+ Beuys – Luhmann

Die Batterie: 

Capribatterie

Zum hundertsten Geburtstag von Beuys wird eines offensichtlich: Die Informationen über das, was er gemacht, gesagt, getan hat, sind Allgemeingut geworden. 

Bemerkenswert ist, wie Joseph Beuys aktuell als Person und mit seinem Werk zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit herangezogen wird. Sicher hat man da den Richtigen gewählt, nur nicht in dem Sinne, wie von diesen Kritikern angenommen – dazu Ausführliches im nächsten Beitrag in #luhmannsschwarzenheften.

Joseph Beuys Gostprofessor in Hamburg 1974 mit Shelly Sacks und dem Autor

Dieses Phänomen der Rezeption weist – jenseits aller antifaschistischer Erregtheit – darauf hin, wie Beuys immer noch im Sozialen der Gegenwart aktuell ist.  

Um sich dem Sozialen in der Gegenwart zu nähern, möchte ich den Begriff des Sozialen von Beuys mit dem von Luhmann vergleichen und die Frage stellen: Beziehen sich beide auf dasselbe? Wie unterscheidet sich ihr Blick auf die Gesellschaft?

Unabhängig davon, wie das Ergebnis ausfallen wird, es wird im Vergleich eine Batterie mit zwei Polen bilden, die Energie liefert.

Persönliche Parallelen

Beide stammen aus einem ähnlichen sozialen Umfeld, beide haben beruflichen Erfolg, sind verheiratet mit Frauen aus großbürgerlichen Verhältnissen mit denen sie Kinder hatten und bis zu Tod zusammen leben. Sie sind beide hervorragende Hochschullehrer. Beide erleben den Zweiten Weltkrieg, auch ihre Biografie zeigen Parallelen in der Zeit des Nationalssozialismus auf. Bei öffentlichen Auftreten lassen beide sich nicht vom Scheinwerferlicht der Medien irritieren. Beide sind gute Beobachter und Zuhörer, können auch öffentlich schweigen.  

Vergleich der Denkansätze

Auf den ersten Blick nimmt in diesem Vergleich die „Systemtheorie“ den analytischen Platz ein, den passiven des Beobachters, der eine Position sucht, durch die er – dem Ziel der Wissenschaft entsprechend – nüchtern und distanziert, sich dem Phänomen zu nähern sucht. Luhmann betont ausdrücklich, dass Soziologie als Wissenschaft  selbst Teil der Gesellschaft ist.

Beuys macht die „Soziale Plastik“ nicht zum Teil der Gesellschaft, sondern sie ist für ihn Gesellschaft. Er nimmt die angenommene Plastizität der Gesellschaft zum Anlass, diese gestaltend zu bearbeiten.

Dem Aktivum im Verständnis der sozialen Plastik steht der eher passive Begriff der Beobachtung der Beobachtung gegenüber,  sowie die Selbstverpflichtung der Systemtheorie, das Kontingente sozialer Gegebenheiten einem Innen und Außen zuzuordnen. 

Von der Denkbewegung her besteht ein Richtungsunterschied zwischen dem um sechs Jahre älteren Künstler Beuys und dem Juristen und ehemaligen Verwaltungsbeamten Luhmann.

Der „erweiterte  Kunstbegriff“ 

von Beuys baut auf der Tradition der Kunst auf und schlägt vor, deren Erfahrung für die Gestaltung der Gesellschaft zu aktivieren. Beuys erweitert, will darüber hinaus, möchte die Erfahrung der Kunst auf ein anderes System, auf das Ganze übertragen!

Luhmann hingegen fragt: Wie kann Kommunikation überhaupt zustandekommen bei all den verunmöglichenden Faktoren? Luhmann reduziert bzw. beobachtet Reduktion und verortet Kommunikation sprachlich.

Die Systemtheorie 

geht von dem epistemiologischen Verständnis aus, dass Erkennen dem Handeln vorauszugehen hat, sieht, dass Erkennen sehr wohl auch Handeln ist, aber fokussiert letztlich stärker auf Beobachten und begriffliches Erkennen als auf intuitives Tun im Vorfeld von Erkenntnis.  

