Carabossa und die Systemtheorie 

Beuys / Luhmann 3

Tilda Swinton in: „The Dead Don’t Die“ 2017 von Jim  Jarmusch 

Satisfaktion - Differenz - Negation bei Hegel - soziale Systeme, eine geniale Idee  -  Phänomenale Einheiten -Komplexität, Reduktion von Komplexität - System oder Latenz -„Wo sind sie geblieben“ - System Kunst- Systemeinheit - Rationalität der Systemtheorie - Gefühle und Rationalität reduzieren Komplexität - Liebe, ein Gefühl - Sagen und Mythen, Vorläufer der Soziologie

Satisfaktion

Meine Gegenüber (1) in dem Vergleich Luhmann – Beuys erkennen meine Gleichwertigkeit nicht an. Sind diese doch anerkannte Akademiker und ich nur ein Zeichner, ehemaliger Schüler und Mitarbeiter von Bazon Brock und Joseph Beuys, der noch dazu mit den Mitteln der Überzeichnung arbeitet, für Universitätslehrer ein Grauen. 

So bleibt mir nichts anderes als ihre Position selbst einzunehmen und gegen mich selbst anzutreten .

Da ich nicht so wie die Schüler Luhmanns, jedes seiner Werk bis ins Detail kenne, unterliege ich natürlich der Gefahr, einiges falsch darzulegen. 

Soll mich das abhalten, selbst zu denken?

Differenz

Hinter dem Begriff der Differenz, der aus der Wahrnehmung entlehnt wurde ( René Descartes ), wird heute keine ernsthafte Theorie der Wissenschaften zurückbleiben können.

Unterscheidung und Differenz entziehen sich selbst jeder Differenzierung, da mit jeder Setzung eine Differenz entsteht.

Zuerst wird getrennt, um das Verbindende herauszufinden, eine typische und notwendige Methode des analytischen Denkens.

Der Ursprung dieses Vorganges liegt in der Sprache selbst, die das Eine vom dem Anderen trennt und gleichzeitig verbindet. Die durch Bezeichnung herbeigeführte Un-Unterscheidbarkeit von Zeichen und Bezeichnetem verbindet und trennt in einem.

Verbindet das Zeichen mit dem Bezeichneten, trennt das Zeichen vom Bezeichneten, und bindet Zeichen an Zeichen, die dann eine eigene Einheit bilden. 

Ein naiver Naturalismus, d.h. das Grundvertrauen, dass das gesagte, bei allen Missverständnissen verstanden werden kann, die Vorannahme einer gemeinschaftlichen Sprache,  eines gemeinsame sozialen Gedächtnisses, sind Voraussetzung für jede Kommunikation.

Die durch Bezeichnung herbeigeführte Unterscheidbarkeit von Zeichen und Bezeichnetem trennt die Natur von der Sprache macht Natur „objektiv“ und damit unzugänglich.

Die Trennung von Zeichen und Bezeichnetem ermöglicht Naturwissen- Sozial-  wie Geschichtswissenschaft.

Die Philosophie, Dichtung und Musik hingegen suchen in der Sprache selbst das Verbindende um der Amputation eine Krücke zu sein.

Negation

G.W. F. Hegels Begriff der Negation aus „Der Phänomenologie des Geistes“ geht dem Phänomen der Unterscheidung nach und weist darauf hin, dass wir wohl naiv von Differenz sprechen und meinen, diese sei auch vorhanden und feststellbar. Hegel macht uns darauf aufmerksam, dass der Akt der Differenzierung im Wesentlichen Negation ist, Differenz sich erst wirklich in einem nochmaligen Akt der Negation realisiert. 

Dass moderne Wissenschaft so komplizierte und verdrehten Gedankengänge aus dem Weg geht und die Abkürzung über die Differenz wählt -will sie doch brauchbare Ergebnisse liefern – ist verständlich.

Wir könnten die Systemtheorie als einen rationalen Versuch ansehen die Hegelsche Dialektik in eine sozialwissenschaftlich brauchbare Methode umzubauen. 

Das zeitlich ineinander gewobene Gewebe von Hegel wird in ein raum-zeitlich gegliedertes Model mit Grenzen und einem Innen und Außen umgebaut. Die Theorie der Black Box wird verbindlich, d.h. die Vertreibung aus dem Paradies wird wissenschafts-amtlich. 

In der Dialektik können wir uns noch dem Sein nähern, die Systemtheorie hingegen ist radikaler Konstruktivismus, der außerhalb der Konstruktion wohl ein Sein annimmt, das aber nur innerhalb der Konstruktion erfassbar ist. 

