Beuys / Nationalsozialismus / Moderne

– the next generation- 

Beuys und sein Sohn Wenzeslaus 1972

Inhaltsübersicht: Verdächtigungen - Nationalsozialismus als Phänomen der Moderne - Moderne Kunst und deren Bezug zu Frühkulturen - Friedrich Nietzsche und der säkulare Staat - Die Nachkriegs-Moderne - Kunst und Schuld - Staat als Impf- und Testgemeinschaft - Mediokratie - Beuys als Lehrer - Jeder Mensch ein Beuys?

Keine Nachricht, kein Bericht, keine der unzähligen Ausstellungen kommen am 100sten Geburtstag von Beuys darum herum, sein Verhältnis zum Nationalsozialismus anzusprechen. 

Alle sind bemüht, hierzu eine Meinung abzugeben, auch wenn sie keine dazu haben. Äußerungen, wie Beuys hätte sich nie vom Nationalsozialismus distanziert bis zu gewagten psychischen Introspektionen bekommen wir zu hören.

Er habe nationalsozialistische Werte wie Kameradschaft, Deutsch-, Germanen- und Keltentum beibehalten und mit anderen Mitteln weiterhin propagiert und er habe sich zu einem christlichen Heilsbringer erhoben. Nicht zu vergessen, er habe seine Biografie zu einem Kriegsheldendrama umgedichtet, sich mit ehemaligen Nazis umgeben und  eine Anthroposophie vertreten, deren Antisemitismus und Rassismus längst nachgewiesen sei. Soweit gingen die Anschuldigungen, er hielte nichts von Demokratie, setzte er sich doch für direkte Demokratie ein. 

Eine ganz schöne Ladung, finden Sie nicht?

Es werden dazu Indizien aufgefahren wie seine Mitgliedschaft in der Hitlerjugend sein freiwilliger 12 jähriger Einsatz in der Luftwaffe, es werden Fotos gezeigt, auf denen er mit ehemaligen Kameraden der Luftwaffe zu sehen ist. 

Das dünne Beweismaterial streut nur Verdächtigungen aus, die einem Publikum vorgetragen werden, das selbst oft keine Ahnung hat, wofür Beuys zu Lebzeiten stand. Um das Unbestimmte plausibel erscheinen zu lassen, werden Gründe aufgeführt, die sich als psychologische Spekulationen erweisen.

Vom Motiv der Wunde, das von der tiefen Verletztheit der Deutschen zeugt, die den Krieg verloren haben, über die Ausgrenzung des Ostmenschen in der Eurosia-Aktion in Wien bis zur Abwertung unwerten Lebens in der Aussage: „Der größte Künstler der Gegenwart ist das Contergankind“ reicht das Spektrum der Vorwürfe (1)

All diese Anpatzerei wäre nicht der Rede wert, würde ihre flächendeckende Verbreitung nicht aufzeigen, dass Beuys sich gut eignet, nationalsozialistisches Gesinnungsgut unterzuschieben.

Nationalsozialismus

als Phänomen der Moderne 

Neben jenem Begriff der Moderne, wie er als kunstgeschichtliche Stilbezeichnung verwendet wird, steht jener der Soziologen und Geschichtswissenschaftler.

Die moderne Kunst geht, beginnend mit der Abstraktion, dem Expressionismus, über den Dadaismus bis zu jenen Richtungen wie Fluxus und Aktionskunst, denen Beuys zuzuordnen ist. 

Diesem Begriff der Moderne steht jenes Verständnis moderner Staaten gegenüber, die aus der Französischen Revolution hervorgingen. Säkulare Staaten, die egalitär verfasst sind und die als Staat auf die Industrialisierung, der damit einhergehenden Landflucht und Verarmung der Bevölkerung reagierten, und erste republikanische, demokratische Strukturen einführten oder deren Aufkommen diktatorisch unterbanden. 

Die USA, Frankreich, Italien, Schweiz, England und auch Russland zählten zu Beginn des 20 Jahrhunderts zur Moderne.

Der Begriff der Moderne wurde in der Nachkriegszeit gerne mit dem moralisch Guten in Verbindung gebracht. Es war üblich, z.B. das Bauhaus, da von den Nazis geschlossen, dem Guten zuzuzählen. Auch die Expressionisten, da als entartet gebrandmarkt, galten als gut und unverdächtig, was bei genauerer Sicht nicht den Tatsachen entspricht. Malewitsch, Mondrian, Kandinsky, Picasso und später Marc Rothko und Jackson Pollock waren in Amerika über jeden Verdacht erhaben, da abstrakt, fortschrittlich und dadurch sauber!