Der Begriff der „Sozialen Plastik“, geht davon aus, dass sich erst im intuitiven Zugriff Gesellschaft zeigt und gestalten lässt.

Die Systemtheorie greift über analytische Begriffe ein, während die soziale Plastik in soziale Strukturen direkt eingreift, deren Grenzen übertritt und ein anderes Verständnis von Geschichte mit einbringt.

Die „Soziale Plastik“ 

nimmt die Einheit von Handeln und Denken vorweg, unabhängig von einer dem Handeln vorausgehenden Einsicht in soziale Strukturen und Systeme. Auch die Soziale Plastik muss von einer gegebenen Gesellschaft ausgehen, von deren Institutionen, Strukturen und Systemen und dem, wie Gesellschaft  kommunikativ handelt. 

Die „Soziale Plastik“ ist anfänglich eher naiv und beginnt damit, dass das, was in der Welt als Einheit erscheint, einen Anfang darstellen kann, unter der Oberfläche gegenwärtiger sozialer Strukturen noch atavistische  Kräfte wirken, die in der rationalen Gegenwart verloren gingen, aber immer noch wirken. 

Sie sieht Gesellschaft als plastisch an, die sich wie plastisches Material zum Gestalten anbietet.  Zusammenhänge werden im Handeln erkannt. 

Als Kunst ist Erkennen und Handeln nicht zeit-räumlich auseinander gezogen wie in der ausdifferenzierten Wissenschaft. Ob diese Vorgänge in der Kunst systematisch auszudifferenzieren sind, bezweifle ich und frage mich, ob das nicht kontraproduktiv wäre.

Die „Soziale Plastik“ braucht keine vertiefende vorausgehende  Beschreibung der Gesellschaft, ihr genügt eine „Symptomatik“. Sie scheint über so etwas wie diagnostische Fähigkeit zu verfügen, um an Hand dieser Symptomatik „Therapien“ einleiten zu können. 

Wie der Bildhauer, Stein, Holz und der Plastiker Ton, Wachs, Talg oder Fett vorfindet, findet der soziale Skulpteur in der Welt Städte, Strassen, Plätze, Schulen, Hochschulen, Krankenhäuser, Museen, Ausstellungen, Beziehungen, Geld, Medien usw. vor.

In der Ortung der plastischen Gestalten liegen die Systemtheorie und die Soziale Plastik nicht weit auseinander, auch Beuys spricht vom Geldbegriff, arbeitete mit  Museen und Städten gestaltend zusammen, ist ein Meister der medialen Vermittlung.

Die Soziologie als Systemtheorie geht auch von einer sozialen Plastik aus – zumindest könnte dies so beschrieben werden.

Systemtheorie sucht sich wiederholende Vorgänge, um deren innere Logik zu erkennen, spricht von Komplexität und Reduktion, von Kommunikation und deren Anschlussfähigkeit, entwickelt Modelle, um zu klären, wo/was eingeschlossen und wo/was ausgeschlossen wird, wie Grenzen und Differenzen entstehen, was Teil eines Systems oder dessen Umwelt ist.

Als Wissenschaft 

ist die Systemtheorie selbst Teil der Gesellschaft, in die sie über Hochschulen, Publikationen und Medien, mit den von ihnen erarbeiteten Begriffen und Unterscheidungen gestaltet sie an der Welt mit. Nicht zu vergessen die Schüler, die diese Denkschule hervorbrachte und die einen wesentlichen Teil deren gesellschaftlicher Wirkung ausmachen.

Die Systemtheorie verfügt über ein Kompendium an Schriften, Tonaufzeichnungen und über Luhmanns Zettelkasten, womit „präzise“ nachvollzogen werden kann, was Luhmann unter Systemtheorie versteht.

Joseph Beuys hat ein künstlerisches Werk, unzählige Aufzeichnungen von Gesprächen, Fotos, Filmdokumenten und Katalogen hinterlassen, die auch „präzise“ wiedergeben, was er mit seinem erweiterten Kunstbegriff wollte. Der Anteil an schwer zu entschlüsselnden Arbeiten und Aktionen, ist bei Beuys weit höher. 

