scheinen die Denkweisen weit auseinander zu liegen und Aussagen von Luhmann folgend, müssten wir die Beuyssche Art des Denkens in die „Alteuropäische Tradition“ abschieben, deren Kraft nach Luhmann längst aufgebraucht ist. 

Luhmann behauptet, mit der Systemtheorie sei ein grundlegender Paradigmenwechsel erfolgt, indem der Mensch nicht mehr Teil des Sozialen ist, sondern zu dessen Umwelt gehört. 

Die vorerst eigenartig anmutende Konstruktion des Sozialen erweist sich bei genauerer Sichtung aber als sehr brauchbar. 

Gehört Joseph Beuys, der erweiterte Kunstbegriff und die „Soziale Plastik“ zum alten Eisen?

Verfolgen wir die Argumentation von Luhmann weiter, der die Abtrennung des Menschen von Gesellschaft für notwendig hielt, so ergibt sich für den Menschen daraus ein bedeutender Vorteil, wird der Menschen dadurch doch außerhalb sozialer Konditionierung eingeordnet und kann damit auch etwas Falsches machen, ohne als Mensch sozial ausgegrenzt zu werden. 

Trotzdem entgehen Begriffe wie „Mensch“, „Individualität“, „Subjekt“, „Autor“ nicht der Kommunikation, die Selbstbeschreibungen innerhalb der Gesellschaft bedürfen. 

Die Suche nach Individualität, die sich durch das Kopieren von Idolen, Moden, Karrieren usw. ausdrückt , führen zum genauen Gegenteil: Statt Einzigartigkeit erreicht zu haben wird Konformität, wie das Tragen von Blue Jeans, zum Ausdruck von Individualität.

„Jeder ein Künstler“

Ist das vielzitierte Sinn-Kürzel von Beuys eine Selbstbeschreibung / Selbstermächtigung / Selbstüberhöhung ?

Oder eher ein Aufforderung in uns Quellen zu entdecken, die in funktional differenzierten Welten verschüttet sind?

Ist es ein Appell aus der Not einer Krise, die wir Umweltkrise nennen und für die wir alle unsere Fähigkeiten aufwenden müssen, um sie bewältigen zu können?

Kann die Kunst überhaupt etwas anderes als Kunst machen?  

Ist nicht dieses Ausgeschlossensein ihre spezielle Qualität für die Welt?

Was beschreibt das Bild: „Jeder Mensch ein Künstler“? 

Einen Menschen, der von außen, als freier Mensch an der „Sozialen Plastik“, arbeitet. Der Stein aus dem Michelangelo seine Figuren schlug, funktioniert nach eigenen Gesetzen, die der Bildhauer in seine Vorstellungen mit einbezieht, so kann Plastik gelingen.

Wie das heute konkret geschehen könnte, haben Beuys modellhafte Beispiele in der Aktion der 7000 Eichen in Kassel gezeigt. Bei genauer Betrachtung stellt sich heraus, dass das Gesamtwerk von Beuys unzählige Beispiele enthält, die angeben, wie Soziale Plastik funktionieren könnte und die Grenzen der Kunst überschritten werden können.

Ich möchte hier nur das Beispiel der Multiple von Beuys anführen, durch die er den Zwängen des Kunstmarktes entkommen konnte.

Im Unterschied zu Luhmann bezog sich das Handeln von Beuys nicht nur auf seinen Bereich, die Kunst und die Hochschule, sondern er griff immer wieder direkt mit politischen Aktionen ( Besetzung der Kunstakademie) ins soziale Geschehen ein. 

Die Gründung der Grünen ist ohne Beuys nicht denkbar, war er doch das Bindeglied zwischen „konservativen“ und „revolutionären“ Kräften. Beuys konnte u.a. Rudi Dutschke dazu bewegen, an dem Projekt der „Bunten Liste, die Grünen“ mitzuwirken, wodurch die damaligen Linken erst zu den Grünen strömten. Dass gerade diese Gruppierung Beuys innerhalb der Grünen nicht hochkommen ließ, hat seine eigene Tragik.

Das Zentrum analogen Denkens 

kann in Goethe und dort, im vielzitierten Faust II lokalisiert werden  : 

Alles Vergängliche 

Ist nur ein Gleichnis

Das Unzulängliche 

Hier wird’s Ereignis

Das Unbeschreibliche 

Hier ist’s getan,

Das Ewig-Weibliche

Zieht uns hinan. 