Dass einige der zuletzt Genannten wie Pollock oder Picasso, der Stalin-Verehrer, überzeugte Kommunisten waren, wurde vernachlässigt. 

Dass die meisten Bauämter im Dritten Reich von Bauhausabsolventen geleitet wurden, 

dass der Utopismus eines Mondrian und Corbusier äußerst totalitär war, 

dass Malewitsch und Rothko zur „Gottsucherbande“(2) gehörten, 

all das blieb lange unerwähnt, hätte es doch das Bild der fortschrittlichen Moderne getrübt.

Bei Rothkos Chapel handelt es sich um eine konfessionsübergreifende Kapelle in Houston, Texas,

Diesem moralisch gesäuberten Bild der Moderne der Kunst steht das von Staaten gegenüber, die als modern ausdifferenziert bezeichnet werden. Modern ist dort nicht moralisch bewertet, sondern die funktionale Differenziertheit macht das Moderne aus. 

Der Begriff der Moderne, wie er auf Staaten angewandt wird, ist aber ähnlich zwiespältig wie der der Kunst.

„Was in diesem Zusammenhang auch noch einmal wichtig ist: Durch die Ausdifferenzierungsprozesse der Moderne wurden die Staaten in dieser Zeit immer stärker. Die Wirtschaft boomte, die Wissenschaft florierte und Institutionen konnten auf ganz andere Weise „durchregieren. Und dass der Staat so stark wurde, hatte auch mit der Idee der Nation zu tun. Die Nation bindet die einzelnen Bürger und Bürgerinnen emotional an den Staat, auch deswegen, weil sie die Gleichheitsvorstellung plausibilisiert. Denn Gleichheit ist ja zunächst erst einmal abstrakt, nichts, was im Alltag direkt spürbar ist. Die Nation sorgte im Verlauf des 19. Jahrhunderts zunächst bei den Männern für eine neue Gleichheit, unabhängig von Stand und Geburt. Die Industriestaaten wurden auch deshalb so stark, weil sie durch Modernisierungsprozesse und die Ausweitung der Masseninklusion, Millionen loyaler Menschen hinter sich hatten. Die Ausweitung der Partizipationsrechte in dieser Zeit sollten daher auch gar nicht von dem obrigkeitsstaatlichen Motiv der Disziplinierung getrennt werden. Denn Staaten funktionieren besser, wenn Menschen sich intrinsisch zugehörig fühlen. Dabei entfaltete sich die entsetzliche, die aggressive Seite dieser stark inkludierenden Staaten, der Kolonialismus, Antisemitismus oder auch die Misogynie, die als Reaktion auf die Frauenbewegung aufblühte.“ 

So charakterisiert  Hedwig Richter im PhilosophieMagazin die Zeit des Deutschen Kaiserreichs (3). 

Im Nationalsozialismus wird der widersprüchliche Begriff der Moderne noch deutlicher. Haben die Nazis doch den Weg der Aufklärung so pervertiert, dass dieser sich in sein Gegenteil verkehrte. Trotzdem wird Deutschland unter dem Nationalsozialismus, ähnlich wie die Sowjetunion, als Teil des Projektes der Moderne bezeichnet. 

Hitler ist auf demokratischem Weg an die Macht gekommen, hat Demokratie dann aber weitgehend abgeschafft. Die Nazis haben äußerst effektiv mit Militarisierung, Aufrüstung und Autobahnbau auf die Arbeitslosigkeit reagiert und die Verwaltung rabiat modernisiert. Auch das Rechtswesen wurde modernisiert und gleichzeitig mit rassistischen und ausgrenzenden Elementen dessen Legitimation untergraben. 

Sie haben Massen organisiert und die Medien für die Zwecke des Staates optimal genutzt und die Jugend integriert, die durch die Kirchen nicht mehr angesprochen werden konnten. Wer nicht aus einem ausgesprochen antifaschistisch geprägten Haushalt kam, landete in einer der Jugendorganisationen des NS-Regimes, das war „normal“.