Luhmann hat sich hingegen einer axiomatischen Sprache bedient. 

Legen wir den erweiterten Kunstbegriff auf Luhmann um, müsste dieser lauten: 

„Jeder Mensch ein Wissenschaftler“

würde die  Forderung einer Matura und eines Bachelors für alle beinhalten können. Unter Corona sind wir dieser Forderung: „ Jeder Mensch ein Wissenschaftler“, wesentlich näher gekommen.

Dieser Vergleich verdeutlicht die verschiedenen Dankansätze und deren Sichtweisen auf Gesellschaft.

Das Werk von Beuys lässt einen weitläufigen Interpretationsrahmen zu 

Die Systemtheorie und Luhmann selbst haben sich durch ihre Sachlichkeit der Beschreibung resistent gemacht gegenüber öffentlicher Meinung, den üblichen linken oder rechten Kritiken, gegenüber Ungerechtigkeiten und fehlender Gleichheit.

Hier enthält sich die Systemtheorie wertender Urteile, da es ihr weniger darauf ankommt, was z.B. gerecht ist, als dass sie sich drauf konzentriert, wie diese Frage kommuniziert wird. Sie ist von der Einsicht geleitet, dass die Form, wie Gerechtigkeit kommuniziert wird, Ungerechtigkeit schaffen kann.

Die Systemtheorie ist hier ganz bei der Kunst, 

die  überwiegend danach fragt, wie etwas dargestellt wird, der es  weniger auf das Dargestellte ankommt, als auf die Darstellung (Gustav Courbet).

In der Sozialen Plastik bilden das Plastizierende und die Plastik selbst eine Einheit oder – wie Luhmann sagen würde – es handelt sich um ein autopoetisches System. Michelangelo sagte dazu, er lege nur frei, was im Stein verborgen ist. Die Materie und die Arbeit an dieser bilden eine untrennbare Einheit. Das Urteil mischt sich nicht zwischen Denken und Tun trennend ein.

Der Künstler 

gibt sich der Intuition hin, das ist seine Passivität, die aber nicht ohne aktiven Eingriff ins Vorhandene  geschieht.

Die Kunst beschreibt ihr Tun immer eher passiv, da wird nichts geschaffen, erschaffen, da wird eher zugelassen,  sich hingegeben, statt nur willentlich zu gestalten oder methodisch auszuführen. 

Methode ist in der Kunst eine Erzählung, die nachgereicht wird. Es gibt wohl immer gleiche oder ähnliche Abläufe, hier aber von Methode zu sprechen, wäre verfehlt.

Intuitives Denken und Wirkmächtigkeit des Handelns bedingen sich in der Kunst gegenseitig. Abgeleitet aus dem Handwerk – woher auch der Begriff der Autopoesis stammt – hat die Kunst ein Maß und Regelwerk entwickelt, das von Künstler zu Künstler weitergegeben wird.

Übertragen auf den Satz „Jeder Mensch ein Künstler“ heißt das: jeder Mensch hat durch seine Sozialisation  Fähigkeiten erlernt, um Mitgestalter (nicht Demiurg) an der sozialen Plastik sein zu können. 

In der Kunst wird nicht gedacht, analysiert, geplant, um anschließend ausgeführt zu werden. Denken und Ausführen sind eine untrennbare Einheit. Nicht, dass es kein Verweilen, Beschauen, Urteilen, keine Pausen oder sich wiederholende Abläufe gäbe, aber dies ist nicht getrennt vom intuitiv imaginären Tun.

In der Kunst gibt es nur die Frage: Wie und wo wird angesetzt, wie soll’s weitergehen, wann ist aufzuhören? Mehr nicht.

Auch Hervorbringung und Rezeption sind nicht in ein Davor und Danach zu gliedern, sie finden gleichzeitig statt. Die Betrachtung von Kunst ist genauso aktiv und produktiv wie das Machen von Kunst selbst. Rezeption und Produktion können nicht wirklich unterschieden werden

Eine Stufe höher : 

Im Hintergrund der Sozialen Plastik stehen die Methoden der Kunst, die das Gliedernde der Wissenschaft  überspringt, übergeht, oder so ähnlich. 