Soziale Systeme, eine geniale Idee

Ich muss jetzt nicht den ganzen Sermon der Herkunft der Luhmannschen Systemtheorie heruntersagen, um ernst genommen zu werden. Die Wirkung seiner Idee auf Zeitgenossen hat ihre Berechtigung mehr als erwiesen.

So wie ich Luhmann lese, ist die Systemtheorie aus dem Wunsch, eine in sich schlüssige Theorie des Sozialen denken zu können, hervorgegangen. 

Die Annahme, im Sozialen wirkten Systeme, bzw. wir könnten das Soziale mittels Systeme erfassen, muss Luhmann selbst, ähnlich wie uns, die wir erstmals mit diesem Gedanken konfrontiert waren, als unwahrscheinlich und äußerst gewagt erschienen sein.

Je mehr Luhmann dieser Idee in der sozialen Wirklichkeit auf der Spur war, zuerst im Recht und dann in den anderen Lebensbereichen, umso öfter fand er Hinweise, die seine These bestätigten. 

Als er aus dem Gebiet des Rechtes und der Verwaltung, die von sich aus systemisch organisiert sind, sich auf das Gebiet der Liebe, der Kunst, des Geldes vorwagte, die sich einer Systemtheorie am ehesten widersetzten, häuften sich die Indizien, dass soziale Systeme nicht nur analytische geeignete Instrumentarien seien, sondern in der sozialen Wirklichkeit selbst so etwas wie Systeme wirksam seien.

Dazu war aber nötig, viel Zeit und Aufmerksamkeit der Theorie zu widmen, um das Denkmodell der Systeme so flexibel zu gestalten, dass es der sozialen Wirklichkeit entsprach und dem angepasst wurde, wie soziale Wirklichkeit bisher beschrieben war. Die späten Werke wie „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ sind dann ausschließlich Theorie bzw. Philosophie.

Zumindest erlebt der Leser das so, verfolgt er die Spuren Niklas Luhmanns über  „ Die Liebe der Gesellschaft“, und „Die Kunst der Gesellschaft“ und „Die Wirtschaft der Gesellschaft“ bis hin zu „Die Gesellschaft der Gesellschaft“. 

Phänomenale Einheiten

Dass es innerhalb der Gesellschaft Phänomeneinheiten gibt, die sich selbst tradieren, die ihren eigenen Gesetzen gehorchen und sich relativ unabhängig von anderen Einheiten der Gesellschaft entwickeln und – trotz wechselnder Zeitumstände – als Kunst, Literatur, Wissenschaften und Religion autonom sind, ist nicht neu. 

Diese als systemische Einheiten zu betrachten, die sich selbst innerhalb der Gesellschaften weitgehend autonom organisieren, war ein genialer Schachzug.

Bis dahin beschränkt sich die Sichtung dieser Phänomeneinheiten mehr drauf, wie z.B. die Literatur durch die bürgerliche Gesellschaft beeinflusst wurde. Die Fachliteratur konzentrierte sich mehr darauf, wie beeinflusst und stilprägend Einheiten wie Malerei und Literatur waren. 

Luhmann konzentrierte sich mehr darauf, wie eine Einheit – z.B. die Kunst ihre Identität im Wandel der Zeit, der Stile und der Ismen aufrechterhalten konnte. Wie sie sich innerlich völlig umkrempeln konnte und trotz ihrer Wandlung immer noch ihre Funktion innerhalb der Gesellschaft einnehmen konnte. Parallel wandelte sich die Gesellschaft und ihr Verhältnis zur Kunst z.B. wurden Museen gebaut und eingerichtet, die es vorher nicht gab. 

Ob die Veränderungen mehr von Außen oder von Innen bewirkt sind, ist für Luhmann nicht entscheidend. Soweit ich das sehe, konzentrierte sich seine Beobachtung mehr darauf, wie das Innen eines Systems auf die Veränderung seiner Umwelt autonom reagiert.

Er fragt eher danach, wie im Inneren der Kunst die Zeichen der Zeit gedeutet wurden und wie Künstler darauf reagierten.

Die Unabhängigkeit des Systems Kunst garantiert, dass künstlerisch erlaubt ist, was gesellschaftlich geächtet ist.

Komplexität, Reduktion von Komplexität 

Die Idee der Komplexität spielt bei Luhmann eine entscheidende Rolle. Ein System muss im Inneren die von außen kommende Komplexität reduzieren und eigene Komplexität aufbauen. Systeme besitzen die Fähigkeit, äußere Komplexität zu reduzieren und gleichzeitig die innere Komplexität zu erhöhen. Diese Fähigkeit, sich den wechselnden Umwelteinflüssen durch einen inneren Umbau anzupassen, machen soziale Systeme aus.

