Corona in den 60er Jahren – was wäre gewesen, wenn?

Viren sind keine Tulpen!

Die Frage müsste lauten: Wäre Corona in den 60er Jahren überhaupt vorstellbar gewesen? Hätte es damals so geheißen?

Wäre es wie heute in Erscheinung getreten? Auf welche gesellschaftlichen Verhältnisse wäre das Virus getroffen?

 Propyläen: Mein Text ist – wie alle meine Texte – als Selbstvergewisserung gedacht. Ich versuche mir Geschichten über das Phänomen CORONA zu erzählen.  Einen Anspruch auf Faktizität habe ich nicht. Im Fall einer Simulation werden Fakten durch Phantasie und Einfallsreichtum in Fiktion verwandelt.

Der Name der Krankheit und seine Diagnose

Im epidemiologischen Steckbrief es RKI ( Robert Koch Institut) – Stand vom 19.4.2021 – ist zu lesen:

„Die Infektion mit dem SARS-CoV-2 präsentiert sich mit einem breiten aber unspezifischen Symptomspektrum, sodass die virologische Diagnostik die tragende Säule im Rahmen der Erkennung der Infektion, des Meldewesens und der Steuerung von Maßnahmen ist.“ 

Das ist ein zentraler Satz, weist er doch darauf hin, dass in der Gegenwart nur über eine virologische Diagnose die Krankheit feststellbar ist, während eine symptomatologische Diagnose unmöglich erscheint. 

SARS-CoV-2 ist das Coronavirus, das Anfang 2020 als Auslöser der COVID-19 Erkrankung identifiziert wurde.

Wohlgemerkt gibt es hier zwei Namen für dasselbe: 

Mit SARS-CoV-2 wird das Virus bezeichnet, mit COVID-19 die Erkrankung (1), die in ihren Symptomen so variabel ist, dass die Krankheit darüber nicht diagnostizierbar ist.

Anfang der 60-er Jahre wäre eine virologische Diagnose nicht möglich gewesen. 

Erst seit 1959 begann sich die Biochemie verstärkt auf die RNA (Ribonukleinsäure) zu konzentrieren, deren Kenntnis eine Voraussetzung dafür ist, dass 2020 für die Erkrankung COVID-19 der Erreger  SARS-CoV-2 erkannt werden konnte.

So gesehen wäre in den 60er Jahren die Diagnose der Krankheit über den Erreger wissenschaftlich unmöglich gewesen. Der Erreger von SARS wurde erst ab 2003 als  „SARS-Coronavirus“ (SARS-CoV-1) bezeichnet.

Andererseits war die Erforschung der mRNA (Messenger-RNA genannt), die Voraussetzung dafür, um den Impfstoff zu entwickeln – der ursprünglich für die Krebstherapie vorgesehen war.

Auch gab es in den 60er Jahren noch keinen PCR-Test. Die Grundlage dafür wurde erst 1983 durch Kary Mullis gelegt, der dafür den Nobelpreis für Chemie erhalten hatte.

In den 60er Jahren hätte somit die Aussage eines wissenschaftlichen Institutes wie des RKIs lauten müssen: Die Diagnose dieser Erkrankung (die sicher Grippe genannt worden wäre)  kann nur symptomatisch erfolgen.

Da in der Gegenwart – aufgrund des  enormen wissenschaftlichen Fortschritts – der Erreger zuerst bestimmt werden kann, müssen wir das „unspezifische Symptomspektrum“ (RKI) nachreichen und das in einem weltweit stattfindenden Szenarium, an dem die gesamte Weltbevölkerung beteiligt ist.

Dass dies zu einer babylonischen Sprachverwirrung führen muss (1), ist unumgänglich.

Die WHO gab es schon, aber diese hätte den weltweit wirksamen Charakter des Virus nicht so schnell erkannt, wie 2019/20 und es hätte nicht so schnell eine Pandemie ausgerufen werden können.

Die 60-er Jahre 

das soziale Umfeld, 

auf das die Infektion getroffen wäre

Die Vorform der heutigen EU, die EWG( Europäische Wirtschaftsgemeinschaft), bildete zusammen mit der EURATON (Europäischen Atomgemeinschaft) und die EGKS ( Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl)  den europäischen Wirtschaftsraum. 

Auch hat es noch keine gemeinsame Währung mit europäischer Zentralbank gegeben. Die gigantischen Summen, die aktuell durch die Europäische Zentralbank zur Verfügung gestellt wurde, standen den Nationalstaaten nicht zur Verfügung. Auch die Finanzierung der Forschung durch die EU an den Impfstoffen wäre nicht möglich gewesen. 

Auch die nationalen Institutionen, die heute die Kurzarbeit ermöglichen, fehlten als strukturelle Voraussetzung.