Der moderne ausdifferenzierte Staat zeigte gerade im Faschismus seine Widersprüchlichkeit ( 4)

„Wir sollten uns dieser beklemmenden Wahrheit stellen, dass der Nationalsozialismus ohne die Massenpolitisierung nicht zu denken ist und aus einer Demokratie hervorkam.“ (5)

Die Ausgrenzung, die eine Konsequenz des Nationalismus ist, wurde innerhalb Deutschlands viel radikaler als sonst im Westen durchgeführt. Der Andere wurde zum „unwerten Leben“, wurde als „entartet“ gebrandmarkt, war als „minderwertige Rasse“ auszuschließen, als pervers auszugrenzen, was in radikaler Konsequenz zur Vernichtung und Vergasung führte. 

Die andere, ebenso radikale Konsequenz des ausgrenzenden Nationalismus sind Expansion, Einverleibung anderer Länder, Krieg!

Moderne Kunst und der

Bezug zu Frühkulturen 

Eine der wesentlichen Charakteristika für die moderne Kunst ist ihr durchgängiger Rückbezug auf Frühkulturen.  

Ob Albert Giacomettis Bezugnahme zu den Idolen der Kykladen, Constantin Brâncușis Verbindung zur afrikanischen (und rumänischen) Volkskunst oder Picassos Vorlieben für die Höhlenbilder von Lascaux bis zu  den Strichfiguren des A. R. Penck, unzählig sind die Belege des Interesses der Moderne an ursprünglichen Formreduktionen. Die Rückanbindung zu Bildwerken jener Zeiten, in denen die Schrift noch nicht jene Rolle spielte wie in den Hochkulturen, auf die die Kunst sich seit der Renaissance bezog, scheint ein soziologisch (6) nicht untersuchtes Phänomen der Moderne zu sein.

Constantin Brâncuși

Der Rückbezug auf keltische oder schamanische Kulturen ist somit in keiner Weise ein Novum, das nur Beuys zuzuschreiben wäre, sondern die Bezugnahme zu atavistischen Kulturen ist geradezu das Kennzeichen der Moderne.

Friedrich Nietzsche und

der säkulare Staat

Die Moderne, die eng mit der Säkularisierung Europas nach der Französischen Revolution verbunden ist, bezieht Friedrich Nietzsche auf die Sehnsucht nach dem verlorenen Gott, eine Sehnsucht, die nicht gestillt werden kann.

Die Kunst der Moderne ist jener Schwamm, von dem Nietzsche sprach, als er fragte:  

„Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen?
Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun?“

Richard Wagner, der gemeinsam mit Nietzsche diese Einsicht erarbeitet hatte, reagiert so darauf, dass er in Bayreuth einen Ersatz für diesen Verlust der Religionen schuf.

Die „großkatholische“ Inszenierung Bayreuths konnte dann eins zu eins von den Nazis für ihre Aufmärsche übernommen werden. 

Die Nachkriegs-Moderne

Die Ritualisierung des Aktionismus der 60er Jahre war ganz anderer Art als die wagnerische Antwort auf den Verlust Gottes.

Ein Hermann Nitsch, wie ein Joseph Beuys waren sich des theatralischen Charakters ihrer Aktionen bewusst, Hermann Nitsch nannte seine „Schlachtopferrituale“ ein „Orgienmysterientheater“. 

Hermann Nitsch „Ogienmystereientheater“

Wenn Beuys, stundenlang in Filz eingewickelt, schwitzend, gutturale Laute von sich gab oder zur Semestereröffnung Hirschlaute ins Auditorium grunzte, wollte er kein religiöses Ritual vollziehen. Er verwies auf einen Erfahrungsschatz, auf Wissen und Fähigkeiten der Menschen, die mit diesen Kulturen verbunden sind, deren wir zur Bewältigung unserer modernen Zeit dringend bedürfen. 

Auch im „I like America and America likes me“ weist er auf den Erfahrungsschatz der Ureinwohner, in diesem Fall, auf die Erfahrung der Kojoten hin.  

Die Aktivisten der 60er Jahre wollten nicht wie Wagner und Hitler mit ihren Massenaufläufen ein religiöses Surrogat anbieten, sondern darauf hinweisen, dass in den alten Kulturen Potentiale vorhanden sind, von denen die rationalisiert ausdifferenzierte Moderne keine Ahnung hat. 