Darin wird beschrieben, wie analoges Denken sich dem Lebendigen und dem Tod, dem sich permanent Wandelnden und dem Schicksal nähert, um das Unerreichbare, Unbeschreibliche zum Theater werden zu lassen. 

Mit anderen Worten, das Gleichnis stellt nicht nur Verbindungen, Bezüge, Vergleichbares her, sondern ist selbst auch eine reale Handlung wie der Ritus, die politische Proklamation, ein Gesetz, eine Verordnung, die wissenschaftliche Methode, eine Sprechhandlung.

Was in der Systemtheorie als System und Umwelt aufgefasst wird, deren Grenze nie überschritten wird, überbrückt das analoge Denken rituell handelnd, durch sich ereignende Gleichnisse, die die Grenzen der Systeme fluten, überbrücken, untertunneln, aufladen oder einschlagen,

Wenn in der Systemtheorie von Komplexität gesprochen wird, spricht man analog vom Schicksal, von Fortüne. Wird dort von Operation gesprochen, reden gerade zwei Menschen miteinander, das heißt systemtheoretisch: Es kommuniziert Kommunikation. Verhält sich in einem konfliktreichen Gespräch jemand so, dass trotz unterschiedlicher Meinung das Gespräch fortgesetzt werden kann, berücksichtigt er die Anschlussfähigkeit der Sprache.

In Alltagssprache 

Im Analogen heben Namen, Worte sich voneinander ab, deren Innen oder Außen nicht eindeutig zu trennen ist.

Analoges Denken setzt keinen Beobachter voraus, der einem System zugeordnet werden kann, der Beobachter ( sofern wir einen vorfinden) schwimmt in der Umgangssprache, bleibt luzide, zwielichtig, ist drinnen wie draußen, auch wenn er noch so sehr betont, dass er das eindeutig meint. Umgangssprache und Dialekte sind aus diesen Gründen leicht nachäffbar, ihre beruhigende Anziehung besteht gerade darin, dass das „volkstümlich“ Gesagte so ist, wie es ist und nicht anders. Jede Differenzierung würde die Kette des Gewohnten zerreißen.  

In der Systemtheorie gibt es für die Beziehung der Systeme untereinander den Begriff der strukturellen Koppelung, der über so scheußliche Worte wie Penetration und Interpenetration weiter ausdifferenziert wurde. 

Da werden dann Vorgänge beschrieben, in denen z.B. das Kommunikationssystem dem Bewusstseinssystem seine Komplexität zur Verfügung stellt und umgekehrt, sodass diese sich darauf evolutionär strukturierend einstellen können. 

So hat der Buchdruck (Kommunikationssystem) intellektuelle Fähigkeiten (Bewusstseinssystem) eröffnet, die in das Schul- und Hochschulwesen, sowie in die Wissenschaften eingeflossen sind, eine unstrittige Tatsache.

Und der PC seinerseits hat hier auch schon einiges geleistet…. 

Weiter analog ….

Kann das analoge Denken besser charakterisiert werden als durch sich selbst, nämlich bildhaft wie ein Monument mit einer großen Eins versehen? Damit nehmen wir aus dem digitalen Feld einen Spieler, die EINS und charakterisieren damit analoges Denken.

Im analogen Denken übernimmt das Bild die Oberherrschaft. Der Begriff Herrschaft ist hier treffend, neigt diese Art des symbolischen Denkens, (die Königsdisziplin der Religionen und der Künste) strukturell zur Hierarchisierung, bzw. zur Eingemeindung / Ausgrenzung.

Die Multifunktionalität der Systemtheorie zeigt hier eindeutig Vorteile im Gegensatz zum fluiden Denken, das in seiner Offenheit letztlich im Ich endet, im Ewig Weiblichen, in geistigen Hierarchien, im kreativen Menschen, auf dem alle Last abgeladen wird; im Tod, auch wenn es nur der Wärmetod sein mag, der uns droht. 

Die Grenzen (der Gemeinden) werden im Analogen nicht so genau wie in der Systemtheorie festgelegt. Da das Bild, je nach Zustand, je nach Laune, je nach Sicht und Perspektive, je nachdem wann und wie lange es wirkt und in welcher Umgebung es auftritt, welche Kriterien die Zugehörigkeiten festlegen, einer solchen Verwandlungsfähigkeit unterliegt, dass auch das genaue Gegenteil mit ihm vereinbar ist.