An meiner Beschreibung wird deutlich, dass ich die Methoden der Soziologie zur Beschreibung der Kunst brauche und Kunst wie ein älterer Zustand der Wissenschaft erscheint. 

Einer der wesentlichen Unterschiede ist das Verhältnis von Denken und Handeln, das in der Wissenschaft differenziert ausgebildet ist, aber damit „erkaltet“, während in der Kunst das „wärmende“ der Sinne und Gefühle immer in die Gestaltung mit einbezogen bleibt.( Hier verwende ich die Beschreibungsart der sozialen Plastik.)

Der Plastiker arbeitet an der Plastik und gleichzeitig an seinen Sinnen. Er gestaltet seine Gefühle indem, er die vor ihm stehende Figur durch dazugeben (additiv) und wegnehmen (subtraktiv) formt.(1).

Würden die Wissenschaftler die Methode der Kunst übernehmen, müssten sie Dichter, Romanschreiber, Bildhauer, Schauspieler, Opernregisseur, Performer und Journalist werden.

Sie bräuchten nicht mehr brav ihre Worte abwägen, könnten provozierend die Fragen der Journalisten an diese zurückgeben und statt beredt Politiker und Journalisten zu beraten, könnten sie schweigen und damit die beste Antwort auf den Tatendrang der Politik geben, die öfters einmal nicht handeln sollten.   

Würde die Kunst die Methode der Wissenschaft übernehmen, würde sie zum Corona-Patienten mit unabsehbarem Krankheitsverlauf werden – das führt uns die Gegenwart vor Augen. 

Das wären einige Sachbezüge, die hinter dem Begriff des Sozialen bei Beuys und bei Luhmann stehen. 

Rationalität versus Spiritualität

Gespräch mit Hagen Schirmer Verlag Köln

Ganz ausgeklammert habe ich bisher die geistesgeschichtlichen Referenzen beider Figuren. Die Rückführung auf einen radikalen Konstruktivismus bei Luhmann und die Theorie der Black Box, die dessen Weltbeschreibung durchzieht.

Im Gegensatz dazu scheint die Esoterik von Beuys zu stehen, seine Anthroposophie, sein Rückgriff auf den gesamten Mythenkatalog, von den Griechen, über die Kelten und Germanen bis zum Christentum.

Auch bei Luhmann fehlen die christlichen Bezüge nicht, so wird der Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies zur Begründung der Black Box herangezogen.

Ein wesentlicher Unterschied besteht darin, dass Luhmanns Bezug auf das Geistige (diese alteuropäische Tradition) als ein radikaler Negativ-Bezug à la Hegel gesehen werden kann, während Beuys sehr wohl vom  „Eingebunden-Sein“ des Menschen in einen geistigen Kosmos ausgeht.

Beuys sieht sich und uns über eine Art Nabelschnur mit dem Geistigen verbunden.

( Ich orientiere mich in dieser Beschreibung an Zeichnungen von Beuys, in denen eine Art Plazenta zu sehen ist, mit der wir – Mensch und Tier – verbunden sind.)

Die unübersehbare Einheit von Mensch und Tier bei Beuys und seine Verweise auf archaische Spiritualität  kann als Hintergrund seiner Idee herangezogen werden, aber wie er selbst sagt, nicht als Atavismus, sondern als eine bereichernde Möglichkeit für Gegenwart und Zukunft. 

Die Aussage, dass erst in der Jetztzeit eine soziale Plastik möglich sei, schließt nicht aus, dass archaische Bilder und Aktionen diese befördern können, legen die Mythen doch tiefere Schichten des menschlichen Begehrens frei, die zivilisatorisch überformt sind, so die Argumentation von Beuys.

Auch Luhmann sieht eine historisch vielschichtige Gesellschaft, in der Altes und Neues nebeneinander existieret, obwohl sein Interesse die Formen der sozialen Ausdifferenzierung fokussiert.

Mit diesem Rückbezug auf ältere Kulturen steht Beuys nicht alleine. Von Brancusi, Picasso über die abstrakte Kunst bis zu Hermann Nitsch spannt sich in der Moderne ein Bogen, der sich auf Präkulturen bezieht. 