Der Qualitäten der alten Kulturen bedürfe es, um den Anforderung der Moderne gewachsen zu sein, so die These, die sich durch alle Aktionen zieht und in seinen Filz-, Fett- und Talg-Plastiken gegenwärtig ist.

Der Hinweis auf den verwundeten Menschen bei Beuys ist nicht christliches Sentiment und schon gar nicht Narzissmus eines Deutschen, der den Krieg verloren hat, sondern der konkrete Hinweis darauf, wie Verwundet-Sein ebenso gemeinschaftsbildend ist wie das Tätig-Sein der Starken und Kräftigen.

Ein Hinweis, der dem optimistischen Utopismus der Moderne, dem das Sterben und Leiden fremd geworden ist, die Kraft der Passion an die Seite stellt.

Wiederum eine Aussage, die schnell gegen den gerichtet werden kann, der das ausspricht. Das Argument, man könne mit dieser Begründung dem Anderen auch Leiden zumuten, ist irreführend und falsch.

Die Theorien von René Girard, der beschreibt, wie Opferrituale immer schon Bestandteil öffentlicher Aufarbeitung waren und es auch heute noch sind, könnten helfen, die Aktionen von Joseph Beuys oder Hermann Nietzsch zu verstehen. Auch die Rolle, die ihnen gesellschaftlich zugewiesen wird, lässt sich als eine Art Aufopferung erklären. Sie müssen öffentlich hingerichtet werden, damit Vorurteile Vorurteile bleiben dürfen und dahinterliegende Tatsachen nicht sichtbar werden müssen, da sonst das Oberste zu unterst gekehrt würde.  

Die Absolutheit des Bildes bei Kasimir Malewitsch und Piet Mondrian, die sich schon in den Ikonen des achten nachchristlichen Jahrhunderts zeigte und von denen heilende Wirkung ausging, kippt in der Moderne ins Negative. 

Die Moderne die sich die Künstler der Abstraktion herbeiwünschten, ist längst in verödeten Städten und Ländern Wirklichkeit geworden. Die Monokulturen, gerodete Wälder und die Betonwüsten sind die Realisierung Mondrianscher Bildwelten.

Auch hier zeigt sich die Widersprüchlichkeit der Moderne, deren optimistischer Utopismus in der Nachkriegszeit mit allen Mitteln aufrecht erhalten wurde und der sich schnell in sein Gegenteil verkehrt hatte.

Kunst und Schuld 

Wir brauchen gar nicht so weit zu gehen, einem Künstler nachzuweisen, dass er aktives Parteimitglied oder  Gesinnungsgenosse, Scherge der Nazis, der Stasi oder des Gulag war. 

Zerstörerische Wirkung kann er auch ohne parteiliche Gesinnung entfalten, wie wir am Beispiel radikaler Positionen abstrakter Kunst nachweisen können.

Den Künstler zeichnet eine ähnliche Radikalität wie Stalin oder Hitler aus, aber er ist Künstler. Künstler sind absolut radikal, aber keine Diktatoren und Tyrannen.

es waren gelegentliche gutturale Laute aus den Lautsprechern zu vernehmen

Der Künstler zeigt uns den Horizont menschlicher Möglichkeiten auf, ohne unmenschlich, gewalttätig, unmoralisch oder menschenverachtend werden zu sein. 

Mondrian ist bei seinen Bildern geblieben und war innerhalb  seiner Bilder radikal, hat aber keine Wälder niedergemäht.

Gut, in dem Sinne, wie wir moralisch Gut und Böse trennen, kann ein Künstler nicht sein.

Künstler sind nicht unmoralisch, sondern amoralisch!

Das Drama der Medea ist grauenhaft, aber notwendig, es zeigt uns, wozu wir Menschen fähig sind, wozu wir getrieben werden können, was „menschlich“ möglich ist. Das hinausgehen über die Grenzen zivilisatorischer Regeln ist die Stärke der Künstler.

Insofern ist nichts leichter als an Beuys Böses, Ekliges, Grausiges, Schreckliches, Armseliges zu finden. Alles an ihm ist verdächtig, bleibt verdächtig und erregt unsere Aufmerksamkeit.

Celic, Edinburgh

Wenn Beuys in Celtic im stundenlangen Ritual die Gelatine von den Wänden kratzt, die er vorher dorthin geworfen hatte, kann das ekelig wirken. 

Gelatine besteht aus ausgekochten Knochen.