Digital – analog Ereignisse verzwergen digital

Der Übergang vom Analogen zum Digitalem ist nicht leicht feststellbar.

Technisch gesehen kann jeder Schritt nachvollzogen werden, wie die analoge Welt in eine digital abbildbare Welt überführt wird, wie zuerst Daten, die Schrift, dann das Bild, der Ton, das bewegte Bild und das dreidimensionale Bild digital wiedergegeben und elektronisch vermittelt werden.

Je mehr das Digitale durch die Computer in unser Leben Eingang fand und zur Gewohnheit wurde, umso mehr durchsetzt sich Analoges und Digitales, sodass es wohl technisch zu trennen ist, aber in der Wirkung auf unser Denken sich vermengt.

Z.B. werden in den Sozialen Medien geradezu Meinungen gezüchtet. Meinungen und Ideologien liegen ja irgendwo zwischen  begrifflich-logischen Denken und dem bildhaften Denken in einer trüben Mitte.

Meinungen verfügen nicht über die Instrumente exakt wissenschaftlichen Denkens und nicht über das analoge Wissen, das die Kunst, Dichtung und Musik ausgebildet hatte. Meinung beharrt auf dem Subjektiven und der Gültigkeit seiner Äußerungen.

Goethe betonte das Ereignis, er spricht davon, dass sich bildhaftes Denken ereignet. Er hatte in seinem inneren Auge ein Theater vor sich.

Im Internet und in den sozialen Medien verzwergen die Ereignisse. Was einmal großes Theater war, wird hier zum dürftigen Kleinformat.

Alles, was die Kunst, die Literatur, das Theater, die Musik hervorgebracht hat, was im Konzert, im Happening, in der Aktion, in der Performance seinen Höhepunkte fanden, wird digital verzwergt, geschrumpft, eingedampft, zum Instant Food, zur Konserve, zum Surrogat, zum Ersatz!

Und trotz dieser Verzwergung bleibt es so etwas wie eine soziale Handlung…?

Die wiederum dazu anregt, das Fehlende, den realen Auftritt herbeizusehnen, ihn wertzuschätzen, ihm neue Bedeutungen zu verleihen.   

Latenz 

Analoges Denken hält Latenz aufrecht. Die Latenszeit hat keinen Wecker, an dem wir ablesen können, wann die Zeit abgelaufen ist, und wann die Reaktion folgt.

Bilder ( hierzu zählen Plastiken, Szenen und Wortbilder) 

sind wie Depots, bewahren etwas auf, halten das Ereignis in der 

Schwebe, ziehen die Aufmerksamkeit, je nach Umständen auf sich, erfüllen sich dabei nie gänzlich, geben ihren Reiz, ihre Schönheit nie preis, können schnell langweilig, uninteressant werden, können überhöht werden, geraten zum Kitsch, schwinden, kippen von größter Aufmerksamkeit ins Vergessen, bis irgend etwas in ihrer  

„Schwazer Pfarrkirche mit Hirschen“ Günter Lierschof, Öl auf Leinwand 75/110

             

Umgebung sich ändert (4) und sie wieder in den Fokus rückten. Das Spiel kann von vorne beginnen ….. 

Bilder verzögern Kommunikation, (5) ziehen diese wie einen Pizzateig in die Länge und Breite, bewirken Aufschübe, lassen Anschlüsse offen, können auch als  „Kommunikationsverweigerungskommunikation“ bzw. als „Quasi-Objekte“, wie Luhmann die Arbeiten von Beuys nennen würde, auftreten. 

 Das „Digitale“ der Systemtheorie

„Digitales Denken“ ( 6), wie es die Systemtheorie anwendet, verfährt hier anders, es lässt flirrend irrlichternde Vexierbilder in ihrer Offenheit nicht zu, es differenziert Ereignisse aus z.B. in solche, die im Bewusstsein stattfinden und solche, die in Kommunikation vor sich gehen, obwohl sie real ( d.h. in unserer Alltagsvorstellung) nur Ereignis sind. Ein Satz, den jemand spricht, schreibt, postet wird  systemtheoretisch entweder dem Biosystem des menschlichen Körpers, dem Bewusstseinssystem oder dem Kommunikationssystem zugerechnet.