Diese kunstgeschichtliche Tatsache erhebt sich über den Ideologieverdacht, der Beuys als Ewig-Gestrigen abstempelt. 

Der Mensch aus- eingeschlossen

Der Eindruck liegt nahe, die Systemtheorie schließt den Menschen aus und Joseph Beuys setzt den Menschen mit dem Satz „Jeder Mensch ein Künstler“ ins Zentrum.

Dass die Systemtheorie den Menschen ausschließt, ist  aber nicht ganz präzise. Sie schließt den Menschen in ihrer semantischen Reihung als Ursache des Sozialen aus, als Agens des Sozialen. Das naive Denken hingegen setzt den Menschen voraus, meint es doch, der Mensch sei das Soziale.

Die Systemtheorie nimmt den einzelnen Handelnden (Menschen) heraus, damit  

Konstruktionen wie Motivation, Interesse, Bewusstsein, Ich, Es, ÜberIch, Physiologie, physischer Körper, Ethik, Moral, Werte  usw. das Wesentliche des Sozialen, die Kommunikation und deren Bedingungen nicht verdecken, bevor diese in Erscheinung treten können.

Luhmann richtet wesentlich den Blick auf die Kommunikation, denn alles Wirken muss immer irgendwann und irgendwie kommuniziert werden um sozial zu sein. Alles ist erst über Kommunikation der Fall ( Wittgenstein). Über Kommunikation wird der Mensch erst sozial. Seine psychische und körperliche Einheit, macht ihn noch nicht zu einem Teil des Sozialen. Diese bleibt autonom, bleibt außerhalb des Sozialen, ist nach Luhmann Umwelt des Sozialen. 

Damit lässt er dem Menschen die nötige Freiheit und verzweckt ihn nicht sozial, drängt Ethik und Moral aus dem Sozialen hinaus. Diese können und sollten das Soziale nur von Außen beeinflussen. Ethik ist nicht die innere Notwendigkeit des Naturrechts.

Die soziale Plastik ist aus dem erweiterten Kunstbegriff hervorgegangen und insofern ist deren Referenzhorizont  ein völlig anderer als jener der Systemtheorie.  Auch wenn sie sie sich von der alteuropäischen Denktradition abzusetzen sucht, bleibt sie gerade durch ihre Distanzierung darauf bezogen.

Auch die „Soziale Plastik“ bleibt trotz Erweiterung auf die Geschichte der Kunst bezogen.

Zur Tradition der Kunst

Der Bezug der Sozialen Plastik zur Tradition der Kunst und  deren Wirkungsfeld verweist auf ihre enge Beziehung zu Religionen, zu den Mythen und Erzählungen, zur symbolischen Sprache, dem Tanz, Schauspiel und Riten. Kunst hat Wesentliches zur Entwicklung der Medien, zur Entfaltung der Städte, der Medizin, zur Ausgestaltung der Religionen und zu den Grundlagen der Wissenschaft beigetragen. 

Diese Herkunft ist zu bedenken, um den Vergleich des Sozialbegriffes von Beuys und Luhmann anzureichern.

Hinter dem Begriff der „Sozialen Plastik“ steht ein Verdi, ein Richard Wagner, ein Phil Glass, die Wirkung der Bilder von Raffael bis Beuys, des Theaters von den griechischen Anfängen bis Brecht, die Entdeckung des Romans, die Entwicklung des Films, die Talkshow, wie das Rockkonzert. 

Plastik als Disziplin

Die Idee der Sozialen Plastik ist auf die Entwicklung der Plastik als Disziplin bezogen. Das Spektrum reicht von der ursprünglichen Tier- und Menschenplastik bis hin zur Fettecke . 

Innerhalb der Disziplin der Plastik wurde über den „erweiterten Kunstbegriff“ die Transformation zur Idee der „Sozialen Plastik“ vollzogen. 

Kunst erweitert auf..

Beuys kann auf Kunstwerke zurückgreifen, die die Erweiterung des Kunstbegriffes belegen, so wird der vermeintliche Appell „Jeder Mensch ein Künstler“ anschaulich. Beuys kann mit seinen Werken belegen ( 7000 Eichen) was damit gemeint ist! 