Das heißt, er hat tote Tiere an die Wand geschmatzt, die er dann wieder abkratzt und sich – nach dem er sich die Füße gewaschen hatte – über den Kopf schüttete. 

Wieviel Fleisch und Knochen werden in ihrer Stadt  

verarbeitet ? Waschen Sie sich auch täglich die Füße, da sie stundenlang im Blut der Tiere gewatet sind, die für Sie getötet wurden, im Blut der Menschen wateten, die für Sie starben? 

Aber uns geht es in Mitteleuropa doch bestens ? Waren unter Corona nicht alle Regale voll und hatten wir nicht durch das Virus vorgeführt bekommen, mich trifft es nur, wenn es auch alle anderen trifft?

Mitteleuropa verfügt über einen wirtschaftlichen Standard, durch den jedem Bürger ein Vielfaches zur Verfügung steht, im Vergleich zu anderen Ländern. Wir werden geimpft, obwohl andere nicht in den Genuss eines Virenschutzes kommen, wir essen und fressen, obwohl andere nichts zu essen haben usw. Ja, so einfach ist das!

Was hat Beuys gemacht? Er hat nicht den Zeigefinger erhoben, sondern hat vorgeführt, wie er seine und damit unsere Existenz erlebt. 

Was er machte, es ist ganz einfach, jedes Kind versteht das, dazu bedarf es keiner aufwendigen Interpretation. 

Jemand muss nur zu Hause gesehen haben wie eine Rindssuppe gekocht wird, wie diese erkaltet und sich eine gallertige Gelatine bildet, die wir Aspik nennen. Mit ein wenig Einfühlungsvermögen kann er die Celtic-Aktion, die Beuys 1970 in Edinburgh durchführte, verstehen.

Wenn jemand solche Aktionen mit den Toten des Krieges und den abgeschlachteten Menschen in KZs in Verbindung bringt, ist ihm das nicht zu verdenken. Damit kommt er der Sache sehr nahe!

Wieso Beuys, indem er das zeigt, einen größeren Anteil an Schuld auf sich nimmt als wir, die Nachgeborenen, das ist mir unbegreiflich.

Staat als

Impf- und Testgemeinschaft,

Gottesstaat oder 

Mediokratie ?

Die Moderne Kunst macht uns deutlich, dass den ausdifferenzierten modernen Staaten etwas fehlt, das sie in Richtung Perversion treibt, denn das demokratisch Fehlende wird nicht erkannt und tagtäglich in den Gemeinschaften immer wieder erneuert. 

Der Gottesstaat, der für muslimische Gruppen eine attraktive Antwort bietet und der Staat als Impf- und Testgemeinschaft, an dem wir gerade arbeiten, kann wohl nicht die Lösung sein. (7)

Die Lösung ist weder ein Gottesstaat, noch konstitutionelle Monarchien oder autoritär geführte Mediendemokratien, sogenannte Mediokratien (8), denen sich unsere Demokratien zunehmend annähern. 

Kunst & Naturwissenschaften im Nationalsozialismus 

Das Biotop, in das jemand mit 12 Jahren hineingestellt war, nachdem die Nazis in Deutschland die Macht übernommen hatten, könnte durch die Kunstauffassung und dem damaligen Stand der Wissenschaft ergänzt werden.

Beuys hatte uns gegenüber immer betont, dass ihn die Naturwissenschaften schon als Kind sehr interessiert hatten und er lange nicht gewusst hätte, ob sein Weg nicht der des Naturwissenschaftlers sein würde. Er erwähnte auch, dass ihn dieses Interesse an Naturwissenschaft und Technik zur Luftwaffe führte, nicht seine Überzeugung, für die Nazis in den Krieg zu ziehen. 

Eingezogen wäre er so oder so geworden, ihm schien die hochwertige Ausbildung der Luftwaffe geeigneter, seinen naturwissenschaftlichen Interessen nachzugehen als irgendwo im Schützengraben zu verenden. Scheinbar war in der Luftwaffe eine hervorragende Ausbildung gewährleistet. Die Angst der Alliierten, die Deutschen könnten eine Atombombe bauen, lässt ebenso auf einen hohen wissenschaftlichen Standard schließen, auf den das Militär zurückgreifen konnte. 

Beuys erwähnt auch, dass er immer auf dem neuesten Stand der Atomphysik war, ihm die Heisenbergsche Unschärferelation, Erwin Schrödingers und Nils Bohrs Theorien bekannt waren und er sich schon früh damit auseinandergesetzt hatte.