Das „Digitale“ der Systemtheorie braucht klare Zuordnung und sich abgrenzende Bezeichnung, etwas, das so und nicht so ist, etwas, zu dem ja oder nein gesagt werden kann, das für Kommunikation codifizierbar ist, damit Ordnung hergestellt und Anschlussmöglichkeit gegeben ist.

Das digitale Denken der Systemtheorie zeichnet scharf. Dunst, romantischer Nebel, Zwielichtigkeit, Zweideutigkeit, ästhetische Grauabstufungen, Abendstimmungen, schlierige Übergänge, Grisaille-Malerei, wo man nicht weiß, wann das Eine endet und das Andere anfängt. Systemgrenzen wie in der Physik, der Psyche und der Biosphäre zu kreuzen, werden nicht zugelassen, können aber sehr wohl wahrgenommen werden, wie Luhmann fast poetisch vorführt (7).

Schein von Sein, Schatten von Substanz, Zeichen von Bezeichnetem, System von Umwelt….muss deutlich getrennt sein, unterschieden werden.

UNTERSCHEIDEN ist DIE Voraussetzung! Es ist der Zugangscode, das Skalpell, die Trennschärfe, es ist der Zerberus, der den Eingang bewacht.

All das, was das Gemüt so liebt, was Dichtung, Musik und Malerei, was das Leben interessant macht und gleichzeitig gefährdet, scheut das Analytisch-Digitale wie der Teufel das Weihwasser.

Was nicht in Ja und Nein, in Schwarz und Weiß zu unterscheiden ist, was nicht als System und Umwelt gesehen werden kann, was nicht dem Einen oder Anderen zuzurechnen ist, wird ausgeblendet. 

Was nur unterscheidet, um diese Unterschiede gleich mit allen erdenklichen Mitteln unkenntlich zu machen, wo Ambivalenz angestrebt wird, wo Widersprüche stehen gelassen werden, diese sogar produktiv eingesetzt sind (wie in Musik, Dichtung und Malerei ), da ist das Digitale taub. 

Das wusste Niklas Luhmann und er hat aus diesen Übergängen und Ineinaderschachtelungen besonders das Paradox besonders hervorgehoben. 

Etwas, das sich durch sich selbst bestimmt und dadurch sich selbst verschlingt, wie die Schlange, die sich selbst auffrisst. Er liebte das Paradox und betont in seinen Büchern immer wieder, wieviel solcher Schlingfallen er in seine Texte eingebaut habe.

Die Trennschärfe des „digitalen Denkens“ findet im analogen Denken anders statt, wie wir gleich sehen werden. 

Ouroboros. Zeichnung von Theodoros Pelecanos aus Synosius, einem alchemistischen Traktat aus dem Jahr 1478

Wo die Analogie nach Verbindendem sucht, sucht das „digitale“ nach Differenz. Die folgende Gegenüberstellung zeigt, dass das Eine ohne das Andere nicht existent ist

Zeichen und Wahrnehmung analog

Bildhaft werden mit Namen und Bezeichnungen, Qualitätsunterschiede von Farben oder Tönen erfasst, die nur in Korrespondenz mit dem Bezeichneten, mit der realen Farb- oder Tonwahrnehmung ihre Stärke entfalten. 

Z.B. kann Blau als noch offene Bezeichnung, die sich von allem Nicht-Blauen absetzt, der Wahrnehmung helfen, weitere Unterscheidungen hervorzubringen, die ihrerseits wieder in Bezeichnungen z.B. „Ultramarinblau“ „Preußischblau“ oder in weitere Beschreibungen einmünden. 

Analoges Denken trennt die Zeichen vom Bezeichneten nicht so scharf, spricht Worte aus, um der Wahrnehmung auf die Sprünge zu helfen, erzeugt Felder für Wahrnehmungen und Handlungen, gibt der Wahrnehmung etwas vor, deren Informationsgehalt und Verständnis sich im Wahrnehmen des Angesprochenen erst ereignet.

Das Verhältnis von Wort und Wahrnehmung funktioniert wie die Metaphorik der Alltagssprache, deren Witz und Zweideutigkeit immer kontextbezogen ist. Ein Witz kann abrupt von positiv ins negativ kippen. 

Judenwitze, von Juden erzählt, sind etwas völlig anderes, wie dieselben Witze, von einem Nichtjuden dargeboten.  

