Sprachverwirrung unter Corona -babylonisches Ausmaße?

Masaccio „Vertreibung aus dem Paradies“ Fresko 142

Die Vertreibung aus dem Paradies erzählt, wie die Menschen nicht mehr mit Tieren, Pflanzen sprechen konnten, wie die Schöpfung sich ihnen verschloss. 

Der Mensch war zu etwas anderes als Natur geworden. In Zukunft müssen die Menschen sich darüber verständigen, was Natur ist und was sie selbst sind.

Babylon und die Götterdämmerung berichten davon, wie Worte und Sätze, die bisher auf Sachen, Zustände und Ereignisse zutrafen, plötzlich nicht mehr griffen und sich damit die gesamte Welt veränderte. 

So warten wir alle – gerade unter Corona – auf Pfingsten!   

Pieter Brueghel d.Ä. „Der Turmbau zu Babel“ 1563

           

Noch nie wurde die Aussage von Niklas Luhmann – Kommunikation und das Soziale seien nahezu identisch – so deutlich beobachtbar wie im letzten Jahr.

Die Masken standen schon seit Anfang Corona als Fanal am sozialen Himmel und vermittelt en (1): „Haltet endlich den Mund, hört zu, seht genau hin!“

Seit einem Jahr wurden viele bewährte Formen sprachlichen Zugriffes auf die Welt außer Kraft gesetzt. Auch alle Kritik, die bisher funktioniert hat, funktionieren jetzt nicht mehr.(2)

Es sind minimale Beobachtungen, die wir – ohne recherchieren zu müssen – im Alltag vorfinden. 

„Sind das Verschiebungen, wie sie im Bedeutungswandel der Sprache üblicherweise geschehen oder handelt es sich dabei um seismographische Ausschläge, die gewaltige  Verschiebungen der Sozialen Tektonik anzeigen“, frage ich mich.

In den ersten Wochen und Monaten der Pandemie hörten wir oft die Klage, wieso es kein anderes Thema mehr gebe. Ist Ihnen aufgefallen, dass diese Argumentation fast ganz verschwunden ist?

Wer aufmerksam zuhörte, konnte beobachten, dass Bezeichnungen wie Pandemie, Infektion, Impfung, Krankheit, Tod, Überleben, Wahrscheinlichkeit, Statistik, Option, der Andere, die Anderen, die Welt usw. im Laufe dieses Jahres einen ganz anderen Sinn bekamen. 

In welche Richtung der Wandel geht, ist noch nicht klar, aber eine Verschiebung (3) kann deutlich wahrgenommen werden.

Wir verwendeten dieselben Wörter weiter, bemerkten aber schmerzlich, dass sich die Semantik geändert hatte. Die bisherig selbstverständlichen Bezüge haben sich in einer Weise verschoben, dass es uns bis heute schwer fällt, ihnen neue Sachbereiche zuzuweisen.

Beginnen wir mit dem Begriff Pandemie. Erinnern Sie sich noch, wie vor einem Jahr die Weltgesundheitsbehörde die Definition änderte und mit einem Male regional auftretende Infektionen zur Pandemie erklärt wurden, woraufhin weltweit ein Lockdown nach dem anderen ausgerufen wurde (4). 

Meine Vermutung ist, jeder von uns, der mitdenkt, stellt sich gelegentlich im Stillen die Frage: Handelt es sich wirklich um eine Pandemie oder machen wir uns da was vor? 

Die Gefährlichkeit des Virus wird niemand bestreiten, aber muss Lockdown auf Lockdown folgen oder würden gar ausgesetzte oder weniger Maßnahmen die Situation überhaupt nicht ändern? Diese Frage muss erlaubt sein!

Obwohl die Fakten weltweit dagegensprechen erwehrt sich so manch einer nicht des Gefühls, im falschen Film zu sitzen.

Mit dem Begriff Infektion war gemeinhin die Vorstellung verbunden, dass ein Infizierter auch krank sei. Die Diagnose „an-Krebs-erkrankt“ wurde so verstanden, dass man tatsächlich erkrankt war. Inzwischen ist jemand mit einem negativen Coronatest noch lange nicht sicher , ob er nicht trotzdem infiziert ist. Interessant ist dabei die Verschiebung von positiv zu negativ, sowie die verzerrende Trennung von Krankheit und Infektion. (5)

Impfung hatte einem bisher weitgehend vor einer bestimmten Krankheit geschützt. Es herrschte die Auffassung (6): Ist jemand geimpft, steckt er niemanden an.

Wird man gegen Corona geimpft, kann man sich nicht sicher sein, ob man die Krankheit nicht trotzdem bekommt oder weiterhin ansteckend ist.

Die Sicherheiten, die durch die Impfung versprochen wurden, sind nicht mehr gewährleistet und trotzdem setzen wir auf sie als die sicherste Möglichkeit zur Eindämmung der Infektionen.

Diese Verschiebung ist auf sich ändernde wissenschaftliche Methoden in der Diagnose, wie in der Herstellung  der Impfstoffe zurückzuführen. 

Die Bedeutungsverschiebungen in der Kommunikation ist notwendig, weil wir differenziertere Begriffe brauchen, um das mikrobiologische Phänomen „Corona“ erfassen zu können. Das differenzierte biologische Wissen mit vielen offenen Optionen – die Symptomatik wird bei Corona nachgereicht – vermittelt aber den Eindruck, aus diesem Kreislauf nie mehr herauszukommen.

Werden im Wissenschaftsbereich viele Optionen offen gehalten, so verfügt dieser über Strukturen und Hierarchien, diese Komplexität im Falle notwendiger Entscheidungen zu reduzieren. Das System, offener Optionen ( der Wissenschaft) auf Politik, Medien und auf die öffentliche Diskussion zu übertragen, erzeugt Verwirrung, da hier Strukturen fehlen, die Eindeutigkeit (7) ermöglichen.

Der Wechsel von einer auf Symptomatik bauenden Medizin zu einer molekularbiologisch bestimmten Medizin, der nicht hinter gesicherten Mauern der Labors und Forschungsstätten geschieht, sondern im Labor Menschheit experimentell vollzogen wird, macht allen schwer zu schaffen.

Der Einzelne ist völlig überfordert, wenn er den Beipackzettel seines Medikamentes liest. Unter Corona sind wir alle in dieser Situation, ob von der Krankheit betroffen oder nicht, der permanent nachgerüstete „Beipackzettel“ wird uns von morgens bis abends „vorgelesen“.

Während bisher ein Krankheit im Alltag etwas Individuelles war – man hatte Schnupfen – oder die Grippe hatte einen 14 Tage lahmgelegt, irgendwann hatte man gehört, dass Menschen daran sterben, aber betroffen hat es, wenn, nur mich und die mir nahestehenden Freunde oder Bekannten, nie eine ganze Nation oder die ganze Welt. 

Noch nie war ich für deren Krankheitsverläufe verantwortlich!

Ob einem der Tod eines Menschen betraf oder anrührte, war Umständen zuzuordnen, die nur teilweise beeinflussbar waren, für die wir nicht zuständig waren – so die bisherige Auffassung. 

Unter Corona hat sich das Verständnis grundlegend gewandelt. Es hat den Anschein, als wäre jeder für alle verantwortlich und wir müssten alles über diese Krankheit wissen, die zu einem schmerzlichen Tod für alle führen kann.

Tag für Tag wird uns verdeutlicht, dass diese Krankheit nicht mich alleine trifft, sondern potentiell alle treffen kann! 

Aber ist das so? 

Jedes Mitglied der Gesellschaft hat diese Krankheit zu bekämpfen, ja mitzuhelfen diese auszurotten, so wird uns vermittelt. 

So hat sich der Begriff der Solidarität – bisher ein Begriff im Arbeiterkampf – zu einem Begriff sozialer Hygiene-Ethik verwandelt. 

Bisher war nur im äußersten Grenzfall der Arzt, die Medizin, die Gesellschaft Schuld am Tod eines Menschen. Unter Corona muss jede millionste Möglichkeit in Erwägung gezogen werden, um eine Ansteckung zu verhindern, auch wenn dies zu den absurdesten Lösungen führt (8).

So wollte man zB. die Reduzierung von Unfalltoten mit Hilfe des Tempolimits erreichen und dies geschah als institutionalisierte Regelung, von den Menschen unbemerkt und ohne moralischen Impetus. Unter Corona werden solche funktionalen Verfahren durch restriktive Anordnungen ersetzt und werden moralisch belegt.

Seit einem Jahr ist unser Verhältnis zum Tod ein völlig anderes geworden. Der Tod ist nicht mehr Schicksal des Einzelnen oder ein Faktor in allgemeinen Statistiken, sondern jeder individuelle Coronatote gefährdet die gesamte Gesellschaft!

Würden ohne Maßnahmen oder durch andere Maßnahmen die Todeszahlen wirklich so steigen, wie uns die Hochrechnungen vormachen? Das fragen sich viele – leise oder laut.

Liegen den Hochrechnungen doch nur wenige Parameter zugrunde! Weder die sozialen noch gesundheitlichen Folgeschäden, die durch die Maßnahmen entstehen, sind eingerechnet, auch kennt man nicht jene Faktoren, die dazu führten, dass Menschen nicht angesteckt wurden.

Unzählige Faktoren fließen nicht in unsere Hochrechnungen ein, welche die Grundlagen für unsere Handlungsentscheidungen bilden. 

Die abwehrenden Wirkungen unserer Immunsysteme und die Faktoren für Gesundheit werden nicht erfasst.

Der Tod ist unter Corona nicht mehr ein individueller Tod, sondern ein Ereignis, das uns alle gefährdet, nicht nur das System der Politik, sondern das soziale System als Ganzes

Dabei ist egal, ob die Gefährdung des Ganzen faktisch nachweisbar ist. Alleine die Möglichkeit, es könnte geschehen, ist unter Corona gleichzusetzen mit der Tatsache, dass es geschieht.

Wieso es zu dieser Gleichsetzung von Wirklichkeit und Möglichkeit unter Corona kam, weiß ich nicht, aber faktisch ist jetzt Wirklichkeit und Möglichkeit identisch geworden. 

Welche Konsequenzen hat diese Einsicht? 

Hieronymus Bosch, „der Heuwagen“ um 1450 – 1516.

Sehen wir auf die Wirkung der Pest im Mittelalter, so war die Verallgemeinerung des Todes ein wohltuendes Mittel, die Schichtung im Sozialen für einen Moment auszusetzen. 

Im imaginären Moment eines Jüngsten Gerichtes werden alle gleich sein, ob Kaiser, König, Edelmann, Bischof, Papst, Ritter oder Mönch. Vom Tod werden sie alle genarrt sein, wie die Szene auf dem Heuwagen von Hieronymus Bosch uns anschaulich vermittelt. 

Was sagt uns dieser Vergleich? 

Wieso brauchen wir heute den Tod als Bedrohung des Kollektivs, der Gemeinschaften, der Nationen, des Staates und der überstaatlichen Organisationen, ja der Welt? 

Was läuft so schief, dass wir es nur durch die Gefährdung des Ganzen aufzeigen können, von der keiner genau sagen kann, ob sie real oder fiktiv ist?

Eines macht uns der Vergleich mit dem Mittelalter deutlich: Auch wenn die Situation heute eine völlig andere ist: Wir schätzen dieses Virus und seine Mutanten als weltgefährdend ein. 

Damit werden die unscheinbarsten Alltagsbeobachtungen zu seismografischen Ausschlägen, die von den tektonischen Erschütterungen des sozialen Ganzen zeugen.

 Methodischer Einschub 

Der methodische Schritt, den Niklas Luhmann unternahm, bestand darin, dass er von einer handlungs- und verantwortungsgeleiteten Soziologie a’ la Max Weber abrückte und auf eine höhere Abstraktionsebene wechselte, in dem er von Operationen, Anschlüssen, Strukturen und Systemen ausging. Damit  ermöglichte er, dem “Sündenfall“, der Schuldzuweisung an Personen und Gruppen auszuweichen, dem heute die Kritiker ausgesetzt sind.  

Kommunikation und Fakten

Vielleicht kommen wir der Frage näher, wenn wir beobachten, wie wir über Fakten, Statistiken, Einschätzungen kommunizieren.

Die öffentliche Auseinandersetzung um Werte der Wissenschaften wird unter Fachleuten und Laien weitgehend mit naturwissenschaftlichen Argumenten geführt.

Ergänzt werden diese durch rechtliche Argumente und Fragen zur sozialen Gerechtigkeit und Verhältnismäßigkeit.

In all diesen Diskussionen fehlt aber eine ganz wesentliche Wahrnehmung, dass es sich bei all den Kontroversen zuallererst um eine Frage der Kommunikation handelt und weniger um Fakten.

Zur Kommunikation gehört wesentlich die Relativität von Fakten in der Diskussion anzuerkennen.

Wir kommunizieren über vorläufige naturwissenschaftliche Erkenntnisse,  aber tun so, als wären dies gesicherte Grundlagen für gesellschaftliches Handeln.

Die Natur (der Virus) ist uns aber letztlich weniger zugänglich als unsere Verständigung darüber. Wir verständigen uns  darüber, was dieses Virus ist und welche Wirkung es entfaltet, wissen aber wenig oder nichts über dessen soziale Wechselwirkungen.

Die Illusion, die uns die Mikrobiologen, die Immunologen usw. vermitteln, alles über das Virus zu wissen, ist lächerlich, wissen wir doch, dass dieses Wissen in drei Jahren, ja vielleicht sogar morgen museumsreif ist. Wir können und müssen auch den Umfang unseres Nichtwissens anerkennen und darüber kommunizieren lernen. 

Gerade der Begriff des Immunsystems vermittelt eine Vorstellung, von dem, was wirkt, aber nicht zugänglich ist. 

Mit dem Immunsystem wird etwas bezeichnet, von dem wir wissen, wie wir es stärken können, warum mache erkranken und andere nicht, bleibt weiterhin offen.

Ein weiteres Beispiel: Inzidenzwert: Für das Soziale ist entscheidend, worauf sich der Inzidenzwert faktisch bezieht. Für soziales Handeln benötigen wir Richtwerte, um das Soziale steuern zu können. Ob der Inzidenzwert geeignet ist, ist nicht nur eine Frage der Infektiologie, sondern auch eine Frage der Kommunikation über die Wahl dieses Bezugspunktes. 

Ganz brutal gesagt: Für das Soziale ist nicht entscheidend, ob die durch Insidenzwerte bestimmten Maßnahmen die Infektionszahlen und Todeszahlen senken oder nicht. Für das Soziale ist viel entscheidender, ob über einen Insidenzwert soziale Prozesse adäquat gesteuert werden können, ob Soziales zerstört wird oder gedeihen kann. 

Für das soziale Ganze sind medizinische Hygienemaßnahmen wie Isolierung nur ein Teil der Lösung, weitere Aspekte müssten berücksichtigt werden.

Ich möchte auf das Beispiel der Seniorenheime hinweisen, in denen betagte Menschen in Isolation sterben mussten, um die Bedeutung dieser Aussage zu unterstreichen.

Nicht ganz so, aber so ähnlich, verhält es sich mit Statistiken, Messwerten und anderen wissenschaftlichen Fakten. Sobald diese aus ihrem Bereich ins Soziale übertragen werden, kommen Belange hinzu, von denen die Spezialisten der Naturwissenschaften (9)  kein Wissen haben.

Oder anders gesagt: Die Eindämmung einer Pandemie geht über die hygienischen Maßnahmen zur Bewältigung einer Infektion weit hinaus. 

Wir haben es mit einer 

Krise des SOZIALEN 

und einer 

Krise der KOMMUNIKATION 

zu tun! 

GL

(1) siehe #luhmannsschwarzehefte nachgereicht wordpress

(2) An Gunnar Kaiser und dessen beredt leiernden Sprache kann abgelesen werden, wie bisher bewährte Kritik ins Leere läuft und nur mehr als ein Textrauschen wahrgenommen wird.

(3) die Verschiebung der Bedeutung von Begriffen fand nicht nur im Gesundheitswesen statt, sondern ebenso in der Politik, im Recht, in der Familie, in Wissenschaft und Bildung, in allen Bereichen des Sozialen. Die Verschiebungen dort aufzuspüren würde Interessantes freilegen

(4) Im nächsten Artikel in #luhmannsschwarzenheften wird simuliert, was gewesen wäre, wenn Covid Sars-19 in den 60er Jahren aufgetreten wäre…..ein erhellendes Konstrukt.

(5) Vor Corona wurden Diagnosen symptomatisch gestellt, unter Corona wurden microbiologische Kenntnisse herangezogen, das führte zu dieser Bedeutungsverschiebung. Einerseits werden Partikel des Virus gefunden (PCR Test), etwas anderes ist, ob man infizierte wird. Der Podcast von Drosten ist auf diesen Bedeutungswandel zurückzuführen, erkannte er doch schnell, dass bei einer Verschiebung in die mikrobiologische Diagnostik Aufklärung unbedingt nötig ist. 

(6) Das allgemeine Verständnis von Krankheit und Infektion entsprach natürlich nicht dem Stand der Wissenschaft, aber der Laie kam damit gut zurecht, während die detaillierten Viren-Fachkenntnisse zur Zeit jeden Bürger völlig überfordern.  

(7) Im letzten Beitrag, luhmansschwarzehefte wies ich auf das Verhältnis von Politik und Bürger hin, das seit längerem von tiefem Misstrauen durchsetzt ist, was auf ein Fehlen direkte demokratischer Strukturen hinweist.

(8)Die Beispiele hier stehen für unzählige: Ich stehe mit Maske im überfüllten Bus eng gedrängt, darf aber nicht in ein Geschäft, da sich schon zwei Personen im 40 m2 Laden aufhalten….  Die Lokale sind geschlossen, wo Abstand und Hygiene kontrolliert werden könnten, stattdessen treffen die Menschen sich privat und der Gesetzgeber möchte Grundgesetzänderungen durchsetzen (BRD) damit die Polizei in Privaträume eindringen darf…

(9)Medizin ist keine reine Naturwissenschaft, als Handlungswissenschaft war sie unter Corona völlig überfordert. 

Veröffentlicht von glierschofat

ein Zeichner, der gerne überzeichnet Vorsicht kann zur Satire gerinnen war Schüler und Mitarbeiter von Joseph Beuys & Bazon Brock

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