All das und seine botanischen und zoologischen Kenntnisse führten ihn letztlich zur Kunst. 

An seinem Lebensende führte er anlässlich einer Preisverleihung in seiner Rede“Dank an Wilhelm Lehmbruck“ (w) aus, dass ein schlechtes Foto einer Figur von Lehmbruck ihn dazu motivierte, Kunst zu machen, anstatt nur Fliegenbeine zu zählen ( Naturwissenschaftler zu werden). Die Körperdarstellungen der Nazi-Bildhauer waren grauenhaft, aber diese Figur von Lehmbruck eröffnete ihm ein Menschenbild, an dem es sich als Künstler zu arbeiten lohne, so Beuys. 

Lehmbrucks Figuren sind das Urbild der „Sozialen Skulptur“, sagte Beuys mit schon etwas gebrochener Stimme.

Beuys als Lehrer

In den 60ern, als die inszenierte Biographie von Beuys auftauchte mit der „Ausstellung einer Schnurbarttasse“ seines Vaters, dem Flugzeugabsturz, der Rettung durch die Tartaren, die ihn in Filz wickelten, „Ausstellung an Dschingiskhans Grab“, der „Kleve, Ausstellung einer mit Heftpflaster zusammengezogenen Wunde“, schlug diese Biographie gewaltig ein:

Ein Künstler verließ die akademisch buchhalterische Form einer Biographie und machte daraus Kunst. Wow, war der mutig, dachten wir! Wir erlebten diesen Akt als einen gewaltigen Schritt, dachten aber im Traum nicht daran, dass Beuys daraus in sechzig Jahren ein Strick gedreht werden könnte, an dem seine Bedeutung aufgehängt wird.

Dieser Biographie, in der er – besser und kürzer könnte sie nicht gemacht werden – sein Leben als Künstler abgehandelt hat,(9) stelle ich hier dem Satz von Beuys: „Jeder Mensch ein Künstler“ gegenüber.

Vorher noch eine Bemerkung: 

Bei persönlichen Begegnungen mit ihm wurde deutlich – das sage nicht nur ich, das beschreiben viele Menschen ähnlich – Beuys sah in jedem Menschen ein großes Potential, das dieser an sich selbst oft noch gar nicht entdeckt hatte.  

Beuys zu Besuch in der Zeltschule in Hamburg – einem Ableger der HfBK Hamburg – in den 70er Jahre

Beuys hatte einen respektvollen und würdigenden Umgang mit Menschen, wie es einem noch nie begegnet ist. Seine Zuwendung zum Anderen ging weit über Höflichkeit und üblichen Respekt hinaus.

Eine Korrektur bei Beuys war ein faszinierendes Erlebnis, wovon jeder berichtete, der einmal dabei war. Bei jedem anderen Hochschullehrer wusste man nach zwei, drei Korrekturen, was er sagen würde, bei Beuys war man immer überrascht, wie er auf sein Gegenüber und auf dessen vorgelegte Arbeiten reagierte.

Viele die dabei waren beschreiben übereinstimmend, dass man nie wusste, was passieren würde, ob er sich nur bedankte, still alles durchblätterte, Reihen bildete oder mit seinem Gegenüber über dessen Wünsche sprach………Unzählig waren die Varianten, so viele Menschen, so viele Varianten gab es da zu beobachten.

Wenn Beuys sagte, seine größte Kunst war die des Lehrens, hat er wohl Wesentliches ausgesagt, denn genau das hat sich auf uns Schüler übertragen. Wir wurden gute Lehrer, die an Schülern Potentiale entdeckten, die diese sich selbst nie zugtraut hätten.

Jeder Mensch ein Beuys?

Was als Lehrer im persönlichen Gegenüber funktioniert, geht das auch als allgemeiner Satz: „Jeder Mensch ein Künstler“?

Will jeder Mensch eine unverwechselbare Individualität sein, so wie es ein Künstler sein muss, um als Künstler gelten zu können?

Nein: Jeder will nicht ein Beuys sein! Zu sein wie jede/ jeder, darauf hat jede/jeder dasselbe Recht, wie darauf, ein unverwechselbares Individuum zu sein. Ein unverwechselbares Individuum kann / darf auch in der Menge untergehen wollen.