Handlung / Operation 

Luhmanns Systemtheorie ist als Theorie der Kommunikation ein Hybrid zwischen einer Handlungstheorie und einer Art Sprachtheorie, ähnlich der Grammatik, Poetik, Rhetorik, die das System der Sprache beschreiben und auch ohne den intentional handelnden Menschen, ohne Subjekt auskommen.

Aus sozialen Handlungen, wie noch bei Max Weber, werden bei Luhmann Operationen und damit Optionen. (8) Menschen, Personen, Individuen führen Handlungen aus, denen intentionales Tun zugesprochen wird, während Operationen mit Zeichen auf der Ebene der Kommunikation arbeiten (Adressen, Personen, Rollen). 

Was aus Sicht des Menschen eine soziale Handlungen ist, ist aus der Sicht der Kommunikation eine Operation, die Optionen offen lässt und über Anschlussfähigkeiten verfügten muss, damit Kommunikation weitergeführt werden kann. 

In der Kommunikation gibt es keine „Menschen“, da diese selbst Teil der Kommunikation sind und als Rollen, Personen, Adressen, Individuen auftreten, die selbst nicht „natürliche Personen“ (9)

sind, sondern wiederum ausschließlich kommunikativ (sozial) bestimmt werden.

Alles was im üblichen Sprachgebrauch als intentionaler Akt angesehen wird, ist systemtheoretisch eine Operation zur Kommunikation. Bei sozialen Handlungen wird der Ursprung im Willen lokalisiert, auch wenn derjenige nicht weiß was er tut, so ist das eben seine Intention. Systemtheoretisch wird jede Äußerung als Teil von Kommunikation betrachtet, Intentionen werden nicht abgestritten, sie werden aber entweder als Mitteilung, Information oder als Verstehen ausdifferenziert.

Erläuternder Einschub 

Ich schiebe diese verkürzte Darstellung der Elemente der Systemtheorie hier ein, um fragen zu können, wieweit der von Luhmann abgewiesene Handlungsbegriff mit der Art von Handlung im oben zitierten Satz von Goethe übereinstimmt oder nicht.  

System / Handlung / Ökologie

„Hier wird’s Ereignis, hier ist’s getan.“ 

Das Gleichnis, das Bild ereignet sich, wie Goethe ausdrückt.

Gleichnishafte Sätze sind Auftritte, Bilder sind Inszenierungen, die gerahmt, an Orten zur Aufführung kommen, sich ereignen.

Analoges Denken ist immer auch Tun und somit auf Wirkung und Reaktion bezogen, während wir digitales Denken weitgehend als intelligenten selbstbezüglichen Vorgang ansehen können. Es teilt, zählt, unterscheidet, bringt weitgehend sich selbst aus sich hervor, reagiert auf seine Umwelt.

Im System ist das Verhältnis von System und Umwelt im System nicht direkt feststellbar, von außen ist deren Koppelung beobachtbar, wobei der Beobachter wiederum ein System der Beobachtung baut usw,.

Das digitale Denken, dessen Wirkung wir u.a. am Computer und dessen Folgen beobachten können, kann heute auf Grund seines Energieverbrauchs nicht mehr getrennt als in sich kreisender, kommunikativer Vorgang betrachtete werden. Zumindest im Verzehr von Energie ist Kommunikation strukturell an Natur gekoppelt. 

Wir können Kommunikation als System vom menschlichen Handeln abtrennen, aber gerade dadurch wird Kommunikation selbst zur Handlung mit realen Wirkungen, realen Zusammenhängen und Voraussetzungen.

Der Begriff der Handlung 

Foto aus dem Projekt 7000 Eichen

nimmt Bezug auf Natur und ist nicht nur abstrakt in Raum und Zeit vorhanden. Nur konkret ergibt der Handlungsbegriff einen Sinn. Handlung heißt etwas, das auf Natur einwirkt und in der materiellen Welt einen Abdruck hinterlässt. 

Schlägt jemand einen Baum um oder pflanzt ihn, pflügt er das Feld um, verkauft er am Markt sein Gemüse, schmiedet er ein Hufeisen und passte es dem Pferd an, ohrfeigt er den Koch, erobert ein Reich, stiehlt ein Huhn…  das sind Handlungen.

Auch wenn jemand beschimpft, ignoriert oder anlächelt wird, ist das eine Handlung. Nicht auf Grund der sozialen oder psychischen Wirkung, sondern weil der Schreiende laut wird, weil der Lächelnde sein Gesicht verzieht, weil sich der Ignorante abwendet.