In den 60er Jahren hätten Staaten wie Italien, Spanien, Griechenland weder das Überbrückungsgeld für die Betriebe, noch für die Kurzarbeit aufbringen können.

Hätte man auf das verhasste, aber bewährte Modell der Verstaatlichung, des Arbeitsdienstes und der Essensmarken zurückgegriffen?

Hätte man die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln Mitte der sechziger Jahre sicherstellen können?

Vom freien Warenverkehr war noch nicht die Rede. Zögerlich ging man an den Abbau der nationalen Zollschranken. Infrastruktur und Logistik der Versorgung waren auf einem völlig anderen Stand. 

Der Einzelhandel bestimmte das Ortsbild, die Lieferung von der Produktion direkt zum Supermarkt  gab es noch nicht.  Die Lieferketten zwischen Produktion und Käufer waren länger. Zwischenlager und Großhandelszentren bestimmten das Bild des Handels.

Hätte überhaupt Mitte der 60er Jahre ein Lockdown ausgerufen werden können? 

Die damaligen Politiker hätten wahrscheinlich gewusst, dass die Bevölkerung nicht versorgt werden könnte. Erst durch digital organisierte Lieferketten und national geöffnete Handelsgrenzen ist eine Lockdown, wie wir ihn erleben, möglich.

Einkaufswägen vollgefüllt mit Fertigpizzen und anderen vorgefertigten und eingefrorenen Speisen, exotischen Gemüsen, Obst und Maracuia-Säften, hätten wir in den 60er Jahren nicht beobachtet. 

Hätten wir 1965  uns Essen liefern lassen? Damals gab es noch Hausfrauen, die jeden Mittag kochten. Weniger Frauen waren damals in den Arbeitsmarkt eingebunden, das Hausfrau-Sein war die Regel.

Hätten die Menschen nur mehr über den Quelle-Katalog bestellt und ihre Bücher bei Readers Digest geordert? Hätte die Post einen Sonderdienst eingerichtet, um der Menge der Versandbestellungen nachzukommen? 

Die privaten Paketdienste wurden erst viel später ausgebaut, um die Angebote von Amazon & Co. in rauen Mengen frei Haus liefern zu können.

Die Nachmittagsbetreuung der Kinder wäre wahrscheinlich kein Problem gewesen. 

Hätten Schulen überhaupt geschlossen werden können?

Es gab  noch keinen PC im Haus, um Onlineunterricht zu ermöglichen. Die Vervielfältigung von Unterrichtsunterlagen war eine Seltenheit. Vielleicht wären ja die Aufgaben telefonisch über Halb- oder Viertelanschluss weitergegeben worden oder per Rundfunk und Rundbrief?

Ravioli, Dosenbohnen, Würste, Sardinen und Roastbeef in Dosen wären zu Hause gestapelt worden. Die Mutter hätte vermehrt Kraut eingestampft, gekochte Eier eingelegt und Grammelschmalz ausgelassen.

Obst und Gemüse der Jahreszeit wären aus dem eigenen Garten oder vom Bauern geholt, eingekocht,  eingesalzen und fermentiert worden.

Auf die Kakis aus Israel – ein ganz besonderes Ereignis am Wochen-Markt – hätten wir verzichten müssen. 

Der einzige Sender mit POP-Musik, der Saarländische Rundfunk wäre heißgelaufen. Die Bücher von Karl May und die Comics von Donald Duck und Prinz Eisenherz würden zerfleddert getauscht worden sein. Den Kindern, die auf den Straßen spielten, wäre nicht aufgefallen, dass plötzlich kein Verkehr mehr ist, denn es gab damals wenig davon.

Ein halbes Jahr Schulausfall wäre in der damaligen Bildungslandschaft gar nicht aufgefallen, die Kinder lernten mehr auf der Straße, von Freunden und Verwandten als in der Schule, so zumindest meine Erinnerung.

Inwiefern es wegen Lieferschwierigkeiten zu einer Ölknappheit gekommen wäre, weniger für Autos als für die Industrie, wären auch zu bedenken.

Hätte sich das Geschehen auch auf den Vietnamkrieg ausgewirkt?

Flugverkehr und internationale Reisen waren noch bescheiden, meine Schwester reiste drei Wochen per Schiff von Rotterdam nach New York. Damals hätte sich das Virus viel langsamer verbreitet.

Die mediale Berichterstattung war bestimmt vom Ost-West-Konflikt. Daten und Informationen zur Infektion wären –  falls zu uns vorgedrungen  –  als Propaganda und Feindeshandlung ausgelegt worden, als Folge der Kulturrevolution in China oder wären der schlechten Versorgungslage in der Sowjetunion zugeschrieben worden.  

Wo wären ohne die soziale Medien die Querdenker? Bei den nationalistischen Bumsern aus Südtirol? 

