Corona-Offenbarung

Der aktuelle Leviathan: 

Begegnete man Bekannten, war es auf der Straße üblich, den Hut zu ziehen. Diese Geste bezeugte Respekt und der Hutträger gab sich zu erkennen, denn Hüte verändern die Physiognomie und das Gegenüber könnte einem verwechseln. 

Sehe ich jemanden, den ich zu kennen meine, im Bus, Zug oder sonst, wo Masken geboten sind, hebe ich auch kurz die Maske, um mich zu erkennen zu geben! 

Viele solcher, im einzelnen lächerliche Beobachtungen und deren Interpretation summiert, was ergeben sie? 

Eine Summe sozialer Verhaltensweisen, die uns verändert, an die wir uns gewöhnt haben und die wir ablegen, sobald Corona wieder vorbei ist?

Die Frage ist, haben sich im Sozialen Verhaltensweisen verändert, die wir wieder ablegen können oder hat sich ein grundlegender Strukturwandel vollzogen? 

Um diese Frage abwägen zu können, müssen wir zuerst einigen Denkmüll beiseite räumen. 

Corona ist die Umweltkatastrophe 

Die Auffassung, Corona wäre irgendwann, wenn die Impfung und die anderen Maßnahmen Wirkung zeigen vorbei, und wir würden dann wieder zum normalen Leben zurückkehren, täuscht! 

Ich denke, solche Täuschungen sind lebenswichtig, aber sind sie auch realistisch?

Es gibt nämlich nicht Corona, das wir bewältigen könnten und dort die Erderwärmung, die Co2-Verschmutzung, die  Energieknappheit, die wir anschließend zu bewältigen haben. 

Das Coronavirus ist eine der Wirkungen der von Menschen gemachten Umweltveränderung, die sich nicht nur an den schmelzenden Polkappen, an den verschmutzten Meeren und der Luft zeigen, sondern sich gerade in der microbiologischen Sphäre zeigt, bewirkt durch die  Veränderung des Wärmehaushalts unserer Erde.(1) 

Installationsraum „Unschlitt/Tallow (Wärmeskulptur auf Zeit hin angelegt)“ von Joseph Beuys.© Foto: dpa

Nicht nur in der Systemtheorie wird das Biologische als Umwelt des Sozialen benannt, sondern auch für die Humanbiologie stellt die restliche Natur deren Umwelt dar, deren Veränderungen sich auf die Befindlichkeit dieser Biologie auswirken.

 Brennglaseffekt 

Mit einem weiteren Bild, das die Diskussion bestimmt, muss aufgeräumt werden, mit dem sogenannten  Brennglaseffekt, der besagt, unter Corona würden bereits vorhandene Probleme wie durch eine Vergrößerungslinse deutlicher hervorgehoben. 

Der Brennglaseffekt gehört zu all jenen Erklärungsmustern, die jetzt aus dem Bauchladen der Ideologien gezaubert werden, um die Gegenwart so zu erklären, wie bisher soziale Probleme erklärt wurden. 

Die Metapher besserer Sichtbarkeit vermittelt, es sei alles wie immer, unter Corona sähen wir die Probleme nur  deutlicher, die bekannten sozialen Phänomene würden in Corona verstärkt auftreten, Klassengegensätze würden deutlicher, Arme und Menschen mit Emigrationshintergrund, Frauen,  Alleinerziehende usw. seien unter Corona benachteiligt.

All das stimmt, nur erfassen wir damit wirklich die sich gerade verändernde Situation? 

Ich ahne, und viele Hinweise sprechen dafür, dass wir es mit einer Veränderung im Sozialen zu tun haben, die tiefgehend ist, die wir aber nur an Verformungen und Defiziten festmachen können.

Wie sollen wir sehen, was wir werden wollen, wenn das Wollen sich seinerseits nur in Visionen, in Bildern zu erkennen gibt? 

Tote bewirtschaften

Eines hat Corona deutlich gezeigt: 

Alle bisherigen Erklärungen der Welt funktionieren nicht mehr.

Nichts wird unter Corona so deutlich, wie die Tatsache, dass alle bisherigen Denkmuster und dazugehörigen Handlungsanweisungen (2) nicht mehr ausreichen, um denkend und handelnd der jetzigen Situation gerecht zu werden. 

Seitdem das Primat der Wirtschaft vom Primat der „Gesundheit“, in dem es nie um Gesundheit, sondern nur um Infektionszahlen geht, abgelöst wurde, ist die gesamte soziale Tektonik verschoben und Anschlussstellen zwischen den sozialen Systemen und Strukturen abgetrennt worden. Was bisher durch Wirtschaftlichkeit bestimmt war,  muss jetzt den Todeszahlen und Intensivbettenzahlen untergeordnet werden.

Obwohl, genau genommen Statistiken nicht anderes sind, als gewandelte Argumente des Ökonomischen: unter Corona werden auch Tote bewirtschaftet!

Der strenge Fokus, wir müssten Corona unter allen Umständen mit rational vernünftigen Mitteln zurückdrängen, hat alle Verhältnismäßigkeit eingebüßt.

Eine Ausgewogenheit kann nur erreicht werden, wenn der Kampf um den Primat wieder aufgenommen wird und andere Lebensbereiche ihre Interessen ebenso massiv einbringen. 

Die üblicherweise hier einsetzende moralische Frage (muss der Staat jedes Leben schützen), lenkt, wie die Frage nach Wahrheit, mehr von der sozialen Problematik ab, als dass sie Lösungen verspricht. 

Die Sau rauslassen

Das folgende ist eine Offenbarung

Wenn ich die Ursache der Hilflosigkeiten, denen wir zur Zeit ausgesetzt sind, mit einem „Versagen der Demokratie“ bezeichne, muss ich anfügen, dass ich damit nicht jene Demokratie meine, die wir bisher als solche kennengelernt haben. (3) 

Unter Demokratie verstehe ich einen Aspekt der Demokratie, den wir bisher zu wenig wahrgenommen haben. Dadurch, dass wir demokratische Defizite zu spüren bekommen, erkennen wir aber, wo und wie auf diese reagiert werden könnte.

An den erkennbaren Defizite erahnen wir eine zukünftige Demokratie.

Wir sehen einen langen Strang an Defiziten, auf deren anderen Seite eine Hoffnung aufleuchtet (4). Daran können wir einfallsreich anschließen, um Demokratie auf einer höheren Ebene zu erneuern.

Es hängt einem zum Halse raus..

Zur Bilanz der Defizite gehört die verklebte Allianz öffentlicher Medien mit Parteien und Funktionären, sowie das Fehlen von direkt-demokratischen Strukturen.

Es bleibt einerlei, ob wir eine Talkshow von Anne Will, Markus Lanz, Barbara Stöckl oder Servus-TV im Hangar-7 in Salzburg einblenden,  sogar in den Sternstunden der Philosophie im SRF-Kultur ist zu bemerken, wie alle am Tropf des Staates – des Leviathan – hängen. 

Von der Auswahl der Kandidaten bis zur Technik der Fragestellung und der Themenwahl bekommen wir nichts anderes zu hören und zu sehen, als das Einüben in langweilige staatspolitische Fragerituale, in Konformität! (5)

In den Talkshows werden Kabinette nachgestellt mit den dazugehörigen fachlichen Beratern, die dem Zuseher vermitteln, er würde am politischen Geschehen und dessen Entscheidungen als Pseudo-Souverain teilnehmen.

Fragen, die über das Pragmatische hinausgehen, größere Zusammenhänge herstellen, Visionen des Zukünftigen in Krisenzeiten andeuten, gibt es kaum, in diesem zerfasert kleingehackten Coronadeutsch der Medien.

Dieses emsige Bemühtsein, immer das Gute und Richtige zu wollen, hängt einem so was zum Hals raus…

Jede billige Operette und jedes Musical ist einfallsreicher inszeniert, als diese Demonstrationen medialer Rationalität und Staatstreue. 

Wenn Herr Lauterbach wenigstens singen würde…?

Engführung der Wissenschaft

Egal welchen Wissenschaftszweig wir beobachten, im besonderen die Naturwissenschaften ( Biologie,  Medizin, Statistiken),  sie benötigt eine  Engführung ihres  Beobachtungsausschnittes. Engführung, auch Spezialisierung genannt, ist heute die einzige Möglichkeit zur wissenschaftlichen Leistungssteigerung. Im Fall von Corona ist gerade dieser Vorteil das Handicap. 

Die InfektiologIn kennt sich mit Infektionen aus, weiß aber nichts, oder sehr wenig über das Immunsystem und dessen Wirkung, über das Zusammenspiel des Immunsystems mit Ernährung, Lebenshaltung und Umwelt. Zumindest ist das nicht das Feld, das sie erforscht hat.

Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf den Inzidenzwert 35, 120, 400 und mehr. Aber bitte, wer fragt nach den 90880 Menschen, die nicht angesteckt wurden, demselben Risiko ausgesetzt waren. Über welche Abwehrkräfte verfügen sie, welche Umständen führten dazu, dass sie nicht angesteckt wurden? 

Diese meist ausgeblendeten Fragen sind fachlich und sachlich mindestens genauso bedeutend, wie die Infektionszahlen selbst, werden aber bei der Krisenbewältigung weitgehend ausgeschlossen, gehören nicht in den Wunschkatalog mit der Aufschrift: „staatstragend“.

Was ich damit sagen will, die Faktenlage als Grundlage der Entscheidungen ist äußerst dünn, wir tun aber so, als wäre in dem engen Ausschnitt das Wesentliche enthalten.

Ausschnitthafte Kenntnisse bestimmen die Wissenschaft aber auch die Politik, Wirtschaft, Familie und andere Sozialen Systeme.

Diese Ausschnitte. zu einem höheren Ganzen zusammenzuführen wäre das Ideal der Demokratie. 

Widersprüche offen halten 

Da Demokratie kein Puzzle ist, das wir nur richtig aneinanderfügen müssen, ist ihr der Widerspruch eigen.  

Gesprächsformen zu haben, um Widersprüche so lange als möglich offen zu halten, ist ein entscheidendes Werkzeug der Demokratie. 

Widersprüche auszuhalten, hat die parlamentarische Parteien-Demokratie mit ihrer Wahlpropaganda und ihrer manipulativen Allianz von Politik und öffentlichen Medien sich selbst ausgetrieben. 

Die Talkshows sind nur ein Beispiel. Der gesamte  Bereich der öffentlichen Medien ist sich mit der Politik einig: 

Das  Volk ist zu dumm, die wesentlichen Fragen zu verstehen

Diese unausgesprochene volkspädagogische Prämisse von Politik und Medien bestimmt die Themenwahl und deren Behandlung, ihr Niveau, die Art der Emotionalität, die Zeitrhythmik, die Intensität und Länge der Aufmerksamkeiten, die manipulativ gesteuert werden. 

Die Medien bestimmen was Thema ist 

Wer, wie ich, die letzten großen Wahlen in der BRD und in Österreich auf die Frage des Geldes hin beobachtet hat, musste feststellen, dass das Thema des Geldwertes, welches in Fachkreisen alarmierende Dimensionen angenommen hatte, in Österreich unter dem Schlagwort „was bleibt im Börserl über“ abgehandelt wurde. Politik und Medien waren sich einig, dass das komplizierte und emotionale Thema Geld in der Wahlphase kein Thema sein darf, es so aufbereitet werden muss, dass es den Egoismen des Einzelnen entspricht.

Das Fehlende weist in die Zukunft

Das oben genannte Defizit weis darauf hin, dass Medienvertreter und Politiker in diesem Medien-Filz sich selbst längst von den wesentlichen Fragen abisoliert haben. Was sie uns antun, das tun sie auch sich selbst an. 

Mit ihren manipulativen Strategien berauben sie sich aller Mittel, die sie jetzt unter Corona dringend benötigen würden, um Fragen offen zu halten. Einfach gesagt, es fehlt ihnen jetzt an Techniken, um Offenheit zuzulassen (6). Sie verstehen sich nicht mehr als Scouts für Menschen, die ungewöhnliche Blicke auf Phänomene ermöglichen. Die ModeratorInnen bemerken nicht einmal mehr, das ihr spezialisierter Focus eine offene Auseinandersetzung verhindert.

Offenheit wäre zur Zeit der Lösungsansatz, damit ein freier kreative Geist walten und gestalten kann. 

Gepanzerte Demokratie 

Über Jahrzehnte haben sich Medienvertreter gegen offene Frage abgeschottet und jedem auf die Finger geklopft, der ganz naiv Fragen stellte.

Die eingeübte Taubheit und psychische Abpanzerung von Politik und Medien hat eine desperate Welt zur Folge, die sich vermeintlich in einem Machkampf befindet, in der  große Teil der Bevölkerung in Resignation, Ignoranz oder Desinteresse abgetaucht sind oder einen immer höheren Level an Sicherheit und Kontrolle – bis zur Garantie auf Leben – fordern.

Die medial aufgedrückte, in uns eingeschriebene Sprache – wo sehen wir sie deutlicher – als in dem Wunsch, sich Sprache und Bild einbrennen zu lassen? 

Solange wir in Demokratien leben, in denen Parteien und Lobbies Zugriff auf unzählige Leitungsposten in staatlichen und staatsnahen Institutionen haben, Wahlen nur  Scheinkämpfe um Stellen in Aufsichtsräten, in leitenden Positionen bei Ministerien, staatsnahen Institutionen, Banken und Betrieben sind, wird Politik nicht jene Kreativität entwickeln können, derer sie bedarf, um all jene Fragen offen zuhalten, die nicht sofort pragmatisch gelöst werden können! 

Direkte Demokratie & Expertise

Gerade unter Corona wäre die Idee der Direkten Demokratie neu zu denken. 

Direkt-demokratische Formen könnten jene unumgänglichen Expertisen erbringen, die die Politik gerade dringend nötig hätte. 

Wie das Beispiel der Volksabstimmung zu staatlichen Rundfunkgebühren (no billag) in der Schweiz zeigte, kann kein noch so kompetentes Gremium an Fachleuten eine so exzellente Expertisen über ein Thema  erarbeiten. 

Dazu kommt, dass mit der Mehrheitsentscheidung ein Großteil der Bevölkerung die notwendig Voraussetzung zur Realisierung des Gewollten mitbringt.

Demokratie ergänzt partielle Sachkenntnis 

 Die Frage, die uns Corona stellt hängt mit der Weiterentwicklung von Demokratie zusammen. Demokratie ermöglicht uns, die partiellen Sichtweisen der verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche zusammenzubringen, ohne jeweils die unterschiedlichen Standpunkte aufgeben zu müssen. 

Künstler, Dichter, Denker

haben über Jahrzehnte geübt, Fragen offen zu halten und sind dazu in einem hohen Maß befähigt.

Von Künstlern wie Christoph Schlingensief, Jonathan Meese, von Joseph Beuys, von Bazon Brock…

von DichterInnen wie Peter Handke, Christine Lavant und  Robert Musil … 

könnten Wissenschaftler, Medienmacher, Medienvertreter, Politfunktionäre und deren Tross an Beratern profitieren!

Lasst das Zungenreden wieder zu!

GL

(1) Die Idee der „sozialen Plastik“ von Joseph Beuys basiert auf der Idee des Wärmehaushaltes der Erde. Alle seine Skulpturen aus Fett, Talg und Gelatine weisen auf die plastische Kraft von Wärme hin!

(2) Kritik am Kapitalismus, Systemtheorie, Wirtschaftsliberalismus, Kollonialismuskkritik, Genderthematik…

(3) Die Gefährdung der Demokratie durch Grundrechtseinschränkungen, wie sie von Juristen zur Zeit beobachtet werden, ist hiermit nicht fokussiert, hier wird  ein Aspekt der Verschränkung von Gesetzgebung, Expertise und Durchsetzung der Gesetze angesprochen. 

(4)Friedrich Hölderlin Zitat aus dem Gedicht

„Patmos“: „Nah ist / und schwer zu fassen der Gott. / Wo aber Gefahr ist, wächst / das Rettende auch.“

(5)Die Gegner der offiziell verlautbarten Auffassungen wie Wodarg, Bhakti & Co. gehören auch in das Bild mit hinein. Die Dialektik lehrt uns, wie Position und Negation sich wechselseitig bedingen.

(6) Sie können an jeder Talkshow, an jedem medial vermittelten Gespräch mit Fachleuten beobachten, wie die ModeratorInnen sich mit ihrer Fragetechnik behindern und damit nur  gewünschte Antworten erhalten.

Veröffentlicht von glierschofat

ein Zeichner, der gerne überzeichnet Vorsicht kann zur Satire gerinnen war Schüler und Mitarbeiter von Joseph Beuys & Bazon Brock

2 Kommentare zu „Corona-Offenbarung

  1. Vielen Dank! Die Schweiz muss sich anpassen an die Nachbarländer, bez. C-Massnahmen, und fürchtet um die direkte Demokratie. Es gibt Initiativen zum Erhalt der Demokratie. Das Parlament ist hier auch das Marionettentheater der Wirtschaft.
    Das Volk ist jedoch Coronamüde und hat nur noch 49% Vertrauen in das Parlament, da Perspektiven fehlen.

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