Das Verständnis von Plastik bei Beuys veränderte sich als er mit  Filz, Fett und Talg zu arbeiten begann, mit Produkten unser Tierhaltung, die von Beuys zur Kunst erklärt wurden. 

Tierprodukte als Vorstufe der sozialen Plastik.

Unschlitt/Tallow (Wärmeskulptur auf Zeit hin angelegt)
1977

Diese Objekte und Aktionen mit den Materialien Filz, Fett und Wurst wurden dann vom  Kunst- und Kulturbetrieb weltweit als solche anerkannt, was für unsere Frage des Sozialen wesentlich ist! 

Die Vereinnahmung der Tradition des Schauspiels, des Musiktheaters, der Erzählung, des Romans, der Fotografie, wie des Filmes bis hin zur Popkultur als  Hintergrund der Sozialen Plastik ist keine Pauschalversteigerung, mit der hier angegeben werden soll. 

Diese Bereiche wurden im Dadaismus, in der  Fluxusbewegung und auch von Beuys selbst mit einbezogen und als solche von der Kunst- und Kulturwelt angenommen. Was wiederum für unsere Frage nach dem Sozialen bedeutend ist. 

Beuys beherrschte die Inszenierung auf Großveranstaltungen, wie im intimen hermetisch geschlossenen Raum, den er auch öffentlich machte. 

Von der Geburt bis zu seinen psychischen-physischen Zusammenbrüchen wurde alles öffentlich und wird noch immer öffentlich verhandelt.

Vergangenheitsbewältigung

Gerade  zu seinem 100sten Geburtstag wird sichtbar, wie an ihm der Zweite Weltkrieg nocheinmal aufgearbeitet wird, oder gerade nicht. Faschismus und Nationalsozialismus werden gegenwärtig mit Beuys verbunden. Ob die Vorwürfe des ewigen Nazijungen stimmen oder nicht, wesentlich ist, dass er immer noch einen Projektionsraum bietet, in dem sich die Zeit spiegeln kann.

Beuys lebte die Transformation des Begriffs der Plastik, hob die Kunst aus den Nischen exklusiver Kunstbetrachtung in eine breite Öffentlichkeit, in vollgefüllte Säle, in Aulen, auf die Titelseiten der größten Zeitungen der Welt und in die Weltnachrichten.

Diese Hintergründe, aus denen sich die Idee der „Sozialen Plastik“ nährt stehen ihr in gewisser Weise auch hinderlich entgegen: 

Denn „jeder Mensch ist nicht Künstler“ und schon gar nicht will jeder Beuys sein, bewundern ja, aber so sein: Nein!

Von den frühen Arbeiten an Tierplastiken bei Mataré, über die Fettecke, die Talg-Monumente ( Museum Mönchengladbach), bis zu den 7000 Eichen und der Gründung der Partei der Grünen legt er den Transformationsprozess seines Begriffs der Plastik vor. 

Die intimen sakralen Räume werden verlassen und auf die Bühne gehoben. Auf der Documenta in Kassel, errichtete er über den 7000 Stelen eine Bühne, wo er vor den Kameras der Welt die Zarenkrone Iwan des Schrecklichen in einen FriedensHasen umschmolz.

Von Bielfeld aus in die Welt

Soziographisch betrachtet, pendelte Niklas Luhmann in derselben Zeit zwischen seinem Schreibtisch, der Bibliothek und der Universität, seinen Vorlesungen und Seminaren, von diesem zu jenem Kongress und zurück zum Schreibtisch, um an den Zettelkästen und seinen Büchern emsig zu arbeiten. Kurzzeitig mit der Familie in Amerika, arbeitete er im biederen Bielefeld an seinem  Lebensprogramm, das er pünktlich nach dreißig Jahren mit dem  Werk „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ beenden und veröffentlichen sollte. 