Wäre die naive Technikgläubigkeit, die in den 60-ern die friedliche Nutzung der Atomkraft und Großprojekte wie  wie Autobahnen und gigantische Wasserkraftwerke bestimmte, durch ein pandemisches Ereignis irritiert worden?

Wäre der buntstrahlende Aufbauoptimismus der 60er Jahre mit ihrem Lilienporzellan der Marke Daisy, der Aussicht auf eine neue Waschmaschine, Kühlschrank,  VW Käfer und den  lang ersehnten Italienurlaub, nicht mächtiger gewesen, als die Angst vor einer Pandemie?

Lilienporzellan Marke Daisy

Die Kriegsängste vor Bomben, Feuersbrunst und Tod  wurden in den 60er Jahren bestens verdrängt, und man blickte einem strahlenden Konsumzeitalter entgegen.

Corona in den 60ern….? 

Ja, als ein schrillbuntes Eisgetränk mit Schlagobers und Strohhalm?

CORONA hätte uns in den 60ern wahrscheinlich wenig beeindruckt:

Wir hatten Elvis!

Elvis Presley

Blick vom Oberdeck aus

Je weiter ich dieses Denkspiel treibe, umso mehr drängt sich mir der Eindruck auf, in den 60er Jahren – egal mit oder ohne dem Namen Corona – hätte es diese Infektion nicht gegeben oder wir hätten sie damals ganz anders wahrgenommen. 

Die Vergegenwärtigung der historischen Differenz wirft die irritierende Frage

 auf:

Markieren Viren soziale Veränderungen?

Der Fortschritt der Molekularbiologie, die Digitalisierung, die Errichtung übernationaler Institutionen, die Einführung des Euro sowie die Veränderungen in der Produktion, in der Logistik, im Konsumverhalten seit den 60er Jahren wirft die Frage auf: 

Wären wir damals für Corona gerüstet gewesen?

So stellt sich die absurde Frage: Haben wir 2020/21 Covid-19 nur, weil wir darauf vorbereitet sind?

Ist das zu eurozentrisch gedacht, trifft Corona doch auch Nationen, deren soziale Entwicklung hinter dem Stand Mitteleuropas in den 60er Jahren zurücksteht?

Zwei Ansichten

1.Die Auffassung, wir haben Corona, weil wir es so sehen, vertreten Fachleute wie Dr. Wolfgang Wodarg und Professor Sucharit Bhakdi. 

Die Pandemie,d.h. das weltweite Wirken des Virus ist aber nicht auf zu viele Tests, ungenaue Statistiken und falsche Zahlen zurückzuführen. Nicht darauf, dass wir das Virus falsch abbilden! 

Es weist auf ein Virus hin, das nicht zu unterschätzen ist, wenn auch nicht ganz klar ist, wieviel dabei Annahme ist. Wir können uns diese Annahmen jetzt scheinbar sozial leisten und unterziehen damit unsere Sozialsysteme einem Stresstest. Wieviel der Wirklichkeit der Natur des Virus zuzurechnen ist, bleibt offen.

2. SARS-CoV-2 ist ein Virus in der Reihe der Coronaviren, die sich permanent verändern und über Fledermäuse oder andere Tiere auf den Menschen übertragen wurde. Als solches ist es erstmalig 2020 in China festgestellt worden und von  SARS-CoV-2 kann angenommen werden, dass es vorher so nicht existiert hat. 

Was heißt das?

Dass Corona Teil des Anthropozän ist?

Meine etwas dilettantische prosaische Dystopie macht deutlich, SARS-CoV-2 hätte es in den 60er Jahren nicht geben können, dieses Virus ist ein Phänomen unserer Zeit.

Wie kann es so etwas geben, sehen wir von göttlicher Einflussnahme ab?  Was nichts anderes wäre, als diese Herausforderung an Gott zurückzugeben.

Kann ein Grundbaustein des Lebens – so werden die Viren bezeichnet – mit dem zu tun haben, was wir über die digitale Technik entwickelt haben, in der internationalen globalisierten Welt an Verbindungen geschaffen haben, wie wir die Umwelt belastet haben, was wir als Menschen geworden sind? 

Unvorstellbar – so oder so ähnlich könnte das Phänomen beschrieben werden.

Wenn Sie bis hierher gelesen haben und mich jetzt nicht für ganz „meschugge“ halten, weiß ich auch nicht, was ich von Ihnen halten soll. Denn ich behaupte, es ist „meschugge“, was anderes fällt mir im Moment dazu nicht ein! 

GL  

(1) Die im letzten Artikel zu „babylonischen Sprachverwirrung“ angesprochen semantische Verschiebung nimmt hier ihren Ausgang.

Veröffentlicht von glierschofat

ein Zeichner, der gerne überzeichnet Vorsicht kann zur Satire gerinnen war Schüler und Mitarbeiter von Joseph Beuys & Bazon Brock

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