Die moderne ausdifferenzierte Gesellschaft besteht nach Luhmann gerade darin, dass Teilsysteme eine relative Autonomie genießen und diese sich selbst innerlich organisieren, ohne dass andere Systeme dies weitgehend beeinflussen können. Die Autarkie der Teilsysteme ist geradezu das Kennzeichen ausdifferenzierter Gesellschaften.

Um Gesellschaft als Ganzes zu erhalten, bedarf es noch der Medien, wie der Sprache, der Schrift, des Buchdrucks, der analogen wie der digitalen Medien. 

System oder Latenz

Das ausdifferenzierte System der Liebe, welches Liebe als eine Qualität, als einen Wert in personalen Beziehungen beschreibt, ist das eine, unabhängig davon haben wir weiterhin Liebe als religiösen Wert.

In der Sprache ist Liebe immer beides, es kommt ganz darauf an, wohin der Satz und der Kontext die Bedeutung wendet, ob in Richtung personaler oder in Richtung kosmisch-religiöser Beziehung. Die religiöse Konnotation des Wortes verliert sich nie ganz, bleibt latent, auch wenn Liebe in der bürgerlichen Gesellschaft ein Wert geworden ist, dessen Konsequenzen bis in die juristische Verfassung der Ehe reicht.

Luhmann nimmt an, dass in der ausdifferenzierten Gesellschaft die religiöse Bedeutung der Werte, wie den der (kosmischen) Liebe, zurückgedrängt wird und wie die meisten moralischen Werte, funktional ersetzt werden, damit auch nicht mehr jene Verbindlichkeit haben, wie dies noch um 1900 der Fall war.

Ein durchaus liberaler Gedankengang.

Ein System, wie die Liebe, differenziert „Funktionen“, die in anderen Systemen, z.B. im Recht als Eheschließung verbindlich werden. 

Was einmal religiös- moralische Werte waren, wird zur Rechtsnorm und so zum integrativer Bestandteil der Gesellschaft.

Ein System kann dem anderen Vorgabe sein. In der Systemtheorie wird dann davon gesprochen, dass sich Systeme gegenseitig Umwelt sind, z.B. rechtliche Fragen sind nie ganz unabhängig von wirtschaftlichen Interessen ( Eigentumsrecht) und 

umgekehrt Gesetze und Verordnungen können als Voraussetzung wirtschaftlichen Handelns ( Steuern, Abgaben) angesehen werden kann. 

Inwieweit die latenten Elemente in der Gesellschaft, die z.B. durch den Machtverlust der Religion freigesetzt wurden, systemtheoretisch erfasst werden können, ist mir eine Frage.

„Wo sind sie geblieben“

Aus:„The Dead Don’t Die“ von Jim Jarmusch 

Nehmen wir an, die Systemtheorie mit ihren ausdifferenzierten Teilsystemen funktioniert in der Wirklichkeit so wie sie das beschreibt, wofür einiges spricht.

Wo sind dann alle jene Sozialfunktionen vergangener Gesellschaften, Ethnien, Reiche, Städte, Schichtungen, Klassen, Clans.. geblieben? 

Sind diese Reste in der ausdifferenzierten Gesellschaft aufgegangen, sind sie zu deren verschmutzten Umwelt geworden? 

Wo sind die nomadischen Gesellschaften, die Städtekulturen, die feudalen sowie die industriell proletarischen Gesellschaften, die Sowjetunion, all die alteuropäischen und außereuropäischen Kulturen in der modernen differenzierten Welt geblieben? 

Wo sind die schamanistischen Kulturen, die an Religionen gebundenen Sozialformen, die Brüder- und Schwesternschaften der Klöster? 

All die vormodernen Sozialformen, die genau genommen auch keine Kulturen oder Systeme waren, sozial ganz anders funktionierten wie moderne ausdifferenzierte Staaten, wo sind sie geblieben? 

Sind sie evolutionär ausgeschieden worden, sind sie aus dem kollektiven Gedächtnis und aus dem individuellen gelöscht worden oder befinden sie sich noch dort und in welcher Verfassung? 

Wurden diese geordnet und diszipliniert in die Moderne überführt? 

Was ist in diesen „sogenannten“ Evolutionen geschehen, die meist gewaltsame Revolutionen waren? Was da an Gewalt, an Grausamkeit geschah, wie z.B. in der Kolonialisierung, um nur ein Stichwort zu nennen.

Was im Ersten und Zweiten Weltkrieg geschah, in diesem schmerzlichen Übergang von Monarchie zur Demokratie, wo ist der Schmerz und das Entsetzen geblieben? 

Sind diese Leiden in funktionaler Differenz aufgegangen und steht uns, wie in den 60er Jahren in Deutschland angenommen, eine optimistische Zukunft bevor und alles ist gut? 