Wie Beuys hatte er Familie mit Kindern, war engagierter Hochschullehrer und seine Ideen einer Theorie der Gesellschaft wurde ab dem Luhmann/Habermassstreit  öffentlich diskutiert und auch medial wahrgenommen. Seine Schüler wurden zu gefragten Rednern und Beratern  und in der BRD kam ihnen breite Aufmerksamkeit zu. 

Luhmann war vernetzt, zumindest zeugte die von ihm zitierte Literatur von einer weltweiten akademischen Vernetzung. Wieweit zu Lebzeiten seine Literatur schon in andere Sprachen übersetzt war, weiß ich nicht. Trotz seines USA Bezuges über Talcott Parsons scheint er im angelsächsischen Raum weniger rezipiert worden zu sein, als im deutschen und spanischen Sprachraum.

Seine Tochter erzählte anlässlich der Übergabe des Zettelkastens ans Luhmann-Archiv, als Kinder hätten sie oft nicht 

mehr von ihrem Vater gehabt, als den nächtlichen Lichtschein unter der Tür seines Arbeitszimmers.

Um Luhmann und Beuys scharten sich vorwiegend Männer, Frauen waren in den ersten Reihen exzellente Ausnahmen, was für dieser Generation nicht unüblich war.

Von Düsseldorf aus in die Welt

Viel mehr hatten Jessica und Wenzel, die beiden Kinder von Beuys höchstwahrscheinlich auch nicht von ihrem Vater, der mehr Zeit mit uns, seinen Schülern verbrachte, als mit seiner Familie.

Mit all den Aktionen, öffentlichen Diskussionen und den Projekten, die Beuys weltweit betrieb ( bis nach Amerika, England, Italien und Japan führten ihn seine Tätigkeiten ), hat der Systemtheoretiker Luhmann sicher „nichts am Hut“. 

Auch mit einem Personenkult, mit Kleidung , Auftreten und Gestik, die Beuys gekonnt ins Bild setzte,  hatte der Theoretiker der Systemtheorie wenig im Sinn.

Beide konnten in der Öffentlichkeit sehr zurückhaltend sein, auch wenn Beuys das öffentliche Agitieren wichtig war.

Luhmann und die Kunst

Kunst wurde von Luhmann eher mit spitzen Handschuhen angefasst. Es löste Erstauen aus, wie ein so chaotischer Club funktionieren kann und sich trotz permanenten Wandels und den unterschiedlichsten Ansätzen tradiert und zusammenhält. 

Wie kann diese große Wandlungsfähigkeit  gleichzeitige  Stabilität und Kontinuität herstellen, fragte sich Luhmann. Dass die Kunst für Luhmann ein schlüssiges Modell für  Autopoesis abgab – ich hoffe mich noch richtig zu erinnern – ist nicht verwunderlich. 

Die Extrovertiertheit, die Agitation, das Politische, das zugreifend Gestaltende war Luhmann außerhalb des akademischen Raumes eher fremd. 

Sein politisches Engagement für die CDU ist wohl auch nur als Episode zu sehen im Gegensatz zum ernsthaft kontinuierlichen politischen Einsatz von Joseph Beuys. 

Für einen Systemtheoretiker ist verständlich, dass in der Kunst ein Beuys auftritt und das Modell Kunst als die Orientierungshilfe für Gesellschaft vorschlägt, der mit dem Weltentwurf der Soziologie konkurriert (2).

Der Mensch fehlt in der Systemtheorie – auch bei SARS-CoV-2

2020/21 hat uns gelehrt, wie der Mensch plötzlich im Umfeld von Virus SARS-CoV-2 auftaucht. Wir hätten vor Corona nicht gedacht, dass die Frage nach dem Menschen über ein Virus in Erscheinung tritt.  

Sie haben richtig gelesen, im Virus tritt der Mensch in Erscheinung:

Der Mensch als das Fehlende 

Und für unsere Frage wesentlich: Es tritt in Corona vorerst der leiblich physische Mensch als Fehlendes in Erscheinung, wenn auch bei weiterer Sichtung dieses Fehlende als fehlendes Soziales zum Vorschein kommt.