Ein Bildhauer, ein Schauspieler, ein Zeichner, ein Maler kann diesen  Vorgang der Handlung als Gestik abbilden.  

Der ebenso kommunikative Charakter dieser Vorgänge kann nicht geleugnet werden, aber das wesentlich Charakteristische der Handlungen ist sein Bezug zur materiellen Welt, zur Natur, in der er seine Spuren hinterlässt. 

Nur durch den Bezug zur materiellen Welt, zur Natur wird dieses Tun kommunikativ – Handlungen können nur als plastisch materieller Abdruck kodifiziert und gelesen werden (siehe die Entwicklung der Schrift usw.). 

Systemtheoretisch gesprochen, kommuniziere ich in sozialen Handlungen auch mit der Natur ( mit der Biosphäre insgesamt, nicht nur mit der des Menschen…) als Adresse.

Betrachten wir 

– die elektrische Energie, die heute durch elektronisch vermittelte Kommuniktion aufgewandt wird, 

– die ( menschlichen ) Aufmerksamkeits-Kapazitäten, die durch digitale Kommunikation gebunden werden und 

– den Verbrauch, der für Geräte der Kommunikation aufzuwenden ist, steigt der Energie- und Ressourcen-Verbrauch gigantisch. 

All die Energien, Ressourcen, Aufmerksamkeiten die wir durch Kommunikation konsumieren, sind weit größer als die, die wir für die Herstellung von Nahrungsmitteln aufwenden. 

„Gundfana des Westens – Dschingis Khans Flagge“ – „Anschwebende plastische Ladung —> vor <— Isolationsgestell“ (1960) und „Fond IV/4“ (1970/71) 

Erst wenn wir den Energieverbrauch, als ein durch Kommunikation bewirktes Handeln ansehen, bekommt dieses Tun jenen Informationswert, um es heute als sinnhaft beschreiben zu können. 

Denn der Sinn ergibt sich nicht durch die Bedeutung der Zeichen, sondern über ihre physische Präsenz.

Der oft gehörte Ausdruck, ohne Kommunikation gäbe es nur ein Rauschen, ist zutreffend, aber angesichts der hier angedeuteten Dimensionen eher verharmlosend.

Alleine der Energieverbrauch durch Kommunikation erlaubt es nicht mehr, Kommunikation handlungsneutral zu betrachten (ein Missverständnis, das aus einer einseitigen Lesart der Systemtheorie erwachsen könnte).

Kommunikation ist dann nicht mehr nur eine Operation, eine mögliche Option unter anderen, sondern Handlung mit realen Wirkungen außerhalb von Kommunikation. 

Auch wenn das nicht jenes Handeln im Sinne Max Webers ist, welches sich ausschließlich auf das Soziale bezieht, sondern ein Handeln, das die Natur und das Soziale gleichermaßen mit einbezieht.

Luhmann hatte für Fälle, bei denen der Systembegriff nicht mehr greift den Begriff der strukturellen Koppelung freigehalten. In sich geschlossene Systeme wirken über strukturelle Koppelung zusammen und Interpenetration ist eine strukturelle Koppelung von Systemen, die sich auf die Autopoiesis der Systeme evolutionär auswirken (10).

Die konstruktivistische Auffassung stimmt noch immer, dass alles was wir über die Natur sagen, diese nichts angeht, da diese ein eigenes unabhängiges System sei und wir nur über ihre Reaktion erfahren, ob unsere Auffassung von Naturgesetzen zutrifft. 

„Nicht, was ich über die Natur sage, beeinflusst diese, sondern wie ich es sage“:

Dieser Satz bekommt in der Klima- und Umweltkrise eine ganz neue, nicht nur rhetorische Bedeutung.

Oder anders gesagt, die Materialität der Zeichen, wie die Lettern im Buchdruck, hat sich heute gigantisch erweitert und ist nicht mehr zu vernachlässigen (11).  

Über den Satz: „Systeme agieren autonom“ lacht die Natur heute – mit deutlichem Echo – schallend.

Und keiner kann sagen, wir könnten dieses Lachen nicht hören!