Umgibt unsere Gegenwart nicht ein großer Friedhof des Leidens und der Untoten, die weder Tag noch Nacht unterscheiden können, noch von Systemgrenzen etwas wissen, oder sich daran orientieren können?

Sind alle, in den gewaltsamen Umbrüchen der Geschichte freigesetzten „Sozialformen“ fein säuberlich in die Moderne integriert oder auf neutral umgepolt worden?

Antwort

Die Antworten hierzu sind sicher nicht einfach zu finden (- wie wir am Beispiel des immer wieder aufkeimenden Rassismus sehen), 

so wie wir im Darm Zellarten vorfinden können, die aus jenem Keimblatt stammen, aus dem das Gehirn aufgebaut wurde, und dort stören, haben wir in der Gesellschaft ebenfalls frei fluktuierende Element, die im Ganzen wie in allen Teilsystemen fremd sind, fremd bleiben und meist schwer zu orten sind, aber im Hintergrund immer wirken. (2)

Abgesehen davon haben wir Systeme ( z.B. die Kunst ) die randständig bleiben müssen und andere, wie die Politik, die immer eine zentrale Rolle spielen.  

Diese frei fluktuierenden, marodierenden Potentiale, diesen misstönenden Hintergrund, können wir nicht einfach abschalten, isolieren, neutralisieren.

Diese Fremd-Potentiale passen – nach meiner Sicht – weder zur Kontingenz von Handlung, noch können sie als Teil von Komplexität angesehen werden. Sie entziehen sich jeder Form der Komplexitätsreduzierung, da diese Logik ihnen immer fremd bleiben wird (3). Es sind keine aktiven Handlungen oder Operationen im Sinne der Soziologie, sondern passiv diffuses Leiden.

Die Logiken der Differenzierung, der Stolz der Systemtheorie gehorcht der Geschichte nicht, die irrlichternd wie ein lebendiger Toter unter uns weilt, all unser vergangenes Tun auch in differenzierten Gesellschaften wirkt, ohne von dieser direkt beeinflusst werden zu können. (4) 

Unsere sozialen Systeme haben für alle möglichen Abweichungen Strategien der Integrationen entwickelt, um dem Aufsplittern der Gesellschaft entgegenzuwirken. 

Der Aufarbeitung unsere Geschichte widmen sich viele Personen, Institutionen und Funktionen: Aber sind die totgemeinten, überwundenen, abgestoßenen, verdeckten Denk- und Lebensweisen, ist unser Leiden systemisch integrierbar? 

Aus „The Dead Don’t Die“ 2017 von Jim  Jarmusch 

Die Beschreibung von Geschichte und die Reflektion der Geschichten auf einer höheren Ebene ist doch immer noch etwas anderes als die kollektive Wirkungen von Geschichte?

Identisch wären sie nur, wenn sie in die Kommunikation von Geschichte das Nicht-Kommunizierte einschließen könnte.

Systemische Rationalität 

Zerschellt die systemische Rationalität an der Wucht der Gefühle, mit denen die Geschichte potential aufgeladen ist?

Besitzt die Systemtheorie die Fähigkeit, die sich der modernen ausdifferenzierten Gesellschaft widersetzenden Elemente (5) zu integrieren, ist die Systemtheorie der Realität einer vielschichtigen Gesellschaft gewachsen, in der Reste der Entwicklungsstufen der Menschheit latent unintegierbar gegenwärtig sind? 

Weil es keinen Widerstand von Menschen gibt, weil diese frei im All des Sozialen kreuz und querdriftenden Reste alter Einheiten, Reiche, Kulturen, Verhaltensweisen, Riten eben nicht zu orten sind, sich der Kommunikation nur als Negation erschließen und nicht erkannt werden können, aber trotzdem wirken.(6)

System Kunst

Im letzten Artikel „Beuys und die Moderne“ habe ich versucht, deutlich zu machen, dass die moderne Kunst als ein einziger Versuch verstanden werden kann, Atavismen zu integrieren. 

Der Integrationsanspruch der Kunst ging so weit, dass mit Marcel Duchamp der erweiterte Kunstbegriff schier alles integrieren wollte. Das kam auch Luhmann etwas außerirdisch vor und er reagierte wie jeder, der sich fragte, was ist dann noch Kunst, wenn alles Kunst ist.

Wenn Beuys nun den nächsten Schritt macht und davon spricht, dass „jeder Mensch ein Künstler“ ist und das Soziale ein Kunstwerk sei, das plastisch zu gestaltet ist, wie ist das systemtheoretisch zu betrachten?