Das Virus wurde isoliert – etwas, das ohne Menschen gar nicht existent wäre – aber der Mensch dazu fehlte. Wir hatten das Virus definiert, aber wussten noch nicht, wie das Virus auf die Menschen wirkt. Das Fehlende müssen wir mit hilflosen Krücken, wie Statistiken, Sterbe- und Infektionsdaten, PCR-Tests , Impfung  usw. Stück für Stück nachreichen.

Damit sind zuerst nur die medizinischen Elemente genannt. 

Was der Handel, die Wirtschaft, das Geldwesen, Beziehungen und die weltweiten Unterschiede zwischen Nationen und Erdteilen zur Pandemie beitragen,  wie diese unterschiedlichsten Voraussetzungen an der Pandemie mitgestalten, das können wir alles noch nicht richtig erkennen.

Aber ein plastischer, sich selbst bestimmender Vorgang wird deutlich, lange bevor unsere analytischen Instrumente greifen können. 

Anthropozän

Wir können nicht wahrnehmen, inwiefern wir selbst die Ursache dieser Epidemie sind. Obwohl wir annehmen müssen, dass das Virus ein Phänomen des Anthropozän ist, wissen wir dazu faktisch wenig. 

Ab hier ist es erfolgversprechend, weniger vom Menschen, als vom Sozialen zu sprechen, von den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Kommunikation unter Corona. 

Kommunikation weltweit

Die Kommunikation auf staatlicher und überstaatlicher Ebene, wie der WHO, der EU und anderen Zusammenschlüssen, der Wirkung der weltweiten Konzerne, den sozialen Unterschieden zwischen Indien und Europa, zwischen Südamerika und Europa, zwischen dem Westen und der restlichen Welt, um nur einige Punkte aufzuzählen, die strukturell die Coronakrise bestimmen.

Corona, so epidemisch es auch wirken mag, hebt die weltweiten Unterschiede krass hervor, ja verstärkt diese, auch wenn unsere Nachrichtenlage so tut, als würde Corona in Indien wie in England, Spanien oder Schweden dasselbe sein.

Die Vergleiche der Ansteckungszahlen, der Todeszahlen sind eine neue Form des Kolonialismus oder nennen Sie es Imperialismus! Alleine die Verteilung an Impfdosen weltweit zeigt, in welcher Welt wir uns befinden.

Die Systemtheorie machte etwas ganz Ähnliches wie das Virus: Es schließt den Menschen aus, damit dieser sich zu Wort melden kann und die Frage der Kommunikation deutlich wird.

Conclusio

Diese Überblendung, das sich wechselseitig Erklärende des Vergleichs #Beuys_Luhmann, die aufgezeigten Unterschiede und Widersprüche in der Annäherung, der sich diametral gegenüberstehende geistesgeschichtliche Hintergrund und die verblüffende Feststellung, dass Corona den Menschen wieder ins Zentrum rückt, aber nicht als Menschenbild oder Ideologie, sondern als Körper. Damit rückt die Frage der weltweiten Kommunikation an oberste Stelle unserer Agenda. 

Der Vergleich von Beuys und Luhmann erweist sich als produktiv  

Es zeigt sich, dass die Theorie der ausdifferenzierten Gesellschaft den sich aufwerfenden geschichtlichen Verformungen, die vergleichbar den Alpen, tiefere Schichten nach oben bringen, nicht gewachsen erscheint. Der erweiterte Kunstbegriff, der Atavismen in sein Fühlen und Denken einbezieht kann der geschichtlichen Gleichzeitigkeit eher entsprechen.

GL

(1) Im Gegensatz zum Bildhauer der am Stein oder Holz nur (subtraktiv ) wegnehmen kann.

Die Ausdifferenzierung nahm ihren Ausgangspunkt, mit der Entwicklung der Schrift.  Diese wandelte sich von der Bilderschrift zu Lautschrift und handelte die Komplexität des Bildes gegen Lautdifferenzierung ein. In Japan und China später und anders vollzogen als in Europa. 

(2) der Link wurde mir von Ramy Youssuf zur Verfügung gestellt:

Veröffentlicht von glierschofat

ein Zeichner, der gerne überzeichnet Vorsicht kann zur Satire gerinnen war Schüler und Mitarbeiter von Joseph Beuys & Bazon Brock

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