Don Quichotte 

Das Stück eines französischen Komponisten aus der späten Romantik wieder aufzunehmen ist lobenswert, aber sollten die Beteiligten sich dann nicht auch fragen, welche gesellschaftliche Funktion das Stück damals spielte und welche es heute spielen könnte.

Schon alleine das Bühnenbild, das an spätromantische Bühnen erinnert und Inszenierungen im damaligen Bayreuth mit assoziiert, lässt nichts gutes erwarten.

Barbach* meinte im Begleitheft, es würde die Psychologie der Figuren genügen, um dem Stück Aktualität zu verleihen und Toogood* meinte dazu passend, die Gefühle, die die Musik vermittelt, seien echt. 

Wurde wahrgenommen, wieviele Salondamen seit 1900 mit den Namen Cosima…, Alma…, Margarete…, Lou, Alice… Scharen von Anhängern um sich versammeln konnten. War im Vorfeld die Frage aufgeworfen worden dass heute eine Giorgia Meloni, eine Alice Weidel, eine Marie Le Pen das Phänomen der Dulcinéé für sich in Anspruch nehmen? 

Durch  Volkfeste, in denen die Chorleute sich aus der Mottenkiste des Kostümverleihs ihre individuelle Kleidung  auswählen, wird das gegenwärtig am rechten Rand einprägsame weibliche Rollenbild, das existenziell  Fragen auf sich vereinigt, nicht erklärbar.

Haben die Regisseurin und der musikalische Leiter eine Ahnung, wieso jemand Ende des 19. Jahrhunderts einen Don Quichotte, diese lächerliche Figur eines Ritters, der ritterlichen Idealen folgt und der längst aus der Zeit gefallen war, auf der Bühne wiederbeleben wollte?

Sollten die Verantwortlichen in der Vorbereitung solche Überlegungen angestellt haben, konnten sie dieses vor uns, dem Publikum gut verbergen.

Nicht einmal der lange Narr und sein treuer Weggefährte mit der schönen Stimme konnten über diese klaffenden Lücken hinwegtäuschen. 

Auch die Tänzer könnten dagegen nichts ausrichten. Was sonst als schöne Bewegung erscheinen könnte, wird zu einem hilflosen Herumfuchteln mit Tüchern. Die Tänzer können nicht die Parallele von technischer und sozialer Entwicklung „wegwachteln“ die im Symbol der Windmühlen angelegt ist und die die Dramaturgie völlig ignoriert hat. 

Auch die interessante, vielfältige und elegant vorgeführte Musik hilft dem Zuhörer nicht, um ihn über die nicht bewußte gewordene geistesgeschichtliche Differenz von damals zu heute hinwegzutragen.

Wurde bedacht, dass die in dem Stück verwendete Methode, alle Zeiterscheinungen auf eine Person – ob Don Quichotte  oder Christus – zu projizieren, unwillkürlich auf eine Rutschbahn hin zur Führerkult gleitet, dem Ernesto Che Guevara im Abschiedsbrief an seine Eltern Ausdruck gab.  

Bei objektiv sich verändernden Bedingungen – mit aufkommen der Presse, des Buchdrucks, der industriell technischen Beschleunigung – wird jede Psyche überstrapaziert. Werden diese „objektiven“ Veränderungen nicht mit in den Blick genommen, müssen sie beruhigend von Tänzern weggewachtelt werden.

Aber vielleicht kann man ja solche soziologischen  Kenntnisse heute von Regie und musikalischer Leitung wie Intendanz nicht mehr verlangen. 

Meint jemand vom Theater, wir, das Publikum würden uns heute mit romantischen Weltentwürfen zufrieden geben, wissen wir doch und erlernen es täglich als Konsumenten , dass jedes Gefühl, in den Medien und im Theater von uns genauso erwartet wird?

Wir wissen, es gibt im Theater kein echtes Gefühl, außer jenes das uns als echtes verkauft wird. 

Nur Humor kann uns über diese Schwelle hinweghelfen – diesen durften wir in der Aufführung von „Don Quichotte“ im Landestheater in Innsbruck aber eher homöopathisch genießen.

Alle Schönrederei in Interviews, Pressetexten und Kritiken helfen über die Hilflosigkeit dieser Dramaturgie nicht hinweg. 

GL 

* Ich nenne Julia Burbach und Matthew Toogood ohne Vornamen, da sie in ihrem Text Jules Emile Frédéric Massenet ausschließlich als Messenet ansprachen, so als handelte es sich dabei um eine Bett- oder Fleischrolle.

Veröffentlicht von glierschofat

ein Zeichner, der gerne überzeichnet Vorsicht kann zur Satire gerinnen war Schüler und Mitarbeiter von Joseph Beuys & Bazon Brock

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