Zuerst ist es nur eine Setzung innerhalb der Kunst, die behauptet, über die Kunst hinausreichen zu können, zu wollen!

Beuys sah das genau so, merkte aber an, dass innerhalb der Gesellschaft eine Notwendigkeit bestehe, den Schritt aus der Kunst in die Gesellschaft zu wagen. 

Aus Sicht von Beuys war die Zeit reif für den „erweiterten Kunstbegriff“.

Der Satz „Jeder Mensch ein Künstler“ ist keine moralische oder ethische Aussage, wie die  Ideen eines Girolamo Savanerola oder eines 

Huldrych Zwingli. Es handelt sich auch nicht um eine sozialistische Utopie, die evolutionär oder revolutionär realisiert werden sollte.(7)

Die „Soziale Plastik“ ist keine politische Forderung, wie viele fälschlicherweise annehmen, sie zeigt die Möglichkeit auf, wie Gesellschaft sich als Einheit zusammen mit den einzelnen Menschen verwandeln kann.(7)

Systemeinheit

Luhmann hat Systeme ähnlich wie Atommodelle auf einen Kern hin ausgerichtet. Soweit ich es verstanden habe, machen binäre Codierungen den Kern der Systeme aus.

Im System ist der binäre Code

  • in der Politik Macht / Ohnmacht
  • in der Wirtschaft zahlen/nicht-zahlen
  • in der Wissenschaft wahr/nicht- wahr
  • in der Kunst schön/hässlich
  • in der Religion Immanenz/Transtendenz

Wenn Luhmann über den binären Code in der Kunst schreibt, fühlt der Leser, wie er sich windet und wendet, wie er sich dreht, alle Paradoxien zulässt, Zweifel einräumt, um sie aber gleich wieder zu verwerfen, denn ohne binären Code kein Systemganzes. 

Dem praktizierenden Künstler und geschulten Kunstbetrachter erscheint die Codierung eher wie eine Zwangshandlung, weiß er doch, dass er in der Kunst mit vielen, sich völlig widersprechenden binären Codes gleichzeitig operieren muss, um mit der Vielfalt zurechtzukommen 

Schön und hässlich kommen da irgendwo auch vor, aber eben unter anderem und eher ganz hinten gereiht.

Die Kunst ist nicht monogam, sie hat viele Götter und Göttinnen, viel Musen, von der Mnemosyne ( die Erinnernde) über Klio ( die Rühmende), Thalia (die Komödiantische), der Melpomene (die Tragögische) bis zu Kalliope (die Epische) reicht die Skala der Orientierungen.

Auf einen Code in der Kunst festgelegt zu sein würde nie funktionieren, weder innerhalb der Kunst noch als Zurechnung von Außen, um den Bereich der Kunst von anderen Bereichen abzugrenzen.

Rationalität, was ist das ?

Mit den Begriffen der Komplexität und der Kontingenz hat Luhmann aus der Mathematik und Kybernetik eine Begriffsstruktur in die Soziologie eingebracht, die ich als rational bezeichnen möchte.

Das Soziale in Systeme aufzuteilen ist an sich ein rationaler Akt.

Rationalität ist für mich eine Denkleistung, die Zusammenhänge, die für sich disparat sind, vereinheitlicht und vereinfacht, wobei einige Faktoren weggelassen werden um „das, was zu sagen wäre“ auf den Punkt zu bringen. 

Rationalität ist nicht mit der Reduktion von Komplexität im sozialen Handeln zu verwechseln, auch wenn Rationalität sich von daher ableiten lässt.

Soziales Handeln reduziert immer Komplexität.

Oder anders gesagt, das Kontingente der Handlungen wird unter anderem situativ geleitet. In der einen Situation tue ich das, was ich in einer anderen nie tun würde, obwohl dies prinzipiell möglich wäre. (8)

Unter Corona haben wir unzählige Beispiele für Rationalität beobachten können, die sich später immer wieder als zweckrationaler Unsinn herausgestellt haben. Alle Statistiken, deren Parameter immer wieder nachgebessert werden mussten,  wie der Inzidenzwert, der zusammen mit der Impfung als alternativlose Rettung und Hoffnung gehandelt wurde und wird, all das ist Rationalität feinster Sahne. 

Rationalität der Systemtheorie

Die Rationalität der Systemtheorie sieht von den die sozialen Handlungen begleitenden Gefühle und Willensimpulse ab. Systemtheorie meint, Gefühlen und Willensimpulse  ausschließen zu können, um Handlungen als gereinigte Operationen darzustellen zu können und um nicht in den Subjekt/Objekt/ Konflikt zu geraten. 