Wir können ruhig noch Jahrzehnte über die Erderwärmung diskutieren, aber wenn wir dabei nicht mindestens ebenso viel Wärmeenergie – im Sinne von sozialer Wärme ( Beuys)  – gewinnen, die wir im Sprechen der Natur als Energie entziehen, können wir die Diskussionen auch bleiben lassen, da sie mehr schadet als nützt.(12)

Das analoge Denken, wie Beuys es betrieb – und hierin an uraltes Denken der Naturvölker anknüpft – sieht die Natur immer schon als einen autonomen Ko-Operator an, von dem wir lernen können und dessen Mitwirkung wir dringend bedürfen. 

Der Agens dieser Mitwirkung sollte uns nicht nur negativ deutlich werden, indem wir die Grenzen der Natur – die Co2 Werte, die Erderwärmung – überschreiten, sondern in dem wir der Natur als Handelnde kooperativ gegenübertreten, so wie wir das in der Landwirtschaft, im Fischfang, in der Waldbetreuung, in der Kompostierung…… immer schon taten, heute selbstverständlich unter Einbeziehung neuer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse – die sich und ihre Folgen mitreflektiert – im Sinne von Kooperation.  

Günter Lierschof Nov 21

wer den Text ganz gelesen hat, bekommt von mir ein Baumpflänzchen geschickt, bitte um Ihre Adresse

1) https://youtu.be/7SqXk3lR7pc

und weitere Texte auf WordPress Luhmannsschwarzehefte

(2) Bei Luhmann taucht im Zusammenhang mit Humanismus der Name Humboldt auf, den er exemplarisch für diese Haltung anführt.

(3) Es ist zu unterscheiden zwischen dem, was Beuys sagt, das könnte Steiner ähnlich gesagt haben, und dem, was er als Künstler, als Plastiker machte. Zwischen der Kunst von Beuys und der von Steiner liegen Welten. 

(4) Die Kunstgeschichte hält hier Beispiele bereit, wie Rembrandt, der noch Anfang des 19. Jahrhunderts einer unter vielen holländischen Malern war, erst die Nationalbewegungen machten ihn zu jenem Genie, das er für uns immer noch darstellt.

(5) korrespondieren mit dem Medienwechsel, der im Buchdruck die zeitlich Verzögerung zwischen Schreiben und Lesen ausdifferenziert hat    

(6) Der Begriff „Digital“ könnte in Bezug zur Systemtheorie missverstanden werden. Man möge mir diese Ungenauigkeit verzeihen, aber die Nähe zur Kybernetik ist der Systemtheorie immer noch anzumerken und dafür steht hier der Begriff „Digital“, aber eben in Anführungszeichen.

(7) in „Leben der Systeme“ NL Seite 28 

(8) Kenner der Systemtheorie werden hier aufschreien, hinkt der Vergleich doch sehr, andererseits macht er deutlich, dass subjektlose Theorien, in denen das Subjekt nur eine funktionale Bestimmung hat, nicht neu ist.  

(9) Interessantes Beispiel sind die Hausnamen in Tirol. Da heißt jemand nicht nur „Alfred Mayer“, sondern er wird auch „Schlotterer Alf“ genannt, der Alf vom Schlotterer-Hof.

Der Unterschied, zwischen der Identität einer Person und dem Namen einer Adresse wird uns in den Sozialen Medien täglich vorgeführt. Dort gibt man sich Phantasienamen (Avatare), mittels derer kommuniziert wird.

(10) Soziale Systeme, Suhrkamp Taschenbuch STW 666…..

(11) Das Beispiel des Energieverbrauch von Kryptowährungen hat vor einiger Zeit alle in Erstaunen versetzt. Ich weiß die Zahlen nicht mehr, aber der Energieaufwand zur Bilanzierung von Kryptowährungen ist gigantisch.

(12) Das Verhältnis vom Aufwand der Mittel ist ein Grundaxiom der bildenden Kunst: In der radikalsten Konsequenz verzichtet man auf Kunst.

Veröffentlicht von glierschofat

ein Zeichner, der gerne überzeichnet Vorsicht kann zur Satire gerinnen war Schüler und Mitarbeiter von Joseph Beuys & Bazon Brock

Ein Kommentar zu “Die ÖKOLOGIE der Systeme

  1. Moin Günter, ich habe deinen hervorragenden Text vollständig gelesen. Das passiert mir selten, bei so langen Texten. Gratulation
    👍 sehr gute und inspirierende Gedanken. Es ist jetzt 2:27 Uhr. Ahoi Helmut

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: