GELITIN

für die Hauptstadt der Provinz

von GÜNTER LIERSCHOF

GELITIN, Ausstellung im Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck, vom 1. Juli bis 26. Oktober 2021 

Nach aufgeregten Aufforderungen, ich solle die Ausstellung der Künstlergruppe GELITIN  besuchen, überwand ich mich schließlich. Meine Aversion war eher eine zeitökonomische Vorsichtsmaßnahme, kenne ich mich doch, denn habe ich etwas gesehen,  will ich auch einen Kommentar abgeben, der nie ohne medialen Rückstoß bleibt und Zeit wie Aufmerksamkeit benötigt.  

Ja, da bastelt, töpfert, sägt, nagelt, pinselt und baut ein unverfroren naiv-modern-optimistischer-Geist, so als wäre die österreichisch gefärbte „Sexuelle Revolution“ in ihrer retardierenden Phase im Anfang hängen geblieben und alles Fetisch geworden. 

Da tanzen trotzige Mädchen durch die Schwarz-Mander-Kirche, angestrengt um Aufmerksamkeit der Erwachsenen buhlend, 

da verschlingen sich nackte Menschenknäuel in musealen Bauernstuben; als wären sie Plastiken

und männliche Wesen lassen sich von eindildigen Tieren penetrieren. 

Die Künstlergruppe will nicht provozieren, sie will spielen, spielen, spielen: 

„Lasst uns spielen, denn die Welt geht eh zugrund“ ist ihr Refrain, „Lasst, uns Werte entwerten, die wertlos sind! “  plärren sie und werkeln tatkräftig manisch um Penise, Vaginas und Formverwandtes, so als ob von dort ein Hoffnungsstrahl kommen könnte, der wieder zu nichts anderem als zu Pisse gerinnt.

Ihre Tatkraft ist bewundernswert, auch wenn deren ausgreifende Formwiederholungen eher an Wucherungen denken lässt, verwandeln sie die Welt in ein Narrenhaus, in der nur der Fetisch zählt.

All das haben wir natürlich auch schon xmal gesehen, war da nicht ein Schweizer Künstler, der mit Klebestreifen, Pappen und Latten die ganze Welt verpappt hatte und Nitsch, Mühl, Tatlin, Schwitters, Wurm …..?

Ihrer gespielten Naivität unterliegt natürlich eine gehöriges Maß an Berechnung, denn all das angestrengte Getue ist Referenz, ist kunstgeschichtliches Zitat, war einmal Original….. 

Eine Freude für jede Kunst- und Kulturgeschichtlerin. Vielleicht ist ja die Selbstspiegelung von KunstakademikerInnen in den Arbeiten der Gruppe dasjenige Element, das GELITIN für Museen und Ausstellungsorte wie für den Besucher so interessant macht?

Wir haben heute ja überall nur Aufgewärmtes, in der Bildenden Kunst wie im Jazz, in der Klassischen Musik wie in der Politik ….…. 

Die Institutionen brauchen ihre Zuträger, damit der Laden weiterläuft: Mit Kunst, die sich als Kunst begründen lässt,  würden die Museen nur alle zwei Jahre eine Ausstellung bestreiten können. Wäre der Maßstab „gute Musik“ und „gutes Theater“, müssten die meisten öffentlich geförderten Kulturinstitute sofort geschlossen werden. 

Scheinbar braucht es 95 mal aufgewärmte Kotze, damit etwas wirklich Interessantes rauskommt…!? 

So müssen sich die Institutionen mit begabten Unterhaltern aushelfen, die so tun, als ob sie Otto Mühl wären, als ob sie die Gugginger seien, als ob sie Hermann Nitsch und wer nicht noch, wären. 

GELITIN kann eben österreichische Kultur für Gebildete und noch zu bildende bühnenreif inszenieren!

Wir Zeitgenossen sind ja medial an die Erregungskultur (Sloterdijk) gewöhnt und gegenüber der Propaganda, die zur Zeit aus allen Empfängern öffentlicher Anstalten hallt, ist GELITIN doch eher eine artig-naive Spielerei. 

Etwas Besseres kommt dieser Hauptstadt der österreichischen Provinz auch nicht zu, befinden wir uns hier medientheoretisch in den Siebzigerjahren, wie der Satz unserer Grande Dame der Kunstkritik: „der Rest liegt im Auge des Betrachters“ deutlich macht.

Eine Kultur mit diesem Reflektionsniveau braucht wohl  etwas wie GELITIN, die mit militantem Optimismus  Happenings abfeiern, obwohl es so etwas gar nicht mehr gibt und immer noch von denen zehren, auf die sie sich beziehen.

Aber Spaß macht’s in dieser Sackgasse zu spielen!

Wie bei Künstlergruppen üblich gibt es auch Brüche, wie die Gestaltung des dritten Stockwerks, die mit wändefüllenden Zeichnungen im Stile des Comics brilliert.  Vom „Vogel der Erkenntnis“, den Vergänglichkeit symbolisierenden Handtuchhalter aus dem Volkskunstmuseum, Zaha Hadid Sprungschanze, den Kühen, Gämsen und dem Kaiser Maximilian, werden alle Klischees, die Tirol zu bieten hat, gekonnt ausgebreitet. 

Dazu ist die Sammlung der Hammerklaviere mit Musikbeispielen ausgestellt. Was wie eine Karambolage wirkt, aus Platzmangel herbeigeführt, könnte gezielte Berechnung sein. 

Unterm Dach angekommen, befällt mich, in Bezug auf diesen Raum der Zweifel, ob die Truppe nur aus Vertretern guter österreichischer Kulturverdauung besteht, zumindest hier oben, muss ihnen ein eigenständiges „Kunstentwurf“ zugeschrieben werden. 

Unten, wo der Fetisch herrscht, beherrscht auch dessen Distanzlosigkeit das Geschehen: Fetische sind nicht darstellbar, denn jede Darstellung gerinnt selbst zum Fetisch …. ein teuflischer Kreislauf, in dem es nur armseliges Eingefangensein oder strikte Ablehnung gibt (Jacques Lacan). 

Die Verdinglichung des Fetisch lässt kein Dazwischen zu! 

GL

Veröffentlicht von glierschofat

ein Zeichner, der gerne überzeichnet Vorsicht kann zur Satire gerinnen war Schüler und Mitarbeiter von Joseph Beuys & Bazon Brock

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