Aber kann von wesentlichen Intentionen bezüglich der sozialen Handlung, wie Gefühl und Wille abgesehen werden? Können die Kerneigenschaften sozialen Handelns, wie  Wärme, Gefühl und Wille rational abstrahiert werden? Können Gefühl und Wille einfach aus dem Sozialen ausgegliedert und dem personalen oder dem biopsychischen System zugewiesen werden?

Kann von DER Quelle sozialen Handelns, von den Gefühls- und Willensäußerungen und den damit verbundenen vagabundierenden Motivationen abgesehen werden, nur um das Soziale als reine Kommunikation beobachten zu können? 

Wir können das soziale Gedächtnis für sich betrachten, in das Gefühl und Wille eingewoben ist und die ihrerseits sozial geprägt sind. Geht es um die plastische Umwandlung des Sozialen, werden Mensch und Soziales notwendigerweise wieder eins. 

„soziale Plastik“ – Systemtheorie 

Hier liegt der Unterschied zwischen einer erkalteten Systemtheorie und der Idee einer sozialen Wärmeplastik!

Die „Soziale Plastik“ bezieht Gefühl und Wille als die Quellen sozialen Handelns mit in ein. Sie bedarf dieser Elemente, da diese im plastischen Prozess mit gestaltet werden müssen. Die „Soziale Plastik“ hat keine Angst vor der Unberechenbarkeit, der Irrationalität von Gefühlen, da sie diese in den Gestaltungsprozess mit hereinnimmt. So wie für die Kunst die Wahrnehmungen und Empfindungen das Material bilden, an dem sie gestaltet, gestaltet die Soziale Plastik am Fühlen und Wollen mit. 

Die Konstruktion von Luhmann schließt das Wesentliche der Kommunikation, nämlich die Gefühle und die Willensimpulse aus, damit eine gereinigte Form von Kommunikation beobachtet werden kann!

Aber wie kann das Ausgeschlossene, nachdem das Richtige erkannt wurde, wieder eingefügt werden, ohne bevormundend, gewalttätig, anmaßend autoritär oder sozial manipulativ zu sein? 

Das frage ich die Schüler von Luhmann (1), die bisher darauf keine Antworten geben.

Wer, wie Luhmann „der Beobachtung“ einen so wesentlichen Anteil in seiner Theorie einräumt, kommt darum nicht herum, das Trübende auszuschließen. So bleibt nur mehr der Beobachtungsstandpunkt als der blinde Fleck im Auge des Betrachters und das Paradoxon, das nicht eingesehen werden kann.

Die schwer zu fassenden Gefühle und noch schwerer auszumachenden Willensimpulse würden nur die Sicht trüben, sie stehen jeder Beobachtung im Wege, machen den Beobachter nur völlig blind, ja, wenn nicht sogar rasend.(René Descartes )

Gefühle und Willensimpulse sind gefährdend, da systemüberschreitend oder anders gesagt vor-systemisch. Sie halten sich nicht an Systemgrenzen, autopoietische Notwendigkeiten und sind mehr als paradox.

Gefühle akzeptieren keine Systemgrenzen, halten sich nicht an Selbst- und Fremdreferenz, sind auch nicht vernünftig und loyal, sie sind geradezu selbstgefährdend. Sie können rational absehbar und damit beeinflussbar sein, aber sie sind wie Unkraut unausrottbar.

Gefühle und Rationalität reduzieren Komplexität

Bei Rationalität kann angenommen werden, dass die Reduktion auf bestimmte Parameter ebenso rational wieder aufgehoben und neu justiert werden kann, während Gefühle und Willensakte die Reduktion von Komplexität nach Empfindungen vornehmen, die von Vagheit bis zu radiker Ausschließlichkeit reichen können. 

Was aber leicht übersehen wird, sobald eine rationale Entscheidung gefällt wurde vermittelt diese sich als Gefühl und Willensakt und die Entscheidung ist dann nicht mehr so einfach rational zugänglich.

Liebe ein Gefühl

Die ausführlichen literarischen Studien von Luhmann zur Liebe legen den Schluss nahe, dass das sich im Sozialen ausbildende und ausdifferenzierende Gefühl der Liebe jene Kraft entfaltet, die die bürgerliche Welt dazu motivierte, das Gefühl der Liebe als verbindlichen Maßstab für soziales Handeln anzuerkennen.

Tilda Swinton und Tom Hiddleston in „Only Lovers Left Alive“ 2013 Jim Jarmusch

Dem Gefühl der Liebe wurde damit ein größerer Wert zugewiesen als den familiären wirtschaftlichen und standesgemäßen Notwendigkeiten.

Gerade die Liebe ist daher das beste Beispiel, dass ein Gefühl systemverändernd wirken kann.