Insofern ist der beispielgebende Beuys genau das Beispiel, das den Satz „Jeder Mensch ein Künstler“ infrage stellt, denn so wie Beuys kann und will keiner sein.

Keiner will sich gerne als Faschist beschimpfen lassen, keiner will gerne für das Unvermögen seiner Zeitgenossen herhalten, dafür, dass diese ihre Vorurteile behalten dürfen. 

Helden braucht es, aber will jeder ein Held sein?

Künstler sind in einer Weise Helden. Als öffentliche Personen können sie ohne weitere Konsequenzen von jedem abgewatscht werden, wie wir gerade an Beuys beobachteten. 

Ist das jedem zuzumuten?

Ähnlich wie das Konzept des Übermenschen von Friedrich Nietzsche funktioniert auch das Konzept „Jeder Mensch ein Künstler“ nur sehr bedingt, denn dieser Überkünstler ist, sobald jeder ein Künstler ist, kein Künstler mehr, sondern einfach nur mehr ein Mensch als soziales Wesen, und das „Künstler-Sein“ fällt von ihm ab wie eine Hülle!

Der erweiterte Kunstbegriffes, der das Individuum zum allgemein Menschlichen erhebt, hat sich in der Moderne als systematische Verdummung der Menschen egalisiert. 

Der Satz von Andy Warhol „Jeder für 5 Minuten ein Weltstar“, spricht das aus. Mit seiner Mediokratie ist der Kapitalismus effektiver als der Nationalsozialismus und Kommunismus, in der Realisierung von Gleichschaltung.

Der Konsum hat die Wahrheit der „Sozialen Plastik“ so pervertiert, dass diese im alternativ Kleinteiligen, im Rückzug, sich wiederfinden möchte. 

Bis dass das Ideal der Sozialen Plastik sich realisiert, müssen wir, ähnlich der Wiederkunft Christi, das Ereignis in die Unendlichkeit verschieben. 

Bis dahin braucht es Künstler, die sich dem Unbill ihrer Mitmenschen aussetzen.

„Festival der neuen Kunst“, Technische Hochschule Aachen 1964

GL

  1. besonders krasse Beispiele, die an NS-Propaganda herankommen: https://twitter.com/beuysbts?s=20

(2) Bazon Brock „Ästhetik gegen erzwungene Unmittelbarkeit,

Die Gottsucherbande“ – Schriften 1978-1986

(3)Hedwig Richter im PhilosophieMagazin 

(4) Interessant wäre es hier, den Begriff der Ausdifferenzierung bei Luhmann, mit diesem Phänomen des modernen Staates in Verbindung zu bringen. Dazu gibt es sicher Material..? 

(5) Hedwig Richter im Gespräch mit Jakob Augstein | Wochenzeitschrift  „der Freitag“ 12/2021

(6) d.h. nur, mir sind hierzu keine Untersuchungen bekannt.

(7) Die Konstitutionellen Monarchien Hollands und Englands haben als Integrationsfiguren zwar Königsfamilien und sind damit vielleicht etwas besser gerüstet wie wir, diese nach dem ersten und zweiten Weltkrieg erzwungenen Staatsgemeinschaften Deutschland und Österreich.

( 8) Unter Mediokratie verstehe ich eine verklebte Einheit von Medien, Parteien, Staat, Wirtschaft und Wissenschaften, die die Öffentlichkeit so manipulieren, dass diese medial beherrschbar und steuerbar werden. Ein Indiz, wie nahe wir an einer Mediokratie sind, ist die Zeit vor Wahlen. Wenn bei Wahlen ganze Themenkomplexe, die unsere Wirklichkeit bestimmen gar nicht mehr zur Sprache kommen, sind wir einer Mediokratie sehr nahe! Wenn, wie im letzten Jahr, ganze Fragenkomplexe aus der Öffentlichkeit abgedrängt werden, sind wir einer Mediokratie sehr nah!

(9) An dieser Biographie orientierte sich dann auch der Aufbau des Beuys-Buches, das vonGötz Adriani und… beim DuMont Schauberg-Verlag 1973 erschien ist und aus dem die meisten der Bilder zu Beuys hier übernommen sind.

Veröffentlicht von glierschofat

ein Zeichner, der gerne überzeichnet Vorsicht kann zur Satire gerinnen war Schüler und Mitarbeiter von Joseph Beuys & Bazon Brock

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