Gefühle und Willensimpulse sind gewaltige Faktoren in der Systemreduktion. 

Keine noch so eloquent oder anschlussfähige Sprachform ist in der Kommunikation den Gefühlsäußerungen gewachsen, besonders wenn diese noch mit Willensimpulsen verstärkt werden. Der intentionale Sprechakt wird in der Kommunikationstheorie von Luhmann aber leider ausgeschlossen.

Verständlich ist, dass die Systemtheorie Gefühle nicht einschließt und auch den Leib in die Umwelt des Sozialen abschiebt, ist doch auf beide kein Verlass.

Aber muss das Soziale immer die Führung übernehmen, darf es nie stolpern oder sich irren, muss es immer mit Absehbarkeit rechnen?

Das Soziale nach Luhmann darf wohl paradox sein, sonst könnte es als rationale Konstruktion auch nicht funktionieren, aber es muss immer beobachtbar bleiben – so anstrengend!  

Sagen und Mythen – Vorläufer der Soziologie

Die Carabossa aus einem barocken Kunstmärchen – Zeichnung Günter Lierschof

Wollten wir die Sagen und Mythen und Kunstmärchen als  Vorläufer der Soziologie betrachten, dann könnten uns diese etwas davon erzählen, wie die gefährdenden Übergänge von einer Zeitepoche in eine andere gesehen wurden. Sie sind in Form von Personalisierungen des Bösen in ihre Erfahrungsräume integriert. 

In den Dolomitensagen, die wie eine kollektive Erinnerung an die Völkerwanderung anmuten, ist die Figur des Hexers „Spina de Mul“ diejenige Figur, die den Untergang der Fanesreiche ankündigt und einleitet.

In der Germanischen Mythologie ist Loki die Figur, die die Götterdämmerung bewirkt, als er in einem grausamen Spiel Baldur den Guten tötet.

Und in einem barocken Kunstmärchen ist die böse Carabossa die Figur, die das Ende der feudalen Herrschaft ankündigt 

„Spina de Mul“ aus den Dolomittensaagen, vorne ein Maultier, schleppt sie hinter sich ihr verrottendes Skelett her -Devotionalien von Günter Lierschof 

Liebe Luhmann Schüler: Wo ist eure Carabossa, euer „Spina de Mul“, euer „Loki“? Wo ist euer „Wagner“ geblieben, der in Goethes Faust auch jene transitorische Figur bildet, die zum Nächsten überleitet? 

Wo ist der Übergang vom Sozialen der Systemtheorie zum Sozialen der Sozialen Plastik? 

GL

(1) Die Schüler Luhmanns Dirk Baecker, Rudolf Stichweh, André Kieserling, Armin Nasses… 

(2) Bei mir wurde diagnostiziert, dass im Pförtner sich versprengte Zellteile befinden, die zu den Keimblättern gehören, die embryonal Gehirn und Nerven ausbilden und bei mir im Übergang vom Magen zum Darm die Schließfunktion des Pförtners stören. Als Neugeborener wäre ich daran fast gestorben.

(3) So wie Wladimir Putin die Logik von Demokratie nur als eine Art Scheinlogik zugänglich ist. 

(4) Ähnlich wie mafiöse Strukturen, die schwerst in den Griff zu bekommen sind, wie Luhmann selbst eingestand, ich weiß nicht mehr wo.  

(5) Das Wort „Elemente“ widerstrebt mir sehr, erinnert es mich an die Bezeichnung kriminelle-Elemente, aber ich habe im Moment nichts anderes zur Verfügung

(6) So wie die Geschichte der DDR und der Nationalsozialismus in die Gegenwart immer noch wirkt, wie der Kolonialismus immer noch wirkt und die  Geschlechtlichkeit des Menschen sich nicht verflüchtigt hat.

(7) Fonds sind große Filzstapel, die von schweren Kupferplatten beschwert sind. Der eine oder andere Fonds hat auch Kupferableiter oder Antennen, die die Energie dieser Batterien ableiten. Filz ist, wie bekannt, gepresstes Tierhaar. Der Filz, den Beuys verwendet, ist hochwertiger Filz. Die Fonds könnten als ein Gegenüber zur Idee der „sozialen Plastik“ angesehen werden, die uns sagen können, was mit ihr gemeint sei 

(8) Ein Gedanke, der von den Luhmannschülern gern so dargestellt wird, in dem die Tatsachen aber verdreht sind. Wir alle handeln normalerweise wie erwartet, um andere Möglichkeiten zu sehen, muss ich zuerst die Grenzen der Erwartungen durchbrechen.

Veröffentlicht von glierschofat

ein Zeichner, der gerne überzeichnet Vorsicht kann zur Satire gerinnen war Schüler und Mitarbeiter von Joseph Beuys & Bazon Brock

2 Kommentare zu „Carabossa und die Systemtheorie 

  1. Danke!

    Nur einmal an diesem kleinen Abschnitt einen Gedanken auf meine Art weiter verfolgt:

    „ Die Beschreibung von Geschichte und die Reflektion der Geschichten auf einer höheren Ebene ist doch immer noch etwas anderes als die kollektive Wirkungen von Geschichte?“

    Beschreibung und Wirklichkeit

    Dem Mensch als solchem, unterscheidbar von Tieren mit anderen Wahrnehmungen, stehen eine begrenzte Auswahl von Sensorien(Sinnen) zur Verfügung, Spektren „der Wirklichkeit“ zu erfassen.
    Die so reduziert aufgenommenen Signale werden zudem weiterhin ausgefiltert, um den Menschen auf seine Mitwelt reaktionsfähig zu halten(AutismusProblem).

    Die Ausprägung der Sinne sowie der Reaktionsfähigkeit unterliegen evolutionär bei Organismen
    dem Ziel:
    des Überlebens,
    der Nahrungserbeutung,
    später der Vermehrung(nicht miotisch),
    der Beweglichkeit, der Flucht etc.

    Diese, des Menschen gesamte Entwicklung ausprägende Urbedürftigkeit (die sich zB auch in der Ausdifferenzierung seines Körper niedergeschlagen hat, jenes besinnten Leibs, der Wahrnehmung von Wirklichkeit vorkonstituiert)
    ist Urprägend, Lebensfunktion bestimmend und als solche dem Bewusstsein zugleich
    a) nur in geringem Teil zugängig und
    b) es konstituierend.

    Die Urbedürftigkeit ist gewordene Wurzel des Bewusstseins und bei Nichtbeachtung nicht weniger wirksam.

    Vermögen also unsere Sinne nur einen Ausschnitt von „Wirklichkeit“ wahrzunehmen ( vom Auge aus als für Gestalt „wahrgenommene“ Dingsache repräsent und sodann res, Realität benannt); werden deren Signale zudem noch gefiltert ( in ihrer Wirkung reduziert)
    a) zum Überlastschutz des Signalverarbeitenden und zugleich Handlungs orientierten Organs und b) um die zum Überleben notwendige Reaktionsfähigkeit zu erhalten ( u.a. bei Meinungsbildung: Abbruch der rationalen Weiterverarbeitung, Verzicht auf nicht in die Intuition integriertes Wissen zugunsten überlebensnotwendig zeitnaher Reaktion – hier trigger Funktionen wie zB Panik -);
    so ist anzufügen, dass die evolutionär sehr spät entwickelte Fähigkeit, „Wirklichkeit“ zu beschreiben zu den schlechtest integrierten gehört, trotz, oder gerade wegen ihrer ausufernd entwickelten Ausdifferenzierung.

    Diese Fähigkeit ist und bleibt als erstes in ihrer Grundfunktion immer ein Fressen, ein Vernichten der Welt,
    die vom Menschen in Mund gerechte Portionen zerstückelt
    und in dem Körper verarbeitbare Elemente zerlegt wird
    um zu Energiegewinnung etc ausgebeutet werden zu können.
    Beschreibsysteme, die durch spielerischen Geistesblitz, Erinnerung und Reflektion gewonnen werden, haben diese ursprüngliche Stützfunktion.

    Der explosionsartig sich entfaltenden menschlichen Fähigkeit der Beschreibung von Wirklichkeit, die mit ihren Beschreibungssystemen neue Wirklichkeiten und Wirkungen schaft, mangelt es inhärent an jener Anpassung, für die die Evolution Jahr Milliarden benötigt hat, um trotz allem Fressen und Gefressen werden auf der Erde Vielfalt von Leben zu ermöglichen.

    Dabei ist es gerade der Stolz des Menschen, derart reduzierte Beschreibungssysteme zu entwickeln, die unter Ausschaltung der Berücksichtigung komplexer Systeme und deren Eigenschaften der Unberechenbarkeit selbstrefferenzielle Gesetze ausfindig machen können die bei Verstärkung ihrer Wirkung ….

    neue Hebel zu Fressbarmachung der Welt hervorbringen.

    Die Sozialisation des Menschen unterliegt der evolutionären Entwicklung nach Überwindung der Kindheitsphase als Einzeljäger oder Jagdgemeinschaft (Männerbünde).
    Somit ist jede Sozialtheorie, die dies nicht berücksichtigt…

    homo sa…

    Wagt er es, dies noch einmal auszusprechen,
    bevor er sich selber auf die Schliche gekommen ist?

    der Scheiterer

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